Das islamische Rechtsverständnis revidieren

Hamideh Mohagheghi im Chat

Muslime leben in der deutschen Gesellschaft häufig zwischen religiöser Tradition und westlicher Modernität. Wie wirkt sich das auf das Familienleben in muslimischen Familien aus? Dazu stand Hamideh Mohagheghi im Chat Rede und Antwort.

Hamideh Mohagheghi Quelle: ZDF


Frage: Glauben Sie, die Probleme zwischen Zwangsehe und Gewalt in der Ehe werden weniger, wenn die Kinder von schon in der deutschen Kultur geborenen Eltern älter werden und ihrerseits Familien gründen?



Hamideh Mohagheghi: Die Probleme werden weniger, wenn die Menschen die Möglichkeit haben, sich zu bilden, Erfahrungen im Leben zu sammeln und sich frei zu entscheiden. Dafür wäre etwas mehr Zeit sicherlich ein Aspekt. Die jungen Menschen haben weniger Erfahrung und lassen sich schneller beeinflussen.

Gemischt-religiöse Ehen

Muslimische Familie beim Essen Quelle: kna



Frage: Zwischen den Wörtern habe ich verstanden, dass Sie es auch als eine "Ehe" ansehen, wenn zwei sich liebende Menschen ohne standesamtliche oder religiöse Ehe zusammenleben und dies nicht verheimlichen. Also dies wäre für Sie unter Umständen okay?



Mohagheghi: Diese Fragen müssen von den muslimischen Gelehrten beantwortet werden. Wenn ein Mann und eine Frau ausdrücklich sagen, dass sie zueinander gehören und alle wissen, dass sie das Versprechen geben, dass sie als Paar zusammenleben und dafür zwei Zeugen haben, ist nach islamischem Verständnis die Ehe geschlossen. Sie haben aber rechtlich keine Ansprüche, wenn sie nicht standesamtlich verheiratet sind.



Frage: Sie sagen es nicht so deutlich und mutig, aber deuten es nur an, dass gemäß Koran eigentlich nichts dagegen spräche, wenn auch Musliminnen mit Nicht-muslimen beziehungsweise Ahl al-Kitab heiraten würden. Gibt es nach Ihrer Kenntnis Gelehrte, die das so ausgesagt haben?



Mohagheghi: Mir ist keine solche Fatwa bekannt. Wenn etwas im Bereich des islamischen Rechts liegt, ist nicht meine persönliche Meinung entscheidend. Darüber haben sich die Rechtsgelehrten Gedanken zu machen. Meine Intention ist, dass wir die Realität sehen müssen und unser Verständis vom islamischen Recht revidieren sollten, wo es notwendig ist. Im Koran gibt es kein ausdrückliches Verbot in diesem Zusammenhang. Daher gibt es einen großen Spielraum, den man wahrnehmen sollte.



Frage: Wie groß ist der Spielraum? Bis zum Aufgehen in der deutschen Gesellschaft?



Mohagheghi: Entfalten und Aufgehen, nicht aber sich aufgeben. In den rechtlichen Fragen gilt auf jeden Fall das deutsche Recht, und dies darf nicht relativiert werden.



Frage: Es gibt zwei Theologinnen/Theologen aus der Türkei: Beyza Bilgin und Süleyman Ates. Sie haben ganz offen ausgesprochen, dass Musliminnen auch mit Nicht-Muslimen heiraten dürfen.



Mohagheghi: Ich finde es gut, ich teile diese Meinung und hoffe, dass mehr Theologen und Theologinnen dies tun.

Interreligiöses Lernen

Muslima mit Kinderwagen
Muslima mit Kinderwagen Quelle: caro



Frage: Viele Religionen lernen voneinander, wenn Sie sich näher kommen. Lernen Muslime in Deutschland etwas, was sie woanders nicht lernen würden?



Mohagheghi: Der direkte und nahe Kontakt mit anderen Religionen ermöglicht, dass man voneinander lernt. Diese Situation ist für die Muslime in Deutschland als Minderheit vorhanden. Das Lernen erfolgt entweder bewusst oder auch unbewusst. Die Muslime lernen die Weisheiten anderer Religionen intensiver, wenn sie in der Nachbarschaft mit Anhängern dieser Religion leben. Und das ist in Deutschland der Fall, wenn man in der Nachbarschaft miteinander lebt.



Frage: Vielleicht ist es ein Klischee: Aber die Familie, die den Kebab-Grill in meiner Straße schmeißt, scheint eine andere Art von Familienzusammenhalt zu haben, als ich ihn bei deutschen Familien wahrnehme. Können Deutsche von Muslimen auch etwas lernen?



Mohagheghi: Diese Frage kann man nicht allgemein beantworten. Jede/r muss selbst sehen, was er/sie von anderen lernen kann. Der Familienzusammenhalt ist sehr positiv und noch stark in den muslimischen Familien vorhanden. Der Zusammenhalt kann aber auch zur Last werden, wenn sich die Familienmitglieder so stark füreinander einsetzen, dass man keine Entscheidung alleine treffen kann und keine Selbständigkeit mehr möglich ist.



Frage: Ist das ein Problem in muslimischen Familien: das Abnabeln dürfen von der Familie?



Mohagheghi: In manchen muslimischen Familien ja. Die Familie sieht das nicht gerne, und die emotionale Verbundenheit ist sehr stark, so dass jeder Einzelne auch selbst damit ein Problem hat.

Zwischen den Kulturen?



Frage: In der Umfrage, die man im "Forum am Freitag" lesen kann, steht, dass 75 Prozent der Deutschen nichts gegen das Kopftuch haben. Aber ich lese so viele Beschimpfungen. Wie ist es für Sie als Kopftuchträgerin: Akzeptanz oder Misstrauen, was fühlen Sie?



Mohagheghi: Ich habe keine direkte Ablehnung erfahren. Ich kann aber auch nicht sagen, dass ich eine bereite Akzeptanz erfahre. Ich höre aber von anderen Frauen, dass sie durchaus Misstrauen empfinden.



Frage: Im "Forum am Freitag"-Film gewinne ich den Eindruck, dass Sie etwas zerrissen sind zwischen der modernen, westlichen (Familien-)Kultur und einem streng-konservativen Islam. Beobachte ich das richtig?



Mohagheghi: Zerrissen nicht, man muss aber die Realitäten sehen und sich darüber Gedanken machen. Wir können nicht die Augen schließen und sagen: "Es ist alles so, wie wir es uns vorstellen und wünschen."

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