Der muslimische Patient

Krank ist, wer Schmerzen hat

Wenn Muslime in Deutschland zum Arzt gehen, haben sie es nicht leicht: Besonders die Migranten der ersten Generation leiden unter vielfältigen Problemen. Das gravierendste davon sind die sprachlichen Barrieren. Oft fällt es den Patienten schwer, den deutschen Ärzten die Symptome ihrer Erkrankung zu beschreiben. Da nach der muslimischen Tradition ein Gebrechen erst als echte Krankheit gewertet wird, wenn es Schmerzen bereitet, meiden viele Muslime Impfungen, routinemäßge Kinderuntersuchungen oder Vorsorgen, wie sie Urologen, Zahn- oder Frauenärzte anbieten.

Blick in einen OP Quelle: dpa

Sprachbarrieren erschweren die Diagnose und verzögeren die oft dringend notwendige Behandlung. Einige Patienten behelfen sich, indem sie Dolmetscher zu Rate ziehen. Doch diese sind teuer und werden nicht von den Krankenkassen bezahlt. Außerdem kollidiert diese Praxis nicht selten mit der ärztlichen Schweigepflicht. Andere Patienten bringen Familienangehörige zum Arztbesuch mit, die der deutschen Sprache mächtig sind. Doch oft fehlt diesen der Mut, die Diagnose mitzuteilen: Sie möchten den Kranken vor der Wahrheit bewahren und übersetzen bewusst falsch.

Bewusste Falschübersetzung

Und nimmt eine frisch aus der Heimat angereiste Türkin zum Übersetzen ihre Schwiegermutter mit zum Gynäkologen, um sich über Verhütungsmittel zu informieren, kann es passieren, dass jene die Nebenwirkungen dramatisiert, da sie sich aus der traditionellen Vorstellung heraus viele Enkelkinder wünscht. Einige Ärzte haben sich darauf eingestellt und Personal mit muslimischem Hintergrund eingestellt. Andere Patienten haben Vorbehalte gegen deutsche Ärzte und lassen sich nur von muslimischen Ärzten behandeln. Davon gibt es aber nur sehr wenige in Deutschland.

Viele deutsche Ärzte begegnen ihren muslimischen Patienten oft ratlos. Schwierigkeiten bereitet es Patienten wie Ärzten oft schon zu verstehen, was gemeint ist: Die klassische Frage "Wo tut es weh?" ist nicht so schnell beantwortet. "Die Patienten sagen oft, es tut ihnen überall weh", berichtet Norbert Kohnen, Arbeitsmediziner aus Köln. Deshalb sei man ja zum Arzt gekommen - er soll herausfinden, was das Problem ist. Klagt ein türkischer Patient über eine geplatzte Gallenblase, muss es sich nicht um einen lebensgefährlichen Notfall handeln. Der Mann hat sich schlicht erschreckt. Genau wie "gebrochene Arme" nicht unbedingt einen Gips benötigen - der muslimische Patient, der sich so ausdrückt, fühlt sich eher ohne Halt. Das muss der behandelnde Mediziner wissen, genau wie ein türkischer Patient, der darüber klagt, dass er "seinen Kopf erkältet hat", eigentlich meint, er steht kurz davor durchzudrehen. In der oft durch Hektik geprägten Behandlungssituation in Arztpraxis oder Krankenhaus führen derartige Kommunikationsprobleme schnell zu Missverständnissen.

Ein anderes Verständnis von Krankheit

Wichtig ist die Kenntnis über den kulturellen Hintergrund des Patienten. Nach Ansicht von Ilhan Ilkilic vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Mainz sind bei Ärzten und Pflegepersonal Grundkenntnisse über den muslimischen Glauben notwendig, um Patienten angemessen behandeln zu können. Der promovierte Mediziner und Philosoph hat daher eine Internetseite eingerichtet, auf der er deutschen Ärzten Hinweis und Informationen im Umgang mit muslimischen Patienten gibt. An den Hochschulen, an denen die Mediziner von morgen sensibilisiert werden könnten, gibt es derzeit erst wenige Angebote. Ein Vorreiter ist die Universität Gießen, hier kann die Lehrveranstaltung "Interdisziplinäre Aspekte der medizinischen Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund" belegt werden.

Auf dem Semesterplan stehen praktische Informationen zu hierzulande eher unbekannten Krankheiten wie dem Mittelmeer-Fieber, dessen Symptome oft mit Malaria verwechselt werden, sowie kulturelle Aspekte. "Wir wollen auf die Unterschiede hinweisen, diese aber nicht bewerten", nennt Medizinhistoriker Michael Knipper ein Ziel des Seminars. Vor allem die Betrachtung der kulturellen Hintergründe sollte eigentlich bei der Behandlung eines jeden Patienten erfolgen, auch deutsche Patienten haben ihre Art, Krankheit wahrzunehmen. Das sei keine Multi-Kulti-Romantik, sagt Knipper, "Migration und kulturelle Vielfalt gehören schließlich längst zum ganz normalen Alltag in Deutschland."

Bitte nicht anfassen

Besonders problematisch erweist sich auch bei der ärztlichen Behandlung der Körperkontakt mit den Patienten. Muslime haben ein hohes Schamgefühl. Daher haben muslimische Frauen oft Hemmungen, sich von Männern untersuchen oder anfassen zu lassen. Sogar sich vor einer anderen Frau zu entblößen, stellt für sie ein Problem dar. Auf der anderen Seite lassen sich auch muslimische Männer nicht gerne von Krankenschwestern in Krankenhäusern waschen oder pflegen.

Hinzu kommt gerade in Krankenhäusern die ungewohnte Kost und die strengen muslimischen Speisevorschriften. Diesen wird jedoch in den meisten Krankenhäusern in Deutschland mittlerweile Rechnung getragen und spezielle muslimische Kost angeboten. Auch stellen viele deutsche Krankenhäuser in der Zwischenzeit muslimische Gebetsräume zur Verfügung, in denen die Patienten sich zum Gebet zurückziehen können. Schwierig wird es für Muslime im Fastenmonat Ramadan. Gerade viele strenggläubige Patienten weigern sich, in dieser Zeit das Fastengebot aufzuheben und Medikamente zu sich zu nehmen, obwohl der Koran Kranke ausdrücklich vom Fasten befreit.

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