Das multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle"

Sineb El Masrar und ihre Zeitschriften-Idee

Coole Klamotten, Diäten, Typen, Trends - das sind die Themen der etablierten Frauenzeitschriften von "Brigitte" bis "Freundin". In diesen Zeitschriften kommen allerdings Frauen mit Migrationshintergrund meistens nicht vor. Deswegen hat Sineb El-Masrar ein multikulturelles Frauenmagazin gegründet.

Sineb El-Masrar Quelle: ZDF

In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland einige Versuche, multikulturelle Zeitschriften in deutscher Sprache, meistens mit türkischem Hintergrund, auf dem Markt zu etablieren. Diese Versuche scheiterten aber alle, so dass es hierzulande lange Zeit kein Magazin gab, das sich speziell mit Themen von und über Migranten auseinandersetzte. Eine junge Marokkanerin aus Berlin möchte das nun ändern. Sie hat vor zwei Jahren die erste multikulturelle Frauenzeitschrift in Deutschland gegründet.

"Gazelle" - ein Kosename

Sie findet, dass 50 Jahre, nachdem die ersten Migrantenwellen aus Italien, der Türkei, Griechenland oder Korea nach Deutschland kamen, die Zeit reif ist für ein multikulturelles Frauenmagazin. Sineb El Masrar nannte ihr Magazin "Gazelle": Araber nennen ihre Frauen gerne "Gazelle", auf Persisch "ghazal" und auf Arabisch "ghazala".

Mehrere Cover des "Gazelle"-Magazins Quelle: ZDF


Die Idee, eine multikulturelle Frauenzeitschrift zu gründen, lag der jungen Frau schon sehr lange am Herzen. Der Grund: In den üblichen deutschen Frauenzeitschriften kommen Frauen mit Migrationshintergrund meistens schlecht weg: "Die Idee war ja einfach, dass in den gängigen Magazinen Frauen, die aus einem multikulturellen Umfeld kommen, sehr negativ abgebildet werden, immer im Zusammenhang mit Gewalt, Zwangsverheiratung oder Genitalverstümmelung. Für mich war es einfach wichtig, dass man diese Frauen anders abbildet", betont die junge Verlegerin. Und so möchte die 26-jährige die ausländischen Frauen gerne wegführen von dem hierzulande gängigen Klischee als Problemfall oder Unterdrückungsschicksal.

Breites Themenspektrum im Magazin

In der ersten Ausgabe von "Gazelle" findet die Leserin auf den ersten Blick typische Frauenthemen wie Familie und Partnerschaft, Gesundheit, Mode und Karriere. Doch beim genauen Hinschauen unterscheiden sich die Artikel von denen, die in anderen deutschen Frauenzeitschriften veröffentlicht werden: Singleleben in Jordanien, junge russische Spätaussiedlerinnen, Karrierechancen für Migrantinnen in Deutschland, deutsche Frauen in Brasilien oder aktuelle Mode aus Marokko, um nur einige zu nennen. Die Idee scheint bei vielen Frauen gut anzukommen, so Sineb El Masrar: "Unsere Leserinnen sind wirklich querbeet. Wir haben zum Beispiel Marokkanerinnen, Türkinnen, Deutsche, Polinnen und Russinnen. Das ist für mich wichtig, dass man diese ganzen Völker untereinander zusammenbringt, und dass sie sich einfach austauschen können."

Zeitungsstand Quelle: dpa


Richtige Redaktionsräume gibt es bei "Gazelle" noch nicht, und so koordiniert Sineb El Masrar den Redaktionsalltag von einem kleinen Zimmer in ihrer Wohnung in Berlin aus. Mit ihren Autorinnen, die in Deutschland und im Ausland leben, steht sie dabei über Telefon und Internet in Kontakt. Ihr Team stellt Multi-Kulti nicht nur als heile Welt, sondern auch einen kritischen Blick auf die bestehenden Zustände werfen möchte. "Und das kann nicht passieren, indem wir alles schön reden und behaupten, alles ist toll, und nur die Migranten sind immer die Guten und die, die immer alles richtig tun. Natürlich hat die deutsche Gesellschaft sehr viel verpasst, aber es hat keinen Sinn, jetzt einfach die Türen zu zumachen und zu sagen, jetzt haben wir gar keine Lust mehr auf euch. Ansonsten weiß ich nicht, wie das in dreißig, vierzig Jahren hier in Deutschland dann aussieht", ist die junge Frau beunruhigt.

Tabubrüche statt Schönrederei

Dabei scheuen El Masrar und ihre Kolleginnen und Kollegen auch nicht davor zurück, über Themen zu berichten, die in der islamischen Welt eigentlich ein Tabu darstellen. In der ersten Ausgabe war dies beispielsweise ein Bericht über die Probleme von allein erziehenden muslimischen Frauen. "Das ist bei manchen Muslimen ein schwieriges Thema. Eine Frau, die sich von ihrem Mann scheiden lässt oder geschieden wird, weist bei manchen Muslimen ein schlechtes Bild auf. Das möchten wir natürlich besprechen und zeigen, diese Frauen, die haben ihre Gründe, wenn sie sich scheiden lassen. Sie sind nicht minderwertig, wenn sie plötzlich ohne Mann da stehen, und das ist wichtig", sagt Sineb El Masrar.

Die erste Resonanz der Leserinnen auf "Gazelle" war bisher gut. Jede der vier Ausgaben wurde 10.000 mal gedruckt - ein Viertel hat sich bereits verkauft, erhältlich in ausgewählten Bahnhofskiosken. Das Magazin ist zudem online bestellbar. Sineb El Masrar ist mit ihrem Heft offenbar in eine Marktlücke auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt gestoßen.

Schon am Ende?

Bislang musste Sineb El Masrar allerdings für "Gazelle" aus ihrer eigenen Tasche Geld zuschießen. Um das langfristige Überleben des Magazins zu sichern, sind finanziell potente Sponsoren gefragt. Diese blieben bislang jedoch aus. Es wäre schade, wenn das neue multikulturelle Frauenmagazin schon bald am Ende angelangt wäre. Denn dafür gebe es, so Sineb El Masrar, noch viel zu viel über ausländische Frauen und ihre Geschichten zu erzählen.

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