Der Harem - Traumwelt westlicher Männer

Falsche Vorstellungen von Frauenräumen

Über den Orient existieren in der europäischen Kunst viele Missverständnisse und Klischees. Ein Beispiel dafür ist der Harem, den man sich als eine Insel der Sinneslust und Begierde vorstellte - und somit die eigenen sexuellen Phantasien hineinprojizierte. Doch der Alltag in einem Harem sah ganz anders aus.

Das Wort "Harem" leitet sich zunächst von dem arabischen Wort "haram" ab und bezeichnet allgemein alles Verbotene. Der Harem steht im speziellen für die Räume eines Hauses, die nur den Frauen vorbehalten sind, so der Berliner Islamwissenschaftler Peter Heine: "Wenn wir heutzutage über 'haram' reden, dann bedeutet das im Grunde, dass man in einem normalen Haushalt dafür sorgt, dass die Frauen in ihren Bereichen verschwinden, wenn männliche Besucher kommen."

Diese Vorkehrung ist aufgrund der im Islam bestehenden Heiratsverbote notwendig. So dürfen sich alle die Personen einer Familie sehen, bei denen Heiratstabus bestehen, wie Bruder und Schwester, Vater und Tochter oder Enkelinnen und Großvater. Das islamische Recht beschreibt das ziemlich genau. Alle anderen gelten in dem Sinne als "haram", das heißt, der Kontakt ist verboten, ehe es nicht zu einer Legitimierung der Beziehung durch eine Ehe kommt. "In traditionellen Haushalten", so Peter Heine, "bedeutet das also, dass eine ganze Reihe von Frauen keinen Kontakt mit fremden Männern haben dürfen. Diesen sind die Bereiche nicht zugänglich, wo sich diese Frauen aufhalten."

Macht statt Sex

Doch ist der Harem keine ursprünglich islamische Einrichtung: In der Frühzeit des Islams war es durchaus üblich, dass Frauen sich frei in der Öffentlichkeit bewegen konnten. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich dann erst das System des Harems. So war beispielsweise zur Zeit des Abbasidenkalifen Harun ar-Rashid im zwölften Jahrhundert der Harem in der Oberschicht von Bagdad bereits eine feste Institution. Es gehörte ihm eine Vielzahl von Ehefrauen, Nebenfrauen und Sklavinnen an, unter denen eine strenge Hierarchie herrschte. Später, im osmanischen Reich, schwankte dann die Zahl der Frauen des Harems zwischen 400 und 800. Die Mehrzahl von ihnen hatte keine sexuellen Kontakte mit dem Herrscher. Sie wurden wie seine Töchter behandelt und zum Teil, mit einer reichen Mitgift bedacht, an Prinzen oder Würdenträger des Reiches verheiratet.

So hat die Institution des Harems auch weniger mit Sexualität als vielmehr mit Macht zu tun. Dies ist die Meinung der marokkanischen Soziologin Fatima Mernissi, die sich viele Jahre wissenschaftlich mit dem Phänomen des Harem auseinandergesetzt hat: "Für mich ist der Harem das Gegenteil von Sex und Vergnügen. Wenn man Menschen wie Sklaven behandelt, so als wären sie nichts, dann ist dies nicht Sex. Meiner Meinung nach ist der Harem ein sehr unerotischer Ort. Dennoch träumen die Männer im Westen immer noch davon."

Bildungseinrichtung

Denn wie kaum ein anderer Begriff wurde der Harem in Europa zum Inbegriff der Exotik des Orients. Die unbekannte Welt des Harems regte besonders bei den europäischen Künstlern die Phantasie an. Diese war durchweg sexuell inspiriert. Die westlichen Künstler setzten dabei nur die Ideen um, die im Wesentlichen das Bild des Harems im Westen prägten: Da es keinem Europäer gelang, einen Harem zu betreten, blieb dieser Ort weiterhin ein Mythos. Und nur wenig drang nach außen.

Dennoch gibt es heute wesentliche Informationen über das Leben, das die Frauen in einem Harem führten. Und alles deutet darauf hin, dass es anders war als in den allgemeinen Vorstellungen angenommen, so der Islamwissenschaftler Peter Heine: "Die Frauen dort beschäftigten sich neben der Aufzucht der Kinder natürlich auch durchaus mit dem, was man im weitesten Sinne als Bildung bezeichnen würde. Viele von ihnen konnten schreiben und lesen, lernten das zum Beispiel, waren Künstlerinnen, und interessierten sich auch für Literatur und für Philosophie, sogar für Theologie". Und der Islamwissenschaftler schränkt das Bild weiter ein: "Es ist nicht diese Vorstellung, dass da so eher mehr oder weniger dumpf vor sich hin vegetierende Frauen existierten, sondern das scheint, jedenfalls teilweise, ein durchaus anspruchsvolles und intellektuell auch interessantes Leben gewesen zu sein."

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