Die Protestantinnen des Islam

Feministisch-islamische Theologie

Ähnlich wie Jüdinnen und Christinnen haben muslimische Frauen seit einigen Jahren die feministische Theologie für sich entdeckt. Sie möchten die Quellen des Islam, den Koran und die Sunna, von den jahrhundertealten patriarchalischen Interpretationen lösen, die ihrer Ansicht nach dazu dienten, die Macht der Männer gegenüber den Frauen zu erhalten und Frauen eine Beteiligung am gesellschaftlichen und religiösen Leben in großem Maße vorzuenthalten.

Betende Muslimin Quelle: reuters

Die Quellen des Islam, so lautet ihre Überzeugung, garantieren Männern und Frauen jedoch die gleichen Rechte. "Wenn wir sagen, dass der Koran ein geschlechtergerechtes Buch ist, dass Gott ein geschlechtergerecht denkender Schöpfer ist, dann können wir nicht in der Praxis ein Geschlecht ungerecht behandeln", so die Theologin Rabeya Müller vom Kölner Zentrum für Frauenforschung, kurz "ZiF". Besonders die Stellen im Koran, die sich augenscheinlich frauenfeindlich äußern, müssen nach Auffassung der muslimischen Feministinnen neu interpretiert werden.

Kein männliches Deutungsmonopol

Sie möchten daher das Deutungsmonopol der Männer brechen. Zudem plädieren sie für einen Zugang zu den Ämtern, den ihnen die muslimischen Männer seit Jahrhunderten verwehren. Erst seit einigen Jahren können sich muslimische Frauen zu Theologinnen ausbilden lassen und auch als Geistliche arbeiten, allerdings nur für Frauen. Eine Frau als Vorbeterin einer gemischten Gemeinde ist dagegen in der islamischen Welt immer noch undenkbar.

Die Wurzeln der modernen islamischen Frauenrechtsbewegung reichen mehr als hundert Jahre zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts schrieben Feministinnen in Ägypten, durch den europäischen Einfluss inspiriert, Bücher und Artikel, die in gängigen Magazinen veröffentlicht und sowohl von Frauen und Männern gelesen wurden. Sie plädierten dabei für das Recht der Frauen auf Bildung und Arbeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die feministische Frauenbewegung zunächst in Vergessenheit. Wiederbelebt wurde sie Anfang der neunziger Jahre durch die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi. In ihren Büchern geht sie der Frage nach, wie sehr die Interpretation der islamischen Quellen durch Männer manipuliert und missbraucht worden war.

Der Koran - ein Fortschritt für Frauen

Den muslimischen Feministinnen geht es vor allem darum, den Koran so zu deuten, wie es ursprünglich beabsichtigt war. Denn der Islam stärkte die Rechte der Frau: Galten sie in vorislamischer Zeit als Erbmasse, waren sie jetzt erbberechtigt - ein Privileg, das in vorislamischer Zeit nur Männern zugestanden wurde. Vorher gehörte die Frau zum Besitzstand des Mannes und wurde nach seinem Tod an die nächsten Verwandten mitvererbt. So schreibt die mittlerweile verstorbene Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel: "Verglichen mit der vorislamischen Stellung der Frau bedeutete die islamische Gesetzgebung einen enormen Fortschritt; die Frau hat - zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes - das Recht, über das zu verfügen, was sie in die Familie gebracht hat oder durch eigene Arbeit verdient hat." Auch in anderer Hinsicht bekamen die Frauen mehr Rechte. Die Mitgift wurde an die Frau gezahlt, nicht mehr an den Vater des Mannes. Die Ehe wurde ein ziviler Vertrag, dessen Gültigkeit von dem Einverständnis der Frau abhängig war. Zudem führte der Islam die Scheidung ein.

