Die Praxis der Genitalverstümmelung

Verbote schützen Mädchen nicht

Diesen Tag wird Jawahir Cumar wohl nie vergessen. Gerade fünf Jahre war die junge Somalierin alt, als ihre Großmutter sie zu einem Arzt brachte. Unter Vollnarkose und mit sterilen chirurgischen Instrumenten verstümmelte der Mediziner ihr äußeres Geschlecht. "Damit hatte ich wohl noch Glück im Unglück", sagt die heute 32-Jährige. Denn viele der schätzungsweise 140 Millionen Betroffenen müssen die barbarische Tortur der weiblichen Beschneidung im Busch oder Hütten mit Glasscherben, Rasierklingen und kleinen Klappmessern bei vollem Bewusstsein ertragen.

Aufklärungsarbeit über Genitalverstümmelung
Aufklärungsarbeit über Genitalverstümmelung Quelle: ap

"Man redet nicht gern über das Thema, weil es unangenehm ist, aber für viele afrikanische Frauen ist dieses grausame Ritual leider noch immer Alltag", sagt Cumar, die mit 13 Jahren nach Deutschland kam. 1996 gründete sie hier den Verein "stop mutilation" und widmet sich seitdem dem Schicksal beschnittener Frauen. Im Durchschnitt alle elf Sekunden müssen laut Terres des Femmes Mädchen zwischen vier und 13 Jahren erdulden, dass so genannte Beschneiderinnen Teile ihrer Klitoris und der inneren Schamlippen abtrennen. Im schlimmsten Fall wird die verbliebene Haut bis auf eine winzige Öffnung zugenäht, um die Jungfräulichkeit der Mädchen vor der Ehe zu garantieren.

Gezeichnet für immerAuch das Kinderhilfswerk UNICEF schätzt, dass jährlich drei Millionen Mädchen in mindestens 26 Ländern Afrikas und im Jemen an ihren Genitalien beschnitten werden - obwohl die schmerzvolle Prozedur inzwischen fast überall verboten wurde. Immer wieder sterben Mädchen dabei an dem hohen Blutverlust und Infektionen, erklären die Hilfsorganisationen.

Auch Mädchen in Deutschland bedroht

Doch auch in Deutschland macht das Leid vor vielen afrikanischen Mädchen keinen Halt. "Viele ausgewanderte Eltern lassen von dem Ritus nicht ab", sagt Cumar. Über 24.000 Betroffene lebten in der Bundesrepublik, rund 6000 Mädchen riskieren ihren Angaben zufolge, illegal von eingeflogenen Beschneiderinnen oder in den Ferien vor Ort verstümmelt zu werden. "Die Eltern glauben ja, dass sie ihren Töchtern damit etwas Gutes tun, weil unbeschnittene Mädchen kaum eine Chance haben, einen Mann zu finden", sagt die 32-Jährige. Immer wieder wird die Leiterin der Beratungsstelle bei ihrer täglichen Arbeit nicht nur mit einer Mauer des Schweigens, sondern vor allem auch mit Unwissenheit über die langfristigen Folgen der Beschneidung konfrontiert.

Die meisten Frauen seien schwer traumatisiert und kämpften ein Leben lang mit chronischen Becken- und Harnwegsentzündungen, Inkontinenz, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und großen Komplikationen bei der Geburt eines Kindes. Das Wichtigste und zugleich Schwierigste sei, darüber aufzuklären, dass die Familien den Mädchen wirklich schlimmen Schaden zufügten. Doch Aufklärung tut nicht nur unter Somaliern, Ägyptern oder Sudanesen Not. Obwohl in Deutschland viele betroffene Frauen leben, wüssten zum Beispiel nur die wenigsten Gynäkologen über die weibliche Beschneidung Bescheid, sagt Cumar. "Die meisten Mediziner erschrecken regelrecht, wenn sie das sehen." Meist seien die Frauen dann so verstört, dass sie gar nicht mehr zum dem oft dringend benötigten Arzt gingen.

Fortbildungen für Ärzte

Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde in Nordrhein-Westfalen von der "Aktion Weißes Friedensband" der erste "Runde Tisch gegen die Beschneidung von Mädchen" ins Leben gerufen. Seit zwei Jahren treffen sich Vertreter von Politik, Berufsverbänden und Organisationen regelmäßig, um die medizinische, rechtliche und soziale Situation der Frauen zu verbessern. Gelungen sei es so zum Beispiel, Fortbildungen für Ärzte bis hinein in die Universitäten durchzusetzen, sagt Friedensband-Sprecher Günter Haverkamp.

Im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung sollte laut Terre des Femmes künftig auch vor allem eines auf dem Programm stehen: Die grausame Praktik müsse in Deutschland nicht nur als gefährliche, sondern in jedem Fall als schwere Körperverletzung geahndet werden, fordert die Menschenrechtsorganisation. Bislang sei dies nur dann der Fall, wenn die Betroffene als Folge der Verstümmelung unfruchtbar würde. Eine von den Grünen eingebrachte Initiative zur Verschärfung der Gesetzeslage scheiterte bislang. "Wir werden jedoch auch weiterhin darauf drängen, dass die Bundesregierung ihrer Verantwortung nachkommt", erklärte Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes.

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