"Deutschland ist mein Land"

Initiative präsentiert Integration als Erfolgsgeschichte

In Duisburg öffnet die größte Moschee Deutschlands ihre Türen zu einer Baustellenbesichtigung und in Marl erzählt eine verschleierte Frau, warum Deutschland ihr Land ist. Die "Christlich-Muslimische Friedensinitiative" hat eine Woche lang gezeigt, wie Integration im Kleinen funktioniert.


"Das wird die schönste Moschee in Europa", sagt Erkan Yabas stolz. Der junge Mann steht auf einem Gerüst rund 25 Meter hoch in der Kuppel der Merkez-Moschee im Duisburger Stadtteil Marxloh. Derzeit ist es die größte Moschee in Deutschland. Von außen ist sie weitgehend fertig, im Innern dagegen türmen sich Stahlplanken, Leiter und Gerüste zu einem Gebilde, das aussieht, als sei es einer Zeichnung M.C. Eschers entsprungen.

Ganz oben steht Yabas und bringt Blattgold an. Das Gold kommt in Form von dünnen Streifen von der Länge eines Fingers und wird vorsichtig auf die Rauten und Schriftzeichen gepresst, die sich die gesamte Wand entlang ziehen - eine Sisyphosarbeit. Den Kalligraphen kümmert es nicht. "Ich habe an mehr als hundert Moscheen mitgearbeitet", sagt der Kunsthandwerker aus der Türkei, "aber das Gefühl hier lässt sich nicht beschreiben."

Blick nach oben in der Merkez-Moschee, Duisburg Quelle: ZDF

Teile der Gesellschaft zusammenbringen


Es lässt sich aber bald besser verstehen: Am 25. Februar kann jeder, der mag, das Gebäude besichtigen - der Moscheeverein lädt ein zu einer Baustellenführung. Die Veranstaltung ist eine von 37, die bundesweit im Rahmen der "Christlich-Muslimische Friedensinitiative" vom 19. bis zum 26. Februar stattfinden. "Wir möchten die Gelegenheit nutzen, uns hier vorzustellen", sagt Zülfiye Kaykin, die die der Moschee angeschlossene Begegnungsstätte leitet. "Vielleicht können wir so die verschiedenen Teile der Gesellschaft einander näher bringen."

Das ist auch das Ziel der Christlich-Muslimischen Friedensinitiative. "Integration gemeinsam schaffen" lautet das Motto der Auftaktveranstaltung an diesem Dienstag in Berlin mit Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Integrationsbeauftragten des Bundes, Maria Böhmer.

Neigung zum gegenseitigen Misstrauen

Getragen wird die Initiative vom größten muslimischen Verband in Deutschland, der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) sowie dem Deutschen Städtetag und dem Koordinierungsrat des Christlich-Islamischen Dialogs. Prominente aus Politik und Gesellschaft unterstützen die Idee, unter ihnen Fußballprofi Halil Altintop, der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf und der Intendant des ZDF, Markus Schächter.

"Wir wollen einen Beitrag leisten zum friedlichen und guten Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Weltanschauung und religiöser Überzeugung", sagt der Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz (CDU), der zu den Initiatoren gehört. "Denn es ist erkennbar - und auch die Diskussion nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen hat das deutlich gemacht: Wir haben in Deutschland eine Neigung zum gegenseitigen Misstrauen, die wir überwinden müssen."

Bündelung lokaler Veranstaltungen

Es sei eine zivilgesellschaftliche Initiative, keine interreligiöse, betont Polenz. So beteiligen sich die beiden großen Kirchen und der Zentralrat der Juden in Deutschland zunächst nicht an der Friedensinitiative, die erst vor drei Monaten gegründet wurde. Stattdessen sind es meist städtische, kommunale Projekte, die die Gelegenheit nutzen, sich in einem bundesweiten Rahmen zu präsentieren.

