Burhan Kesici im Chat

Eine Stunde lang stand er Rede und Antwort

Der Berliner Burhan Kesici über Integration durch Jugendarbeit und sein Bemühen um mehr Schulbildung für muslimische Kinder.

Burhan Kesici in einem Berlin-Kreuzberger Jugendtreff. Quelle: ZDF


Frage: Hallo Herr Kesici, was halten Sie von Konvertiten? Neigen diese zu Extremismus?

Burhan Kesici: Ich glaube nicht, dass Konvertiten extremere Ansichten haben. Wir haben in den Medien Ausnahmebeispiele gesehen, die näher analysiert werden müssen. Ich habe die Konvertiten als sehr liberal kennen gelernt.

Integration in der Schule



Frage: Sie sind Vorstandsmitglied der Islamischen Föderation in Berlin. Was genau sind die Aufgaben dieser Institution?



Kesici: Ich bin Generalsekretär des Islamrats und Vostandsmitglied der Islamischen Föderation. Wir haben die Aufgabe, muslimische Belange in allen Bereichen zu erfüllen. Meine Hauptaufgabe ist die Organisation des islamischen Religionsunterrichts an Berliner Grundschulen. Ich koordiniere den Unterricht, bilde Religionslehrer fort und unterrichte auch selber.



Frage: Glauben Sie, dass das deutsche Schulsystem Jugendliche mit Migrationshintergrund ausgrenzt bzw. die Integration erschwert.



Kesici: Nein, ich glaube das nicht. Das Bildungssystem gibt viele Möglichkeiten der Entfaltung, wichtig ist, was man daraus macht. Es hilft sogar sich zu integrieren, weil beide Seiten sich gegenseitig kennen lernen.



Frage: Mir liegt es besonders am Herzen, dass jüngere Muslime den Anschluss an einem Gynasium finden und die Hochschulreife erreichen. Wird hierfür eine Unterstützung geleistet für die Familien? Damit Kinder in der vierten Klasse erfolgreich das Gymnasium besuchen können?



Kesici: Viele Migrantenorganisationen sind sich ihrer Aufgabe bewusst. Wir versuchen, durch Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe sowie Elterngesprächen das zu fördern. Wir haben typische Migrationsprobleme. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das in Zukunft in den Griff bekommen. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder sehr unterstützen, damit sie eine gute Bildung bekommen.



Frage: Wieso sind so viele jugendliche Muslime gewalttätig ? Liegt es an der Erziehung oder an der Integration? Was geht da schief ?



Kesici: Ich glaube nicht, dass viele muslimische Jugendliche gewalttätig sind. Wir haben es hier mit einigen wenigen Jugendlichen zu tun, deren Handeln und deren Ideologie der Tradition des Islams fremd sind. Bei uns in den Gemeinden verstehen sehr viele das Handeln und Denken dieser Leute nicht. Ich habe nach dem 11. September viele Gespräche mit Jugendlichen geführt und wollte herausfinden, ob eine gewissen Gewaltbereitschaft vorhanden ist. Und ich habe feststellen können, dass man zwar vielleicht ideologisch nicht mit allem übereinstimmt, was hier im Westen gemacht wird, aber Gewaltanwendung kam nicht in Betracht.

Muslimische Jugendarbeit

Deutsche und türkischstämmige Jugendliche im Bundestag Quelle: dpa



Frage: Sie arbeiten ja viel mit Jugendlichen. Worauf kommt es Ihnen bei dieser Arbeit an, welche Werte wollen Sie diesen jungen Menschen vermitteln?



Kesici: Im Grunde sind diese Werte universell. Es geht um Ehrlichkeit, Gerechtigkeit



Frage: Im Film sieht man Sie vor einem Kicker und einem Billard sitzen - reicht das heute, um Jugendarbeit zu machen?



Kesici: Nein, wir tun weitaus mehr. Wir versuchen mit den Jugendlichen zu reden und ihnen einen Weg zu zeigen,wie sie hier leben und sich bilden können.



Frage: Was bieten Sie genau für die Jugendlichen an? Geht es bei der Jungenarbeit auch um das Thema Integration im Bezug auf deutsche Jugendliche?



Kesici: Wir bieten Jugendarbeit hauptsächlich für muslimische Jugendliche. Uns geht es darum, dass sie ihren Platz hier finden, sich gut bilden und nicht auf der Straße landen, so wie wir es ab und zu erleben. Wir beiten Ausflüge, Reisen, Nachhilfe, Beratung und vieles mehr an.



Frage: Motivieren Sie denn die Jugendlichen, die zu Ihnen ins Zentrum kommen, zu besseren Bildungsabschlüssen?



Kesici: Selbstverständlich... Jugendliche unserer Einrichtungen haben meist eine höhre Bildung als der Durchschnitt. Wir legen großen Wert auf Bildung. Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg in allen Bereichen. Wir versuchen den Jugendlichen klar zu machen, dass auch der Islam die Bildung vorschreibt: Jeder soll sich so weit bilden, wie er es kann.



Frage: Was hat Ihnen die Erfahrung mit Jugendlichen im Bezug auf deren Selbstverständnis gezeigt?



