Ehe auf Zeit

Eine schiitische Praxis im Iran

Die "Sighe", die sogenannte Zeitehe, ist eine zeitlich begrenzte Ehe, die bei schiitischen Muslimen - besonders im Iran - Tradition hat. Im Iran müssen sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau amtlich abgesegnet werden. Denn: im Gottesstaat sind außereheliche sexuelle Kontakte unsittlich, auf Prostitution stehen Peitschenhiebe, auf Ehebruch Tod durch Steinigung. Die Zeitehe kann von einigen Stunden bis zu 99 Jahre dauern.

Filmszene "Im Bazar der Geschlechter"
Filmszene "Im Bazar der Geschlechter" Quelle: dpa,W-Film Distribution

Die einzige Bedingung ist, dass die zwei Partner miteinander einen Ehevertrag abschließen. Er legt die genaue Dauer der Zeitehe fest und die finanzielle Summe, die der Mann der Frau bei Abschluss des Vertrages zahlt. Der Mann darf schon verheiratet sein und braucht seine Frau über die Zeitehe nicht zu informieren. Die Frau hat die Verbindung hingegen unverheiratet einzugehen.

Zeitehe umstritten

Zwischen Schiiten und Sunniten ist die Zeitehe umstritten. Die sunnitischen Araber nennen sie "muta", also "Genuss", die Schiiten im Iran nennen sie "Sighe", also eine vorübergehende Form der Ehe. Den Sunniten werfen die Schiiten vor, eine von Mohammed gebilligte Praxis geändert zu haben, und berufen sich auf Vers 24 der vierten Koransure. Schon im Arabien vor Mohammed und auch in den Jahren des Propheten war die Ehe auf Zeit verbreitet, wobei sie hauptsächlich von Reisenden praktiziert wurde.

Gespräch mit Sudabeh Mortezai, Regisseurin "Im Bazar der Geschlechter"Verboten hat sie erst Umar, der zweite rechtgeleitete Kalif. Die Imame der Schiiten, also die Nachfolger des Kalifen Ali, haben sie indes ausdrücklich gebilligt. Umstritten ist die Zeitehe vor allem deswegen, weil die Debatte um die Zeitehe sich zwischen den Begriffen der legalen Polygamie und der legalisierten Prostitution bewegt.

Pragmatische Gründe

In der Geschichte und in der Gegenwart kommen Zeitehen vor allem zwischen Männern und Frauen zustande, die keine Dauerehe eingehen können, etwa zwischen Partnern aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten oder aus unterschiedlichen Religionen. Heute ist die Zeitehe weniger verbreitet als in der Vergangenheit. Aber immer noch greifen Menschen darauf zurück, die im Iran beispielsweise eine Wohnung kaufen wollen oder verreisen wollen und keinen Partner haben.

Unverheiratete Paare dürfen beispielsweise nicht in einem Hotelzimmer übernachten. Auch Frauen, die verwitwet oder geschieden sind und ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie nicht finanzieren können, gehen Zeitehen ein. Männer, die eine Zeitehe schließen, sind meist Mittellose, aber auch Reisende und Bauern und Männer ohne Eheerfahrung. Aber auch wohlhabende Männer schließen Zeitehen auf der Suche nach einem unverbindlichen Abenteuer.

Schlupfloch oder legalisierte Prostitution?

Die Propaganda der Islamischen Republik begründet die Zeitehe heutzutage damit, dass sie den "Satan in Schach" halte und für eine ausgewogene Sexualkultur der Gesellschaft sorge. Die Zeitehe ist die islamische Lösung auf Unzucht und Sittenverfall, sagen konservative Geistlichen im Iran. Darin zeigt sich die moralische Doppelbödigkeit des Regimes. In den Augen vieler Kritiker wird durch die Zeitehe die Prostitution eher befördert und legalisiert statt vermieden. Ein Beweis für die Heuchelei im Gottesstaat. Die Institution der Zeitehe sei ein Spagat zwischen einer Form der legalisierten Prostitution und einem Schlupfloch für Paare in einem repressiven islamischen System, so Kritiker.

Andere warnen: durch die Zeitehe wolle eine Diktatur vor allem die Kontrolle bis hinein in die Privatsphäre ihrer Bürger erlangen. In der Islamischen Republik Iran ist die Zeitehe heute zwar Teil des geltenden staatlichen Rechtssystems, doch bei großen Teilen der konservativen Bevölkerung sehr umstritten. Kein iranischer Vater würde seine Tochter in eine Ehe schicken, die nur von kurzer Dauer ist. Die Jungfräulichkeit der Frau gilt ähnlich wie in vielen anderen Ländern der islamischen Welt als bedeutsam und heilig. Daher lehnen viele Schichten die Polygamie ab und eine große Zahl von Iranern betrachtet die Zeitehe als eine Form der legalisierten Prostitution.

Der Widerstand ist sogar unter strenggläubigen Muslimen beträchtlich, sind sie doch der Meinung, dass die Töchter durch eine Zeitehe die Aussicht auf eine reguläre Ehe verliere, weil iranische Männer unberührte Ehefrauen wünschen.

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