Die Geschichte des muslimischen Antisemitismus

Ein Phänomen der Neuzeit

Der Antisemitismus in islamischen Ländern entstand ab dem 19. Jahrhundert unter europäischer Kolonialherrschaft, als sich eine traditionelle, im Koran verankerte religiöse Diskriminierung der Juden mit Motiven des europäischen Antijudaismus und Antisemitismus verband.

Bild eines sogenannten Deuters zum lesen der Tora. Quelle: ZDF

Der Islam selbst erkennt das Judentum als die älteste monotheistische Buchreligion an. Das jüdische Volk ist sogar ein auserwähltes Volk: "Oh ihr Kinder Israels! Gedenket meiner Gnade, die ich euch erwiesen und dass ich euch erhob über alle Völker (Sure 2:47)."

Juden im Koran

Junge liest im Koran Quelle: reuters


Juden und Christen gelten im Koran als "Schriftbesitzer", die Thora als göttliche Offenbarung (Sure 5:44) und Juden genießen grundsätzlich Toleranz. Sie leben als Dhimmi (Schutzbefohlene) unter muslimischer Herrschaft weitaus besser als unter christlicher Herrschaft. In der "mekkanischen Zeit" Mohammeds gelten Sie als "Kronzeugen für die Wahrheit".


Doch die Juden bekommen im Koran auch die Rolle von Unterworfenen, Feiglingen und Besiegten. Denn nach der Auswanderung des Propheten Mohammed nach Medina (622) wendet er sich von ihnen ab, weil sie sich weigern, seiner Botschaft zu glauben und sich dem Islam anzuschließen. Sie werden fortan als "Feinde Gottes und des Gesandten" bezeichnet.

Friedliche Koexistenz

Trotz dieser frühen geschichtlichen Belastung war das Verhältnis des Islam zum Judentum gut, die klassische islamische Zivilisation war fast frei von Judenhass. Die orientalischen Juden waren in der arabischen Gesellschaft viel besser integriert als ihre Glaubensgenossen in der abendländischen Welt. Aus der Geschichte der Kreuzzüge wissen wir, dass Juden und Muslime in gleicher Weise Opfer der Kreuzzüge wurden. Sie haben Jerusalem im Jahre 1099 gemeinsam gegen die Eroberung durch die Kreuzfahrer verteidigt. Ethnisch-rassische Kategorien waren dem "klassischen" Islam fremd. Im frühen Mittelalter schöpfen Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie, islamische, jüdische und christliche Gelehrte, ja sogar Theologen aller drei Religionen, aus denselben Quellen.

Unter diesen Bedingungen konnte eine harmonische jüdisch-islamische Kulturtradition entstehen, die von großen jüdischen und islamischen Philosophen wie Maimonides und Averroes verkörpert wurde. Im 15. und 16. Jahrhundert wanderten viele Juden aus Europa, vor allem aus Spanien, in das Osmanische Reich ein. Sie wurden durch Berichte über die größere Toleranz angelockt, die dort im Unterschied zu Europa herrschte. Unter osmanischer Herrschaft nahmen sie wichtige Stellungen in Handel und Gewerbe, ja sogar im Staatsdienst ein. Die Juden haben in der Geschichte des Islam und in der islamischen Theologie mitunter auch wichtige Rollen gespielt. Abdallah ibn Saba, ein islamisierter Jude, wird als geistiger Urheber des Schiitentums angesehen.

"Islamistischer" Antisemitismus?

Im Zuge der Schwächung des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert richtete sich der Hass türkischer Muslime gegen ethnische und religiöse Minderheiten, so auch gegen Juden. Mit der Übernahme nationalistischer Ideologien aus dem Westen und im Zuge der Palästinafrage hat im 20. Jahrhundert auch der europäische Antisemitismus Eingang in den Nahen Osten gefunden. Die ersten geistigen Spuren des "islamistischen" Antisemitismus finden wir bei dem Ägypter Said Qutb (1906 bis 1966), dem geistigen Vater des politischen Islam.

Von ihm stammt die Gleichsetzung von al-Salibja al-Alamija ("Welt-Kreuzzüglertum") und al-Jahudja al-Alamija ("Weltjudentum") - Christen und Juden wollten, so Qutb, Hand in Hand den Islam und die muslimische Welt zerstören. "Diejenigen, die Gott verflucht hat und denen er zürnt und aus deren Reihen er einige zu Affen und Schweinen gemacht hat, die den Götzen dienen" (Sure 5:60/ Sure 7:166) - im Propagandakrieg der Islamisten werden häufig auch solch herablassende Koranstellen über Juden, wie die Passage mit den Affen und Schweinen, von radikalen Islamisten oder Islamkritikern zitiert und instrumentalisiert.

Holocaust-Leugnung und Nahostkonflikt

Für radikale Islamisten sind aus dem Westen stammende antisemitische Bücher sehr willkommen. Die "Protokolle der Weisen von Zion", die seit Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitet wurden, oder die Schriften von Holocaust-Leugnern gelten als ein weiterer Beleg für die Judenfeindlichkeit des Islam und der Muslime. Durch die Entstehung des Staates Israel verschlechterte sich die Einstellung mancher islamischer Kreise gegenüber Juden. Man bemühte sich zwar, zwischen Juden und Zionisten zu unterscheiden, aber durch den Palästinakonflikt ist in der islamischen Welt eine antizionistische Stimmung entbrannt, die sich häufig zwar nicht gegen die Religion des Judentums richtet, aber oft mit Antisemitismus gleichgesetzt wird.

Antizionismus und der Protest gegen Israels Besatzungspolitik werden häufig mit Verschwörungstheorien über "die jüdische Weltherrschaft" vermengt. Die Wurzeln des islamischen Antijudaismus liegen jedoch nicht im Koran, sondern in Europa. Muslime sind also weder historisch noch religiös a priori Antisemiten, noch hat sie der Nahostkonflikt dazu gemacht. Nicht zuletzt lässt die "Holocaust-Leugnung" des iranischen Präsidenten Ahmadinejad vermuten, dass der Iran Antisemitismus verbreite. Dabei wird verkannt, dass es im Iran die größte jüdische Gemeinde im Nahen Osten außerhalb Israels gibt und Juden im Iran seit über zweitausend Jahren friedlich leben.

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