Kesici: Das Selbstverständnis vieler Jugendlicher ist sehr komplex und nicht ganz klar zu definieren. Es ändert sich mit der Zeit und mit den Erfahrungen. Heute hat man einen Standpunkt und morgen einen anderen. Ich habe sehr viele Veränderungen miterlebt und kann sagen, dass Muslime versuchen einen Weg zu finden, wie sie als Muslime hier gut leben können. Und ich bin zuversichtlich, dass wir damit Erfolg haben werden. Die Veränderungen gehen mit der religiösen Erkenntnis einher, dass der Islam flexibel ist bei der Auslegung und bei den Bewältigung von Alltagsproblemen.

Grundgesetz oder Scharia?


Frage: Gilt für sie die Verfassung oder die Scharia?



Kesici: Ich sehe zwischen beiden keinen Widerspruch. Das eine regelt unser Zusammenleben und das andere mein religiöses Handeln. Wir müssen zwischen zwei verschiedenen Definitionen von Scharia unterscheiden: Zum einen die Scharia die im Koran und Sunna erwähnt werden, die gilt für ewig. Und zum anderen die Scharia als Gesetzesbuch, welches historisch entstanden ist.



Frage: Schauen wir uns doch mal die Staaten an, die die Scharia als Gesetzesgrundlage inne haben: Iran, Saudi-Arabien. Dies sind keine Länder, in denen ich leben möchte, auch nicht als Muslim.



Kesici: Ich gebe ihnen Recht und wir kommen zu dem Punkt, dass die geschichtlich gewachsene Scharia, die im Iran praktiziert wird, nicht mit dem Islam in Koran und Sunna vereinbar sind, so wir wir es verstehen. Es ist der iranische Weg. Gut oder schlecht, das müssen die Leute selbst entscheiden. Aber es ist nicht der Weg, der für alle Muslime gelten muss.



Frage: Als Muslime sollen wir uns an die im bewohnten Land geltenden Gesetze halten, aber was wenn diese dem Islamverständnis diametral gegenüber stehen?



Kesici: Ich hatte mal auch einen Jugendlichen, der genauso argumentiert hat. Nachdem ich mit ihm über islamische Ideologien gesprochen habe, hat er eingesehen, dass er nicht genügend Infos hatte und damit glaubte, dass ein Widerspruch vorhanden ist. Es gibt aber keinen Widerspruch. Ich habe nicht das Gefühl, dass die hiesigen Gesetze dem Islam widersprechen. Nennen Sie mir bitte eine konkreten Punkt, wo Sie ein Problem sehen.



Frage:Gemischter Sportunterricht, gemeinsame Klassenfahrten mit gemischten Gruppen (Mädchen und Jungen)...



Kesici: Danke für die Beispiele... wir haben hier kein ideologisches Problem, sondern praktische, die man durch Gespräche lösen kann. Die Verfassung schreibt uns keinen gemischten Sportunterricht vor. Man kann darüber diskutieren und eine Lösung finden. Auch bei Klassenfahrten kann man das so organisieren, dass Mädchen und Jungen ohne Probleme miteinander auskommen können. Die Lehrkräfte nehmen inzwischen auch viel Rücksicht auf die Muslime, so dass ich glaube, dass wir hier die Probleme zum Teil hochspielen. In Berlin gab es in den letzten Jahren sechs oder sieben Problemfälle in diesen Bereichen, nicht mehr.

Gesellschaftliche Akteptanz


Frage: Sie haben im Film gesagt, die Hinwendung zur Religion in Deutschland sei Zeichen von Integration - wir bleiben jetzt hier! Ich finde das einleuchtend. Warum vertreten diese Meinung so wenig andere - oder sagen sie laut?



Kesici: Diese Meinung vertreten inzwischen viele. Aber die Nichtakzeptanz, die wir hier manchmal erleben, macht es uns schwer, das so laut zu sagen. Es gibt immer mehr Muslime, die ihre Beziehungen zu ihren Heimatländern aufgegeben haben. Sie sind hier heimisch geworden, kaufen sich Wohnungen, lassen sich hier begraben. Jetzt muss noch die Mehrheitsgesellschaft sagen, ihr seid angekommen und wir haben euch aufgenommen. Ich glaube, dass Muslime sich dann sehr schnell hier zurechtfinden werden.



Frage: Alle reden von Integration, dass die Muslime sich anpassen möchten, aber in einem Haus, indem viele Migraten wohnen, will kein Deutscher wohnen. Wir müssen uns anpassen, aber Integration ist doch keine Einbahnstraße.



Kesici: Ja, aber es ist auch umgekehrt. So eine integration funtioniert nicht von heute auf morgen, wir brauchen Zeit. Ich gebe das Beispiel, wo auch ältere Paare zueinander sagen, Ich entdecke neue Herhaltensmuster bei dir und das nach 40 Jahren Ehe. Wir sind als Muslime seit knapp 40 Jahren hier, und es ist normal, dass kleinere Probleme auftreten, aber wir haben auch viel gemeinsam erreicht. Das sollten wir herausstellen und nicht die Probleme.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet