"Die türkische Bibel"

Geschichte der deutschen Koranübersetzung

Zum ersten Mal wurde der Koran in Europa durch die lateinische Übersetzung bekannt, die der Abt Petrus Venerabilis aus Cluny im 12. Jahrhundert in Spanien anfertigen ließ. Sie entstand aus der Erkenntnis heraus, dass der Islam nicht mit Waffengewalt, sondern nur mit der Macht des Wortes zu besiegen sei. Für mehr als fünfhundert Jahre war sie die wichtigste Quelle für die Korankenntnis in der westlichen Christenheit. Erst viel später, im Jahre 1647, erschien in Paris die erste direkte Übersetzung des Korans aus dem Arabischen in eine europäische Volkssprache, das Französische.

Koran für Kinder von Lamya Kaddor Quelle: ZDF

An der negativen Einstellung gegenüber dem Koran hatte sich jedoch kaum etwas geändert. So schrieb der Übersetzer André du Ryer in seinem Vorwort:



"Dieses Buch ist ein langer Vortrag Gottes, der Engel, und Mohammeds, den dieser falsche Prophet auf allzu plumpe Weise erfunden hat..."

Die "türkische Bibel" entlarven

Eine deutsche Übersetzung erschien erstmals 1772, mit dem Titel "Die türkische Bibel, oder der Koran". Auch hier ging es dem Übersetzer Megerlin darum, den Koran als "Lügen- und Fabelbuch" zu entlarven. Weitere deutsche Übersetzungen folgten, doch spiegelten sich in ihnen stark die dogmatischen Vorbehalte der Kirche wieder. Einzig die Übersetzung des Orientalisten Friedrich Rückert von 1888 bildete hier eine Ausnahme: Rückert versuchte, den Koran sprachlich wie religiös gleichermaßen einfühlsam zu übersetzen.



"Im Namen Gottes des allbarmherzigen Erbarmers.1. Wir sandten ihn hernieder in der Nacht der Macht. 2. Weißt Du, was ist die Nacht der Macht? 3. Die Nacht der Macht ist mehr als was 4. In tausend Monden ward vollbracht. 5. Die Engel steigen nieder und der Geist in ihr, Auf ihres Herrn Geheiß, alles sei bedacht. 6. Heil ist sie ganz und Friede, bis der Tag erwacht."

Im Laufe des 20. Jahrhunderts übersetzten dann immer mehr christliche Autoren das heilige Buch der Muslime aus wissenschaftlichen Gründen, so wie der Religionswissenschaftler Adel Theodor Khoury aus Münster. Die Übersetzung des gebürtigen christlichen Libanesen, die 1987 veröffentlicht wurde, gilt vielen Lesern heute noch als die beste und sprachlich modernste, versucht sie doch, den Geist des Korans einzufangen:


"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen! 1. Wir haben ihn in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. 2. Woher sollst du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? 3. Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate. 4. Die Engel und der Geist kommen in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn herab mit jedem Anliegen. 5. Voller Frieden ist sie bis zum Aufgang der Morgenröte."

Ein schwer verständliches Buch

Adel Theodor Khoury versucht, den Koran aus der muslimischen Tradition heraus zu verstehen. So beschreibt der Wissenschaftler seinen Ansatz: "Wenn ein Text da ist, der mehrere Interpretationen zulässt, schaue ich, was die großen Gelehrten des Islams gesagt und wie sie diesen Text verstanden haben. Dann übernehme ich ihre Erklärung." Doch im Gegensatz zur Bibel ist der Koran kein Buch, das sich dem Leser leicht erschließt, egal ob er Muslim ist oder nicht.


Deshalb empfiehlt der Wissenschaftler Adel Theodor Khoury dem interessierten Publikum vor der Lektüre: "Bevor jemand den Koran liest, sollte er eine gute Einführung in den Islam lesen, in die Themen des Islam, in seinen Glauben, in seine religiöse Praxis. So bekommt er einen Rahmen zum Verständnis dessen, was im Koran ist."

Übersetzung oder Übertragung?

Junge liest im Koran Quelle: reuters


Muslime hingegen taten sich lange Zeit schwer, den Koran in andere Sprachen zu übertragen, hielten sie doch das in arabischer Sprache offenbarte Wort Gottes für unübersetzbar. Vor einigen Jahrzehnten hat in der islamischen Welt in dieser Hinsicht allerdings ein Prozess des Umdenkens eingesetzt. Der Grund: Auch Muslime, die nicht der arabischen Sprache mächtig sind - immerhin der Großteil der muslimischen Bevölkerung - sollten einen Zugang zu ihrem heiligen Text erhalten. Und so haben auch deutsche Muslime mittlerweile damit begonnen, den Koran ins Deutsche zu übertragen.


Sie verzichten dabei aber ganz bewusst auf das Wort "Übersetzung" und sprechen daher lieber von einer ungefähren "Übertragung" der Inhalte des Korans. Eine solche erste Übertragung des Korans aus der Feder eines deutschsprachigen Muslims stammt aus dem Jahre 1996 von dem Münchner Publizisten Ahmad von Denffer. Es folgten im Laufe der Jahre Übersetzungen von den in Deutschland lebenden Muslimen Muhammad Ahmad Rassoul, Fatima Grimm und Amir Zaidan. Diese Übersetzungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zentrale theologische Begriffe in ihrer arabischen Form stehen lassen, wie beispielsweise das Wort "Al-Qadr" für "Das Schicksal" in der Übersetzung des Ägypters Muhammad Ahmad Rassoul:


"Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! 1. Wahrlich, Wir haben ihn hinabgesandt in der Nacht von al-Qadr. 2. Und was lehrt dich wissen, was die Nacht von al-Qadr ist. 3. Die Nacht von al-Qadr ist besser als tausend Monate. 4. In ihr steigen die Engel und Gabriel herab mit der Erlaubnis ihres Herrn zu jeglichem Geheiß. 5. Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte."

Ergänzt werden die Ausgaben dieser Koranübertragungen durch den arabischen Urtext sowie einem Kommentar.

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