Christen in der islamischen Welt

Einem aggressiven Islamismus ausgesetzt

Die Christen befinden sich in der islamischen Welt in einer schwierigen Situation. Obwohl die Verfassungen der meisten islamischen Staaten ihnen formell die Religionsfreiheit garantieren, sehen sich die christlichen Minderheiten seit einigen Jahren einem zunehmend aggressiver werdenden Islamismus ausgesetzt. Bislang trauriger Höhepunkt: die Ermordung von 23 Kopten in Alexandria in der Silvesternacht.

Ausnahmen von der Regel

Doch nicht immer waren die Beziehungen zwischen muslimischer Mehrheit und christlicher Minderheit so gespannt wie in den letzten Jahren. Besonders in dem jetzt besonders betroffenen Irak waren unter dem laizistischen System des Diktators Saddam Hussein die Christen eine geschützte Minderheit.Es ist dasselbe laizistische System, das der zahlenmäßig großen christlichen Gemeinde im Nachbarland Syrien eine stabile Existenzgrundlage gewährt. Dennoch: In den meisten islamischen Staaten sind Christen in ihrer freien Religionsausübung eingeschränkt. Sie werden von Polizei und Justiz diskriminiert und bei der Vergabe von hohen Ämtern in Politik, Wissenschaft und Verwaltung oft übergangen.

Der Islam sieht das Christentum als eine Vorgängerreligion, auf die er nach seinem Selbstverständnis aufbaut. Im Koran werden Christen als "Schriftbesitzer" erwähnt, da Gott ihnen eine Botschaft und mit Jesus einen Gesandten geschickt hat. Doch nicht alle Dogmen der christlichen Lehre wurden vom Islam übernommen: Anstoß erregte besonders die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu und der Trinität; nachdrücklich werden die Christen aufgefordert, nicht "drei" zu sagen (Suren 4,171; 5,73).

Gespräch mit Ditib-Dialogbeauftragtem Bekir Alboga: "Terroristen kennen den Koran nicht"

Der Tonfall im Koran variiert

Zwar stellt der Koran die Christen als dem Islam besonders nahe dar, weil es bei ihnen Priester und Mönche gebe und sie nicht hochmütig seien (Sure 5,82-85). Doch auch wenn der Ton in den ersten Jahren der Verkündigung gegenüber den Christen noch wohlwollend war, wurde er im Laufe der Jahre zunehmend rauer. Der Islam sah sich nun beauftragt, die Christen wegen ihres Unglaubens und ihrer Verstockung zu unterwerfen, bis sie zuletzt von dem, was sie besitzen, "kleinlaut Tribut entrichten" (Sure 9,29).

Gründung eines islamischen Reiches

Für das Leben in ihrer Religion mussten sie zahlen. So wurden sie zu abhängigen Schutzbürgern (arab. dhimmi). Oft wurden dann nicht die wenigen anerkennenden Passagen zum Christentum im Koran wirksam, sondern die teilweise äußerst negativen Formulierungen (vgl. Suren 3,71; 5,51.57; 9,29f.).Als die Araber im ersten Drittel des 7. Jahrhunderts aufbrachen, ein islamisches Reich zu gründen, stießen sie im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika auf eine weithin christianisierte Welt. Die Christen wurden in der Regel nicht mit Gewalt gezwungen, zum Islam zu konvertieren. So stellten sie noch über Jahrhunderte hinweg die Bevölkerungsmehrheit in den meisten der eroberten Gebiete.

Überall, wo Muslime christlich besiedelte Gebiete eroberten und ihrem Weltreich einverleibten, gingen sie mit den religiösen Minderheiten Schutzverträge ein: Durch die Entrichtung einer "Kopfsteuer" (arab. dschizya) sicherten die muslimischen Machthaber ihnen den Schutz ihres Lebens und ihres Eigentums zu, befreiten sie vom Kriegsdienst und garantierten ihnen das Recht auf die freie Ausübung ihrer religiösen Bräuche - jedoch nur innerhalb der geltenden islamischen Gesetze.

Übergang zum säkularen Staat

Dieses System der Schutzverträge behielt seine Gültigkeit noch in der Form des Millet-Systems bis zum Untergang des Osmanischen Reiches 1923. In der islamischen Jurisprudenz, welche auch die Rechte und Pflichten der Nichtmuslime regelt, sind diese im frühen Mittelalter ausgearbeiteten Vorschriften für den Umgang mit Juden und Christen jedoch weiterhin enthalten.

In neuerer Zeit wurden die Intellektuellen der christlichen Bevölkerungsgruppen oft zu entschiedenen Anhängern des Säkularismus und des Nationalismus. Von der Übernahme dieser westlichen Ideen erhofften sie sich den Wandel im Orient. Wo sich ihnen die Möglichkeit bot, beteiligten sich die Eliten der orientalischen Christen aktiv an der arabischen nationalistischen Bewegung.

Christen mit Vorreiterrolle

Sie sehnten sich danach, aus der Außenseiterrolle befreit zu werden und eine aktive politische Rolle spielen zu können. Sie fühlten sich daher in vielen Wirkungsfeldern mit der Vorreiterrolle betraut, die Gesellschaft auf den Weg der Modernisierung zu führen. Auch in kultureller Hinsicht waren sie oftmals Pioniere: Sie haben die erste Druckerpresse in der islamischen Welt eingeführt, die erste arabischsprachige Zeitung gegründet, zahlreiche wichtige Universitäten auf den Weg gebracht, moderne Formen in der Literatur geschaffen und führende Vertreterinnen der Frauenbewegung im Vorderen Orient gestellt.

Diese Ideen machen Christen für viele Muslime im Orient bereits verdächtig. Modernismus und Säkularismus bei Christen werden oft als Verfolgung christlicher Einzelinteressen abgetan. Gelegentlich klingt dabei die Verdächtigung an, sie seien als Vertreter dieser Ideen nichts weiter als die fünfte Kolonne im Dienst des westlichen Imperialismus. Auch dies setzte sie den Anfeindungen radikaler Muslime aus.

Die islamischen Theologen stehen nun vor der Aufgabe, das Verhältnis zwischen Muslimen und anderen religiösen Gruppen neu zu regeln. Der im Koran enthaltene Toleranzgedanke sollte dabei betont werden, um somit Juden, Christen und andere Religionsgemeinschaften in ihrem religiösen, sozialen und politischen Status den Muslimen gleichzustellen - so wie Muslime es in den westlichen, nichtmuslimischen Gesellschaften auch erwarten und erfahren.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet