Bestattung auf islamisch

Muslimische Beerdigungsriten und -regeln

Kultur | Forum am Freitag - Bestattung auf islamisch

Immer mehr Muslime wollen nach ihrem Tod in Deutschland statt etwa der Türkei bestattet werden. Kamran Safiarian trifft Mohamed Oudrefi, der in München Menschen nach islamischen Regeln beerdigt.

Beitragslänge:
11 min
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Video verfügbar bis 31.08.2017, 23:59

Immer mehr Muslime wollen nach ihrem Tod nicht mehr in die alte Heimat oder die Heimat der Eltern ausgeflogen werden, sondern in Deutschland bestattet werden. Deswegen gibt es Bestattungsinstitute, die sich auf Muslime spezialisiert haben. "Forum am Freitag"-Moderator Kamran Safiarian trifft Mohamed Oudrefi, der in München Menschen nach islamischen Regeln beerdigt.

Am 14. August 2012 hat das Bundesland Hamburg mit muslimischen Verbänden und der alevitischen Gemeinde Vertragsentwürfe vorgestellt, die grundlegende Fragen zum islamischen Leben in der Hansestadt regeln sollen. Die Verträge enthalten neben Bestimmungen zu religiösen Feiertagen, zum Betrieb von Gebetsstätten und der Erteilung von Religionsunterricht an den Schulen auch Regelungen zur muslimischen Bestattung.

Immer mehr muslimische Bestattungen in Deutschland

Auch wenn ein Großteil der Muslime in Deutschland bei ihrem Tod immer noch in ihr Herkunftsland bzw. das der Eltern überführt und dort beigesetzt werden, wächst die Zahl der muslimischen Bestattungen in Deutschland. Doch wie erfolgt eine Bestattung nach islamischem Brauch und wo spielen die rechtlichen Rahmenbedingungen eine Rolle?

Der rituelle Ablauf der islamischen Bestattung umfasst Handlungen und Gebete sowohl vor als auch nach dem Tode eines Menschen muslimischen Glaubens. So wird gemeinsam mit dem Sterbenden, sofern dieser in der Lage ist, das Glaubensbekenntnis gesprochen. Mit seinem Ableben übernehmen Personen gleichen Geschlechts die rituelle Waschung, bei Männern ist dies gewöhnlich der Imam, der Vorbeter der muslimischen Gemeinde, bei Frauen ein weibliches Familienmitglied oder Angehörige. Während in einem muslimischen Land sich die Räumlichkeiten für die Waschung gewöhnlich in einer Moschee oder am Friedhof befinden, müssen die Waschungen in Deutschland meist in den Krankenhäusern durchgeführt werden. Erst seit dem Bau von repräsentativen, das heißt "echten" Moscheen, ist die Waschung auch in einer Moschee möglich, wie etwa in der Berliner Sehitlik-Moschee.

Was nach dem Tod eines Angehörigen zu tun ist

Nach der rituellen Waschung wird der gesamte Körper des Leichnams sorgfältig in ein Kefen, einem nahtlosen Leinentuch, gewickelt. Es handelt sich dabei um den gleichen Stoff, den die Pilger während der Wallfahrt nach Mekka als Kleidungsstück tragen. Nach der rituellen Waschung folgt noch vor Ort das Totengebet. Das Gebet wird von den Anwesenden gemeinsam mit dem Vorbeter und im Gegensatz zum rituellen Gebet nur im Stehen verrichtet. Damit der Verstorbene ohne Last vor Gott treten kann, stellt abschließend der Imam die ritualisierte Frage an die Gemeinde, ob der Verstorbene finanzielle oder nicht materielle Verpflichtungen hatte und ob die Gemeinde den Verstorbenen als eine rechtschaffene Person kannte.

Daraufhin wird der Leichnam von der Gemeinde in einem Sarg zu Grabe getragen. Da das Tragen des Sarges eine ehrenvolle Aufgabe ist, wechseln sich die Sargträger von vorn nach hinten im Rotationsprinzip ab, so dass alle Gemeindemitglieder daran beteiligt sind. Schließlich wird der Verstorbene aus dem Sarg gehoben und rechtsseitig oder auf den Rücken gelegt bestattet, das Gesicht mit dem Blick auf die Kaaba, der Heiligstätte der Muslime in Mekka. Ähnlich einer christlichen Beisetzung, werfen die Anwesenden ein wenig Erde auf das Grab. Bevor das Grab von Familienmitgliedern aufgeschüttet wird, werden über den Verstorbenen Holzbretter angebracht, so dass dieser später nicht direkt von der aufgeschütteten Erde bedeckt wird.

Muslimische Riten versus deutsche Friedhofsordnung

Die Bestattung soll möglichst noch am selben Tag vollzogen werden. Die Erde, in die der Verstorbene hineingelegt wird, muss zudem unbenutzt sein. Es darf nicht der gleiche Platz genutzt werden, in dem bereits eine Bestattung stattfand. Islamische Gräber sind somit dauerhaft auf eine Person beschränkt. Die Erdbestattung ist auch die einzig mögliche Bestattungsform, eine Feuerbestattung ist nicht erlaubt.

Die Unterschiede zu den bisher gesetzlich geregelten Friedhofsbestimmungen in Deutschland treten in mehreren Punkten hervor: Es beginnt mit der unbegrenzten Liegefrist der Verstorbenen. Diese stand den auf deutschen Friedhöfen gesetzlich festgelegten Ruhefristen lange Zeit entgegen. So konnte sie teilweise nur auf Antrag verlängert werden, aber auch nur dann, wenn von Beginn an zeitlich verlängerbare Gräber gewählt wurden. Die religiös gebotene ewige Totenruhe, wie sie auch im jüdischen Glauben verankert ist, kann zwar auch symbolisch verstanden werden, etwa bis zu dem Zeitpunkt, wo eine Exhumierung durch den Zerfall nicht mehr möglich ist. Was jedoch ausgeschlossen wird, ist eine anderweitige Nutzung der Ruhestätte.

Sargpflicht und Friedhofszwang

Ein weiterer Aspekt ist das Gebot, den Verstorbenen noch am Sterbetag zu bestatten. Es widerspricht der gesetzlichen Vorschrift, eine Wartezeit von gewöhnlich 48 Stunden einzuhalten. Auch die Sargpflicht bei Erdbestattungen ist ebenso wie der Friedhofszwang Teil des deutschen Bestattungsgesetzes und war lange Zeit der wesentliche Grund, weshalb viele Muslime in ihrem Herkunftsland bestattet wurden. Das Bundesland Berlin lockerte im August 2010 diese Vorschrift mit dem "Gesetz zur Integration und Partizipation" durch die Abschaffung der Sargpflicht, die ausdrücklich auch für Nichtmuslime galt.

Auch die Bestattung im Sarg stellt mittlerweile keinen direkten Widerspruch zur islamischen Tradition, doch scheiden sich die Meinungen der Gelehrten bei der Deutung der religiösen Texte, ob die sarglose Bestattung tatsächlich religiös geboten wird. Oft wird der Mangel an der Ressource Holz in der Ursprungsregion des Islam und die Kostenersparnis für die Hinterbliebenen als Gegenargument genannt, die die Tradition einer sarglosen Bestattung hervorgebracht haben sollen. Wie es auch im christlichen Glauben unterschiedliche Bibeldeutungen gibt, lässt auch der Koran beim Sargzwang unterschiedliche Deutungen zu. Tatsächlich werden in Deutschland häufig Muslime in Särgen beigesetzt, selbst wenn die Friedhofsordnung eine Bestattung auch im Tuch erlauben würde.

Die Verträge, die mit der Zustimmung der Hamburger Bürgerschaft in Kraft treten werden, versteht die Stadt Hamburg als Zeichen der Anerkennung der Menschen muslimischen und alevitischen Glaubens als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger. Im Hinblick auf die muslimischen Bestattungen heißt das, dass sie respektiert und nun auch rechtlich abgesichert sein werden und eine Praxis bestätigt wird, die seit Jahren in Kraft ist.

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