Celal Altun im Chat

Als Muslim in Deutschland altern

Celal Altun, der Generalsekretär der türkischen Gemeinde in Berlin, hat ein Altenpflegeheim für Türken gegründet. Er stand eine Stunde lang im "Forum am Freitag"-Chat Rede und Antwort.

Celal Altun Quelle: ZDF


Frage: Was macht ein muslimisches Altenheim denn für einen Sinn? Fördert so etwas nicht die Trennung der Kulturen. Nach dem Motto: "Jeder bleibt unter sich"?



Celal Altun: Ist es nicht das Recht eines Menschen, nach seiner Kultur zu leben? Und haben wir nicht auch unter den Deutschen kulturelle Unterschiede. Ist das Verständnis des Katholiken dasselbe wie das des Protestanten? Betrachten wir unser Umfeld etwas genauer, dann stellen wir bei jedem einen kultur-religiösen Unterschied fest.

Türkische Krankheiten?

Senioren am Tisch Quelle: ZDF



Frage: Wieso aber haben türkische Menschen andere Krankheiten? Ich verstehe das nicht.



Celal Altun: Türkische Menschen haben keine anderen Krankheiten. Ihre Krankheiten sind besonders migrationsbedingt. Bei Ihnen könnte dasselbe auch auftreten - wenn Sie selbst emigrieren.



Frage: Sie sagten aber, dass 20 Prozent der über 60-Jährigen schon pflegebedürftig wären, und dass migrationsbedingt andere Krankheiten aufgetreten sind.



Celal Altun: Die Pflegebedürftigkeit dieser Menschen ist ja vor allem die Ursache der migrationsbedingten Krankheiten. Sie waren gesund, als sie nach Deutschland kamen. Diese Menschen mussten damals einen Gesundheitscheck durchlaufen und konnten erst dann nach Deutschland einreisen.



Frage: Sie wollen jetzt aber nicht sagen, dass Deutschland oder die Arbeit in Deutschland krank macht, und dass die Betroffenen in der Heimat nicht so krank geworden wären?



Celal Altun: Sie müssen sich die Situation dieser Menschen in den sechziger und siebziger Jahre vorstellen. Die Ersten konnten kein Deutsch und konnten somit keine Kontakte schließen und waren häufig isoliert. Gleichzeitig mussten und sollten sie mehr Leistung bringen. Und sie wollten sogar mehr Leistung bringen, um soviel wie möglich zusammen zu sparen. Die ersten türkischen Migranten hatten keine abgesicherten rechtlichen Bedingungen. Sie konnten jederzeit entlassen und zurückgeschickt werden.

Die Ersten altern in Deutschland


Frage: Warum aber hat es eigentlich so lange gedauert, bis das erste türkische Seniorenheim in Deutschland gegründet wurde?



Celal Altun: Die Türken in Deutschland haben erst vor relativ kurzem das Seniorenalter errreicht. Weiterhin haben viele noch geglaubt, dass sie in die Türkei zurückkehren werden oder die Familie würde hier genauso hinter einem stehen können, wie sie es in der Türkei gelebt haben.



Frage: Ich finde Ihr Projekt sehr lobenswert. Würden Sie jedoch persönlich lieber von Ihren Kindern gepflegt werden, so wie es uns Muslimen unser Glaube nahe bringt, oder hätten Sie kein Problem damit, von Ihren Kindern in ein Heim abgeschoben zu werden?



Celal Altun: Bevor man über eine Abschiebung in ein Heim redet, muss man sich über die Lebenskonsequezen einer Metropole Gedanken machen. Man muss sich die Frage stellen, ob es nicht besser ist, den Pflegebedürftigen eine professionelle Hilfe zu bieten. Wir haben kein Interesse daran, dass die Familien auseinander brechen. In dieser Phase kommen wir aber nicht darum herum, die Leistung der Pflegeeinrichtung in Anspruch zu nehmen.

Celal Altun würde selbst einziehen

Empfang Altenheim



Frage: Möchten Sie selbst eines Tages in Ihrem Seniorenwohnheim wohnen?



Celal Altun: Wenn dieser Bedarf bei mir sich stellt und ich dieses Angebot brauche, ja!



Frage: Gibt es solche Seniorenheime auch in der Türkei?



Celal Altun: In der Türkei ist in den letzten Jahren ein Trend zur Vermehrung von solchen Einrichtungen zu sehen.



Frage: In Deutschland gibt es viele türkische Seniorinnen und Senioren. Könnten Sie sich vorstellen, demnächst auch ein zweites Wohnheim in Deutschland zu eröffnen, beispielsweise im Ruhrgebiet?



Celal Altun: Der Bedarf für diese Menschen ist in Deutschland vorhanden und wir gedenken, weitere Pflegeheime zu eröffnen.

Der Imam kommt zur Seelsorge


Frage: In vielen Altenpflegeheimen ist die Ankunft des Pfarrers die einzige Abwechslung in der Woche. Wie ist das bei Ihnen, kommt manchmal der Imam zur Seelsorge?



Celal Altun: Ich finde die Einrichtungen, bei denen nur der Pfarrer die Abwechslung ist, sehr schade. Wir haben einen Imam, aber der ist nicht die Abwechslung , sondern für die Seelsorge zuständig.



Frage: Hilft den Bewohnerinnen und Bewohnern Ihres Pflegeheimes der Glaube an Allah? Als kulturelle Stütze vielleicht?



Celal Altun: Der Glaube ist immer eine Stütze. Wie man sie nennt ist egal - ob Gott oder Allah.

Private Finanzierung

Türkische Seniorin Quelle: ZDF



Frage: Wer finanziert ihr Altenheim? Gibt es staatliche Subventionen, oder ist alles privat finanziert?



Celal Altun: Alles ist privat finanziert. Es gibt keine Subventionen in unserem Unternehmen.



Frage: Ist es eigentlich teuer, bei Ihnen ein Zimmer zu bekommen?



Celal Altun: Unsere Einrichtung ist eine Pflegeeinrichtung und die richtet sich nach den Pflegesätzen und Wohnkosten. Unsere Einrichtungskosten liegen im Mittelmaß der bundesdeutschen Pflegekosten.



Frage: Erhalten Sie bezüglich Ihres Projekts Kritik von muslimischer Seite?



Celal Altun: Die Muslime in Deutschland haben erkannt, dass die sozialen Bedingungen sich geändert haben oder sich ändern können und aus diesem Grunde haben wir sehr positive Resonanz erhalten. Es gibt kein Projekt, das von allen Menschen akzeptiert wird. Natürlich gibt es auch Kritiker. Aber entgegen unseren anfänglichen Erwartungen sind das nur sehr wenige.



Frage: Könnten Sie sich auch vorstellen, vergleichbare Projekte für Türken auch in anderen Bereichen umzusetzen? Etwa türkische Kindergärten, oder ähnliches?



Celal Altun: Ein Projekt muss den Menschen und der Gesellschaft dienlich sein. Dort wo wir meinen, dass es diesen Zweck erfüllt und uns allen in Deutschland weiterhilft, ja.



Frage: Ich finde diese Einrichtung nach dem Motto "Einen alten Baum soll man nicht mehr verpflanzen" schön und begrüßenswert. Wollen die Heiminsassen auch in Deutschland beerdigt werden?



Celal Altun: Für viele ist der Wunsch gegeben, in Deutschland beerdigt zu werden.

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