Bildung ist das Wichtigste

Probleme muslimischer Jugendlicher in Deutschland

In Deutschland leben derzeit über drei Millionen Menschen muslimischen Glaubens - ein Großteil in der dritten und vierten Generation. Viele der jugendlichen Muslime die hier aufgewachsen sind, haben immer noch mit Integrationshemmnissen zu kämpfen.

Jugendliche verschiedener Nationalitäten Quelle: dpa

In Deutschland fehlten lange Zeit seriöse Statistiken und Einblicke in den Alltag und in die Lebenswelten muslimischer Familien. Wie erste qualitative Studien zeigen, leben viele Kinder und Jugendliche im deutschen Alltag in gegensätzlichen Kulturen.

Kultureller Spagat

IIhr Elternhaus erleben viele Jugendliche, so die Sozialpsychologin Christine Henry-Huthmacher, als kulturelle Enklave in der Mehrheitsgesellschaft. Im neuesten Buch der niederländischen Autorin Margalith Kleijwegt "Schaut endlich hin. Wie Gewalt entsteht - Bericht aus der Welt junger Immigranten" beschreibt Henry-Huthmacher die Situation junger Immigranten in Deutschland. Rigide Moral- und Wertevorstellungen und autoritäre Strukturen kollidieren mit einer als liberal erlebten westlichen Gesellschaft - zwei Lebenswelten, die nicht zueinander passen.


Autoritäre Erziehungsmethoden wie die Prügelstrafe und innerfamiliäre Gewalt, so Henry-Huthmacher weiter, seien Auslöser späterer Gewalttätigkeiten junger Migranten. Dass Kinder mit Migrationshintergrund meist aus sozial benachteiligten Schichten kommen und vergleichsweise schlechte Deutschkenntnisse besitzen, fördere die Isolation und die Ghettoisierung und sei gleichzeitig Keimzelle für eine Spirale der Gewalt. Hinzu komme, dass Kinder und Jugendliche ihren Eltern gegenüber eine gewisse Überlegenheit verspürten, da sie meist mehr soziale Kontakte haben und die Sprache besser beherrschen.

Bildungsmisere

Mehr als 70.0000 Schüler in Deutschland sind muslimischen Glaubens. Vor allem türkische Jugendliche besuchen überproportional häufig die Hauptschule und weisen die niedrigste Gymnasiastenquote auf, so der Bericht zur Lage der Ausländer in Deutschland vom Dezember 2007. Fast jeder fünfte Jugendliche aus einer Einwandererfamilie verlässt die Schule ohne einen Abschluss.


Auch auf dem Ausbildungsmarkt sieht die Lage schlecht aus. So bleiben 40 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Anschluss an die Schulzeit ohne jede weitere Ausbildung. Die fehlenden und unzureichenden Qualifikationen seien einer der Hauptgründe für das doppelt so hohe Arbeitslosigkeits-Risiko unter Migranten im Vergleich zu Deutschen, so der Bericht. Bezogen auf einzelne Herkunftsländer ist die Quote der Unqualifizierten unter Migranten türkischer Herkunft am höchsten. Nur 40 Prozent der Migrantenkinder machen einen mittleren oder höheren Schulabschluss. An den Universitäten beträgt der Anteil von Studenten mit Migrantionshintergrund nur 3,3 Prozent.

Ausgrenzung und Gewaltpotenzial

Hätten Jugendliche mit ausländischen Eltern die gleichen Bildungschancen wie gleichaltrige Deutsche, stellt der Kriminologe Christian Pfeifer in einer Studie fest, ginge auch die Zahl der Gewalt- und Intensivtäter unter ihnen zurück. "Zwar sei die Jugendkriminalität kein Ausländerthema", so Pfeifer, doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 43 Prozent der Gewalttaten in Großstädten werden von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen.

Bestätigt wird dieser Trend von einer Studie des Innenministerums zu Gewalt gegen Andersgläubige vom Dezember 2007. Sie stellt fest, dass jeder vierte junge Anhänger des Islam zu Gewalt gegen Andersgläubige bereit sei. Auch der Kultur und Sozialanthropologe Werner Schiffauer betont den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Ausgrenzung und einer zunehmenden Religiosität und Islamisierung muslimischer Migranten. "Jugendliche etwa, die in der dritten Generation in Deutschland leben, fühlen sich als Deutsche und werden trotzdem nur als Ausländer wahrgenommen." Diese Jugendlichen suchten Antworten auf ihre Diskriminierung, die sie dann in ihrer religiösen Identität und Zugehörigkeit fänden, so der Forscher.

Defizite und Auswege

Islamunterricht Quelle: dpa

"Obwohl knapp ein Viertel der in Deutschland geborenen Kinder einen Migrationshintergrund haben, sind Lehrer mit dieser Herkunft immer noch die Ausnahme", reklamieren die Autoren des Buches "Islam im Klassenzimmer - Impulse für die Bildungsarbeit". Über 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer seien Deutsche. Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen sind eine wesentliche Voraussetzung für eine bessere Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation für Jugendliche mit Migrationshintergrund und somit auch ein besserer Integrationskatalysator.



Die Fürsorge beginne, so das Fazit des Buches "Schaut endlich hin. Wie Gewalt entsteht - Bericht aus der Welt junger Immigranten", im Kindergarten mit einer verbesserten Betreuung ausländischer Kinder. Das bedeute Sprachförderung, Einbeziehung der Eltern in den Kindergarten und in die Schule. Und nicht zuletzt müsse vor allem in den Hauptschulen Gewaltprävention betrieben werden, um die Spirale der Gewalt zu beenden, so das Fazit. Erste Gehversuche in diese Richtung sind bereits getan, wie der nationale Integrationsplan der Bundesregierung zeigt.

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