Das islamische Recht

Die Scharia - Gesetzbuch oder ethischer Leitfaden für Muslime?

Die Scharia, das islamische Recht, ist ein komplexes Rechtssystem basierend auf dem Koran, den Überlieferungen des Propheten und den normativen Auslegungen durch frühislamische Juristen und Theologen. Die Scharia wird oft als das "göttliche Gesetz" in Abgrenzung zu von Menschen "gemachtem" Recht bezeichnet. Tatsächlich aber legt sie nur Regeln für ein "tugendhaftes" Leben fest. Die Scharia (arab.: breiter Weg, Weg zur Quelle) beschreibt das richtige Verhalten des Menschen in Bezug auf Gott sowie auf andere Menschen und auf die Schöpfung allgemein.

Justitia mit Waage in der Hand, Frau im Hintergrund Quelle: varioimages
Religionen in Deutschland Quelle: dpa


Diese Regeln werden im Koran genannt oder aus den Hadithen (Sprüche und Verhaltensweisen des Propheten) abgeleitet. Bei der Scharia handelt es sich somit nicht um ein einheitliches, entwickeltes Rechtssystem. Vielmehr besteht sie aus verschiedenen Interpretationen, die Rechtsgelehrte verschiedener Schulen auf der Grundlage des Korans und der Hadithe entwickelt haben.

Stetige Neuinterpretation

Über mehrere Jahrhunderte ist die Scharia durch anerkannte rechtliche Methoden vervollständigt und neu interpretiert worden. Zur Scharia gehören die fünf Grundpfeiler des Islam, also das Glaubensbekenntnis, das tägliche Gebet, die Almosensteuer, das Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka sowie zwischenmenschliche Verhaltensregeln. In einigen islamischen und islamisch geprägten Ländern gehören dazu auch Regeln zwischen dem Staat und der islamischen Religion.


Für Fragen, auf die es im Koran keine Antworten gab, haben die islamischen Gelehrten weitere Quellen bestimmt: "Idschma" als Konsens der islamischen Gelehrten über ein bestimmtes Thema, "Qiyas" als Analogieschluss, den Brauch (urf) und das Gewohnheitsrecht (ada) und schließlich das eigene Urteil der Rechtsgelehrten (ray), falls vorangegangene Methoden zu keinem Urteil verhelfen. Hier wurden neu auftretende Fälle und Fragen in Anlehnung an bekannte Fälle entschieden. Dadurch wird auch die Anpassung des islamischen Rechts an sich verändernde oder ganz neue Gegebenheiten gewährleistet.

Viele verschiedene Meinungen

Innerhalb des sunnitischen Islam haben sich im Laufe der Jahrhunderte vier Rechtsschulen durchgesetzt: die Hanafiten (liberalnationale Schule), die Schafiiten (konservativ-liberale Schule), die Malikiten (konservative Schule) und die Hanbaliten (strenge Lehre strikt nach dem Koran). In den Grundfragen des islamischen Rechts sind sich diese jeweils nach ihrem Begründer genannten Schulen einig; in vielen Fragen des islamischen Rechts sind sie jedoch unterschiedlicher Meinung.


In der Scharia gibt es Regelungen für das zwischenmenschliche Handeln und für religiöse Rituale und Pflichten. So gibt es sechs Kategorien, nach denen unterschiedliche Handlungen eingeteilt werden können. Mit Halal wird das Erlaubte bezeichnet. Daneben ist Fard eine Handlung, die eine Pflicht für jeden Muslim darstellt wie etwa das rituelle Gebet. Mandub, die dritte Regel, sind empfehlenswerte Handlungen wie zum Beispiel zusätzliche Gebete. Makruh sind verwerfliche oder nicht empfehlenswerte Handlungen wie zum Beispiel das Rauchen. Mubah stellen Handlungen dar, die zwar als erlaubt gelten, über die es aber keine ausdrückliche Beurteilung in den religiösen Quellen gibt. Haram schließlich sind verbotene Handlungen wie der Genuss von Alkohol und Drogen.

Anspruch und Wirklichkeit

Die islamische Theologie betrachtet die Sharia als vollkommene Ordnung göttlicher Autorität. Die Scharia birgt den im Westen kritisierten Generalanspruch, alle Lebensbereiche des Menschen gleichermaßen zu regeln. Sie gibt Anweisungen für das Verhalten in Familie und Gesellschaft (Ehe- wie Strafrecht) wie auch für die Gottesverehrung.


Besonders im Zusammenhang mit dem islamischen Strafrecht tun sich im Vergleich zu westlichen Menschenrechtsvorstellungen und westlicher Gesetzgebung die größten Differenzen auf. Besonders die Geschlechterfrage und die in wenigen islamischen Staaten angewendeten drakonischen Strafen wie Auspeitschungen oder Steinigungen bei Ehebruch oder Verstümmelungen bei Diebstahl werden im Westen scharf kritisiert.

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