Deutschland und seine Muslime

Integration ist kein Selbstläufer

Wie viel Islam verträgt Deutschland eigentlich? Eine gerechtfertigte, aber auch provokante Frage, die bei vielen Muslimen in diesen Tagen für Unbehagen sorgt. Denn: Punkteregelung für Zuwanderer, Sanktionen für Migrationsverweigerer, Unterordnung unter eine "Leitkultur" heißt für viele übersetzt: Ihr seid nicht willkommen.

Muslimische Mädchen mit Kopftüchern
Muslimische Mädchen mit Kopftüchern Quelle: imago

Multikulti ist sowieso schon tot, wie Horst Seehofer beschwört. Wer als Muslim in Deutschland lebt und gut integriert ist, schüttelt angesichts der teilweise hysterisch geführten Debatte den Kopf. Ist jede Kopftuchträgerin eine Integrations-Verweigerin? Ist jeder Muslim, der sich von seinem Glauben entfernt, deswegen besser assimiliert?

Nicht alle Muslime sind Fundametalisten

Nicht jede muslimische Familie ist bildungsfern. Die Fähigkeit zur Differenzierung ist auch eine Voraussetzung für jede Debatte über Einwanderung. Es bedarf keiner Studie, um zu wissen, dass der Großteil der in Deutschland lebenden Muslime gut integriert, friedlich und nicht fundamentalistisch orientiert ist.


Zur Erinnerung: Nur knapp 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime sind in Verbänden organisiert. Der Großteil sieht Religion als Privatsache und ist ohnehin säkular orientiert. Viele Muslime nervt nicht nur in diesen Tagen, immer nur auf ihre Religion reduziert und fast nur über ihre Religion definiert zu werden. Hinzu kommt, dass die auf dem Rücken der größtenteils friedlich lebenden Muslime ausgetragene Debatte viele Muslime dazu zwingt, sich und ihre Religion immer wieder rechtfertigen und gar verteidigen zu müssen.

Fremdenfeindlichkeit macht krank

Wer schreibt, ein Volk verdumme durch minderwertiges Erbgut der besonders fruchtbaren Einwanderer, grenzt außerdem eine Bevölkerungsgruppe von vorneherein aus und treibt sie möglicherweise in eine Parallelgesellschaft.

Stichwort Diskriminierung: Das Gefühl, ausgegrenzt, benachteiligt oder falsch behandelt zu werden, macht Menschen krank - und zwar körperlich wie auch psychisch. Das haben jetzt Leipziger Sozialforscher herausgefunden. Die Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund leidet stark unter Fremdenfeindlichkeit, so die in der Zeitschrift "Psychiatrische Praxis" vorgelegten Ergebnisse.

Mehrheit sucht einen Sündenbock

Einbürgerungstest
Einbürgerungstest - Typical Quelle: ap

Ein Übriges dazu tut eine jetzt veröffentlichte Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel "Die Mitte in der Krise". Das erschreckende Ergebnis: 25 Prozent der Deutschen sind ausländerfeindlich, jeder zehnte wünscht sich einen starken Führer. 35 Prozent der Deutschen sind gar der Meinung, Deutschland sei überfremdet. Was ist plötzlich los, so fragt man sich? Woher kommt das Gefühl der Überfremdung?

Überall in Europa gedeiht aus einer Urangst gegen das Fremde, dem Unbehagen seit dem 11. September 2001 und aus der Furcht vor einer Überforderung des Sozialstaats ein Klima, das Züge eines Kulturkampfes trägt. Und in Zeiten der Krise, so die Psychiaterin Elif Cindik im Forum am Freitag, sucht die Mehrheit nicht selten in der Minderheit einen Sündenbock.

Sinnleere und spirituelle Schwäche

Umfragen belegen interessanterweise, dass die Vorbehalte gegen Muslime bei denjenigen am größten sind, die selbst keine Muslime kennen. Das Unbehagen vieler am Islam kann aber nicht nur mit Gewalt und Terror und seiner dogmatischen Erstarrung erklärt werden, gegen die übrigens auch muslimische Reformer ankämpfen. Könnte es nicht auch sein, dass in einer sich immer mehr säkularisierenden christlichen Gesellschaft wie der deutschen, in der es immer mehr Kirchenaustritte gibt, ein verbreitetes Gefühl spiritueller Schwäche und Sinnleere herrscht?

Da können Muslime - zwar mit vier Millionen Menschen eine Minderheit und in Deutschland religiös ebenso unterschiedlich wie in ihren Heimatländern - als eine geradezu aufreizend präsente Gemeinschaft provozieren. Natürlich verhalten sich manche Migranten in inakzeptabler Weise. Daher ist der Dialog mit dem Islam nicht leicht. Doch welche Alternative gibt es?

Rationalen Diskurs anstoßen

Zu den Lebenslügen des niederländischen Geert Wilders und anderen Populisten gehört der Glaube, man könne die ungeliebten Muslime wieder loswerden. Das ist nicht nur illusorisch, sondern aufgrund des demografischen Wandels nicht wünschenswert. Im Gegenteil: Die überalterten Gesellschaften Europas brauchen eine geregelte Einwanderung, wollen sie ihren Lebensstandard halten. Die muslimischen Migranten haben ihren Platz in Europa gefunden, und damit auch der Islam. Diese einfache Feststellung sagt allerdings noch nichts darüber aus, in welchem Mass sich der Islam mit den Werten der europäischen Aufklärung verträgt. Darüber kann und soll gestritten werden.

Zu den Minimalstandards der Demokratie gehören aber Differenzierungsvermögen und rationaler Diskurs. Wer diese Mindestanforderungen nicht erfüllt und populistische Parolen schwingt, macht einen vernünftigen Dialog unmöglich. Indem man die Integrationsprobleme von Muslimen zum Religionskonflikt stilisiert, verhärtet man nur die Fronten. Auf der Strecke bleiben wie immer die gut integrierten, unauffälligen Muslime. Denn gute Integration ist kein Selbstläufer, dahinter steckt eine gewaltige Anstrengung vieler Menschen.

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