Die Protagonistinnen des islamischen Feminismus möchten daher die ihrer Ansicht nach geschlechtergerechte Botschaft des Koran wieder mit neuem Geist beleben. Dabei gibt es verschiedene Ansätze: Einige möchten Verse des Koran ignorieren, so wie die in Holland lebende ägyptische Autorin Nahed Salim: "Als eine emanzipierte Frau plädiere ich dafür, diejenigen Verse, die eine frauenfeindliche Botschaft beinhalten, nicht mehr zu beachten. Dies gilt für die Polygamie, die körperliche und seelische Züchtigung von Frauen und die Ungleichheit von Männern und Frauen vor Gericht." Eine problematische Forderung, denn für Muslime ist der Koran das wörtlich offenbarte Wort Gottes und somit unantastbar.

Historisches Dokument Koran

Auch Nehide Boskurt geht dies zu weit. Die Professorin an der Theologischen Universität in Ankara plädiert daher für einen anderen Weg. Sie möchte eine historische Einordnung der Verse: "Man kann die Verse nicht missachten. Ich bin Historikerin, und der Text liegt vor mir. Wie kann ich ihn somit denn nicht beachten? Ich denke, es ist eine Frage der Interpretation. Daher bin ich dafür, den historischen Kontext mehr herauszuarbeiten." Und die Wissenschaftlerin gibt auch ein konkretes Beispiel für ihren Ansatz: "Die Zeugenaussage von zwei Frauen entspricht der eines Mannes. Doch wir wissen, dass zu jener Zeit Frauen keine Erfahrungen in Bereich des Handels hatten. In diesem Zusammenhang sagt der Koran, wenn es um Geldgeschäfte geht, sollen zwei Frauen aussagen, damit die eine die andere erinnern kann. Damals waren die Frauen unerfahren, doch heute gibt es viele Frauen in Wirtschaftsunternehmen. Wie kann man da heute noch behaupten, zwei Frauen entsprächen einem Mann?"

In Deutschland sind es die Hamburger Imamin Halima Krausen und die Frauen um Rabeya Müller im "ZiF", die sich für eine Neuinterpretation umstrittener Verse einsetzen. Beispiel ist der Vers 4, 34, in dem den Männern das Recht eingeräumt wird, ihre Frauen körperlich zu züchtigen: Der arabische Begriff "daraba" hat neben "schlagen", wie er üblicherweise übersetzt wird, auch die Bedeutung "prägen" und "trennen". In diesen Bedeutungen wird "daraba" im Koran am häufigsten benutzt. "Wenn man sich jetzt den Kontext anguckt, wie es im Koran drinsteht - wenn es irgendwelche Zwistigkeiten gibt, sprecht erst miteinander, dann trennt euch zeitweilig - dann empfindet man es als absolut unlogisch, wenn dann kommt 'dann schlagt sie'. Wie um Gottes willen soll ein solcher Schlag eine Ehe retten?", fragt Rabeya Müller.

Langer Weg zur Gleichberechtigung

Muslima mit Kinderwagen
Muslima mit Kinderwagen Quelle: caro

Doch egal, ob die Verse des Koran weggelassen, historisch eingebettet oder neu interpretiert werden - eines wird deutlich: Es gibt viele Ansätze von Frauen in der islamischen Welt im Kampf um ihre Rechte und gesellschaftliche Gleichstellung. Doch immer noch haben diese Frauen es ungleich schwerer als ihre nicht-muslimischen Geschlechtsgenossinnen. Daher ist der Weg zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter in der islamischen Welt noch lang. Die Journalistin Nahed Selim zumindest ist in dieser Hinsicht optimistisch: "Ich denke, wenn man den Frauen mehr Kraft gibt, dann verstärkt man auch den Islam, denn Frauen stellen die Hälfte aller Muslime. Sie führen und erziehen ihre Kinder, und sie haben großen Einfluss in der muslimischen Gesellschaft. Wenn sie sich stark und glücklich fühlen und ihnen Gerechtigkeit widerfährt, dann wird die ganze islamische Gemeinschaft und auch der Islam gerecht behandelt."

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