Muslimische Tante, christliche Nichten


"Wir wollen damit alle regionalen, kommunalen, lokalen Veranstaltungen bündeln, und so die Integration vorantreiben", sagt Rafet Öztürk, der bei der DITIB für interkulturelle Zusammenarbeit zuständig ist. Er spricht von einer "neuen Ära".
Unter denen, die sich beteiligen, ist auch die Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft in Marl. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Mittwoch, 20. Februar, werden hier Einwanderer ihre Geschichte erzählen. Wie Saduman Tanriverdi, die 1973, mit neun Jahren nach Deutschland kam. Fragt man sie nach Spannungen zwischen Christen und Muslimen, lächelt sie nur: "Ich lebe in einer christlich-muslimischen Familie, ich bin eine muslimische Tante von christlichen Nichten."

Þaduman Tanrýverdi lebt in einer christlich-muslimischen Familie Quelle: ZDF


In ihrem Leben haben sich die Religionen längst vermischt und das Wort "Integration" verliert den Drohcharakter, den es in den politischen Debatten oft hat. Stattdessen spricht die Frau, die aus der Nähe von Samsun am Schwarzen Meer nach Marl kam, von der Lust am Lernen: "Ich bin reicher, weil ich christliche Traditionen kenne. Für mich ist es zu wenig, dass ich nur die türkische Sprache kann. Es ist auch zu wenig, dass ich nur die deutsche Sprache kann - ich bereue, dass ich nicht viele Sprachen kann."

Von Deutschen den Islam gelernt

Ungewöhnlich scheint die Geschichte, die Nazife Güner erzählt: 1975 kam sie mit acht Jahren aus der Türkei hierher. Groß wurde sie in einer in Glaubensfragen eher liberalen Familie. Als sie 19 Jahre alt und verheiratet war, begann sie sich auf Wunsch ihres Mannes mit dem Kopftuch zu beschäftigen. "Da gab es hier in der Singstraße eine kleine Gemeinde und damals waren dort auch deutsche Frauen, die den Islam angenommen hatten."

Die hätten ihr beigebracht, das Kopftuch zu tragen. "Die haben das Kopftuch getragen und ich noch nicht - und von denen habe ich dann meine Religion gelernt." Diese Türkin, der deutsche Frauen beibrachten, das Kopftuch zu tragen, hat ihre muslimischen Kinder dann später den katholischen Religionsunterricht besuchen lassen.

Kein Schild um den Hals

Die Beispiele zeigt den Mix der Religionen und Kulturen, der längst im Alltag der früheren Einwanderer herrscht. Projekte wie die Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft, die sich in Marl seit 24 Jahren trifft und die der frühere evangelische Pfarrer Hartmut Dreier mitgegründet hat, tragen dazu bei, dass solche Geschichten gehört werden - und die "Christlich-Muslimische Friedensinitiative" gibt den lokalen Projekten nun auch einen bundesweiten Rahmen.

Der Furcht vor dem "Kampf der Kulturen" werden so Geschichten über das Gelingen im Kleinen entgegengesetzt. "Eine faire Bilanz der Integrationsgeschichte wird zeigen, dass es eine Erfolgsgeschichte ist", sagt Ruprecht Polenz. "Man muss sich vor Augen halten, dass einem immer nur das auffällt, wo wir noch nicht so weit sind. Denn die Menschen, die ihren Platz gefunden haben, die sich integriert haben, laufen ja nicht mit einem Schild um den Hals herum."

Auch Nazife Güner trägt kein Schild. Sie trägt ein Kopftuch. Aber bei der Veranstaltung im Rahmen der Christlich-Muslimischen Friedensinitiative, bei der Diskussion in Marl am kommenden Mittwoch, wird sie aufs Podium steigen. Was sie sagen wird, fragen wir sie. "Ich werde sagen, dass ich jetzt hier zu den Deutschen gehöre. Deutschland ist mein Land."

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