Berlin-Kreuzberg wird schick

Viele Alteingesessene können sich die Mieten nicht mehr leisten

Kultur | Forum am Freitag - Berlin-Kreuzberg wird schick

Als Kreuzberg noch von der Mauer umgeben war, siedelten sich dort viele Türken an. Jetzt liegt der Stadtteil in der Mitte - und wird immer teurer. Viele können sich die Mieten nicht mehr leisten.

Beitragslänge:
14 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.09.2017, 23:59

Als Berlin-Kreuzberg noch von der Mauer umgeben war, siedelten sich in diesem Randgebiet viele Türken an. Jetzt liegt der Stadtteil zentral - und wird immer teurer und teurer. Viele alteingesessene Kreuzberger, die Studenten und Türkischstämmigen, die den Flair ausgemacht haben, können sich die Mieten nicht mehr leisten und ziehen weg. Dagegen rührt sich Widerstand. "Forum am Freitag"-Moderator Abdul-Ahmad Rashid hat den Stadtteil und die Kreuzberger Protestanten besucht.

Kreuzberg im Westen Berlins war über viele Jahre das "Auffangbecken" für die frisch angekommenen "Gastarbeiter". Als im Zuge des Anwerbeabkommens von 1961 viele türkische Arbeitskräfte in die Stadt zogen, verfiel der Bezirk gerade mit dem Bau der Berliner Mauer zu einem Randgebiet, das Privatpersonen und Geschäftsleuten wirtschaftlich wenig zu bieten hatte. Mit dem Fall der Mauer rückte aber Kreuzberg wieder geographisch in das Stadtzentrum - mit Konsequenzen. In Zeiten der immer weiter voranschreitenden Gentrifizierung ist Kreuzberg längst nicht mehr das Türkenviertel, wie er einst genannt wurde.

So ist die Kreuzberger Bergmannstraße, die sich seit den 90er Jahren zu einer beliebten Flaniermeile entwickelt hat, zu einem Tourismusmagneten und lukrativen Viertel für Immobilien herangewachsen – genauso wie der Kurfürstendamm, Unter den Linden oder die Oranienburger Straße in Mitte. Zwar leben in Kreuzberg immer noch vergleichsweise mehr türkeistämmige Berliner als in anderen Stadtvierteln, doch seit die Mieten für Wohn- und Gewerberäume drastisch angezogen haben, ziehen auch sie wie viele andere Betroffene, weg aus ihrem Kiez in andere Bezirke.

Problem Mieterhöhung

Der "Türkische Bund Berlin" erklärte, dass Migranten von der Verdrängung am stärksten betroffen seien, da sie zu den einkommensschwächsten Gruppen gehören würden. Viele von ihnen seien entweder arbeitslos oder gehörten zu den Geringverdienenden. Doch auch Menschen mit relativ gutem Einkommen wären von der Situation betroffen. Um über die letzten Entwicklungen auszutauschen und nachhaltige Lösungskonzepte zu entwickeln, hat der Bund deshalb mit Franz Schulz, dem Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Kontakt aufgenommen.


Kreuzberg ist bis heute aus vielen Gründen sehr beliebt und hat dementsprechend einen enormen Zuzug. So hält sich die Legende, der Döner Kebap im Fladenbrot sei 1971 hier erfunden worden. Doch nicht zuletzt deshalb hat es Studenten, Bildungsbürger und Künstler seit jeher als Zeichen der Ablehnung einer Monokultur zu einem der buntesten Teile Berlins hingezogen. Lieder wie "Kreuzberger Nächte" und Filme wie "Linie 1" verbreiteten das Lob Kreuzbergs in ganz Deutschland. Gemeinsam mit Migranten ist in Kreuzberg ein Miteinander möglich geworden, das nahezu allen Unterschieden getrotzt hat. Hier gibt es ein Verstehen und Akzeptieren des vermeintlich Anderen.

Kreuzberg wird sich ändern - zum Schlechteren?

Damit dieses lebende Miteinander Bestand hat, reicht jedoch nicht nur ein Bevölkerungsmix über die Kultur, Religion oder Hautfarbe. Es hängt auch von der Frage ab, ob sich finanzschwächere Menschen überhaupt noch eine Umgebung wie Kreuzberg leisten können. Wenn diese Gruppe wegfällt, geht genau das verloren, was den Bezirk überhaupt erst zu der hippen Szene verholfen hat und bis heute noch ausmacht. Mit einer unkontrollierten Gentrifizierung folgt eine erneute Trennung von sozialen Räumen zwischen Arm und Reich, Jung und Alt. Maßnahmen wie mehr sozial geförderter Wohnraum und strengere Regeln für Ferienwohnungen können diese Entwicklung stoppen, so zumindest die Ansicht des "Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg".

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet