Ehe und Familienleben im Islam

Eine gottgewollte Lebensform

Nach einem Ausspruch des Propheten Muhammad ist die Ehe die Hälfte der Religion. Mit dem Ziel der Familiengründung wird sie als die von Gott gewollte Lebensform und natürliche Bestimmung eines jeden Menschen angesehen. Ehe- oder Kinderlosigkeit gelten dagegen als widernatürlich. "Die Ehe hat eine ganz zentrale Bedeutung. Sie wird eigentlich jedem Menschen als die geeignete Lebensform empfohlen. Das geht soweit, dass in einer traditionellen islamischen Gesellschaft keiner, weder Mann noch Frau, sich frei entscheiden kann, ob er oder sie nun heiraten möchte oder nicht; das wird selbstverständlich erwartet. Umgekehrt ist die Ehe aber auch ein Recht, das niemandem vorenthalten werden darf", so Rita Breuer, in Aachen lebende Islamwissenschaftlerin und Autorin des Buches "Ehe und Familienleben im Islam".

Muslimische Familie beim Essen Quelle: kna

Die Ehe ist zudem der einzig legitime Rahmen für den gottgewollten und grundsätzlich positiven Geschlechtstrieb des Menschen; außerehliche Kontakte jeder Art - seien sie nun hetero- oder homosexueller Natur - stehen als Unzucht unter Strafe. So empfiehlt der Koran dem Menschen zu heiraten, solange er aber hierzu nicht in der Lage ist, sich zu enthalten: "Und verheiratet die Ledigen unter euch und die Rechtschaffenen von euren Sklaven und euren Sklavinnen! Wenn sie arm sind, wird Gott sie durch seine Huld reich machen. Und Gott umfasst und weiß alles. Diejenigen, die keine Möglichkeit zum Heiraten finden, sollen keusch bleiben, bis Gott sie durch seine Huld reich macht" (Sure 24, Vers 32).

Zwangsehen in Deutschland

Bis heute wird in der islamischen Welt wie unter Muslimen in der Diaspora relativ jung geheiratet. Für viele Eltern ist das Erreichen der Geschlechtsreife, gerade bei den Mädchen, ein Grund zum Handeln, so Rita Breuer: "Sobald das Interesse am anderen Geschlecht in einer Form zutage tritt, die außer Kontrolle geraten könnte, gibt es keinen anderen Weg als die Ehe." So seien gerade in der Diaspora, in der die Versuchungen noch größer erscheinen, traditionelle muslimische Eltern auf die frühe Heirat ihrer Kinder und insbesondere ihrer Töchter bedacht. Gängige Praxis sind dabei die so genannten "arrangierten Ehen", bei denen die Eltern einen passenden Partner für die Kinder aussuchen.

Oft werden junge muslimische Frauen von ihren Eltern dazu gezwungen, eine Ehe mit einem Mann einzugehen, den sie nicht kennen. Nach Aussage von Myria Böhmecke, Expertin der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", ist davon auszugehen, dass in Deutschland pro Jahr mehr als 1000 junger Frauen diesen Zwangsheiraten zum Opfer fallen. Die Dunkelziffer schätzt Böhmecke dabei noch höher ein. Wehren sich die betroffenen Frauen gegen ihr Schicksal, sind in manchen Fällen von nahen Verwandten ausgeführte so genannte "Ehrenmorde" die Folge.

Muslimische Vertragsehe

Als kleinste Einheit der Gesellschaft kommen der Ehe im Islam verschiedene Aufgaben zu: Sie bildet nicht nur den Rahmen für die Zeugung von Nachkommen, sondern ist auch der Ort einer echten Lebensgemeinschaft zwischen Ehepartnern auf der einen sowie zwischen Eltern und Kindern auf der anderen Seite. Im Gegensatz zum Christentum ist die Ehe im Islam kein Sakrament, sondern ein zivilrechtlicher Vertrag: "Die Ehe kommt zustande durch den Abschluss eines Vertrages zwischen Mann und Frau. Dieser Vertrag wird abgeschlossen vor einem religiösen Würdenträger in Anwesenheit von Zeugen, und das ist im Prinzip alles, was erforderlich ist, um im islamischen Sinne die Ehe zu schließen und eben auch das Gefühl zu begründen, sozusagen verheiratet zu sein", erklärt Rita Breuer.

Wichtigster Bestandteil dieses Vertrages ist, aus Sicht der Frau, der Brautpreis, der vor der Heirat zwischen dem Mann und der Familie der Braut festgelegt wird. Er muss vollständig an sie gezahlt werden und dient ihrer finanziellen Absicherung im Falle einer Scheidung oder beim Tod des Mannes. Was die freie Partnerwahl betrifft, so haben beide - Mann wie Frau - das Recht, ihre Partner selber auszuwählen. Das islamische Recht verbietet sogar, dass Frauen gegen ihren Willen verheiratet werden. Ein vielfach zitiertes Prophetenwort lautet: "Die zuvor bereits verheiratete Frau sollte für sich selbst entscheiden dürfen, wohingegen man die Jungfrau um ihre Einwilligung zur Verheiratung bittet; ihr Schweigen bedeutet Zustimmung."

Nicht jeder Ehepartner ist "der Richtige"

Muslima mit Kinderwagen
Muslima mit Kinderwagen Quelle: caro


Dennoch kennt der Islam einige Ehehindernisse: So darf eine Muslimin zum Beispiel keinen andersgläubigen Mann heiraten. Denn in jedem Fall müsse gewährleistet sein, dass der Islam die Religion sei, die das Familienleben dominiere und auch die Religion der Kinder werde, so Rita Breuer: "Aus diesem Grunde dürfen muslimische Männer Frauen heiraten, die einer so genannten Buchreligion angehören, das heißt also Christinnen oder Jüdinnen, aber die Kinder bekommen eben die Religion des Vaters, und das ist in dem Fall der Islam. Umgekehrt gilt dann aus demselben Grund, dass eine muslimische Frau keinen Nichtmuslim heiraten darf, das heißt, wenn sie das will, gibt es nur die Möglichkeit, dass der Mann zum Islam konvertiert", macht die Islamwissenschaftlerin deutlich.

Rechte und Pflichten in der Ehe

Innerhalb der Ehe haben Mann und Frau verschiedene Rechte und Pflichten: So ist der Mann verpflichtet, seine Frau und die gemeinsamen Kinder in jeder Hinsicht zu unterhalten, nach dem Lebensstandard, den die Frau von Zuhause aus gewohnt ist. Kommt der Mann dieser Verpflichtung nicht nach, so ist dies nach islamischem Recht ein triftiger Scheidungsgrund für die Frau. Der Mann hat dagegen das Recht auf den Gehorsam seiner Frau, das heißt, sie hat ihm Folge zu leisten und darf sich ihm nicht grundlos widersetzen, sondern muss sich seinen Weisungen, sofern diese sich im angemessenen Rahmen bewegen, unterordnen.


Dies geht sogar bis hin zu dem Recht der körperlichen Züchtigung, so wie es Sure 4, Vers 34 formuliert: "Die Männer haben Vollmacht und Verantwortung gegenüber den Frauen, weil Gott die einen vor den anderen bevorzugt hat und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben. Die rechtschaffenen Frauen sind demütig ergeben und bewahren das, was geheim gehalten werden soll, da Gott es geheim hält. Ermahnt diejenigen, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, und entfernt euch von ihnen in den Schlafgemächern und schlagt sie. Wenn sie euch gehorchen, dann wendet nichts Weiteres gegen sie an. Gott ist erhaben und groß."

Versorgungsinstrument Vielehe

Nach Aussage des Korans darf ein Muslim bis zu vier Frauen gleichzeitig heiraten. Dieses Recht geht auf die frühe Zeit des Islam zurück, als durch die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen ein großer Männermangel herrschte. Die Frauen sollen hiermit vor Ehelosigkeit geschützt werden. Rita Breuer erklärt die Hintergründe dieser Anordnung: "Es geht einmal um die materielle Versorgung der Frauen, insbesondere in Zeiten kriegsbedingten Männermangels. Das ist das eine. Das zweite ist, jeder Mensch hat das Recht zu heiraten, und von diesem Recht darf niemand ausgeschlossen werden, und dazu braucht man quasi die Polygamie: Wenn es durch einen Krieg nicht mehr so viele Männer wie Frauen gibt, muss allen Frauen dieses Recht auch wirklich zugänglich gemacht werden."


Heute ist die Polygamie in den islamischen Ländern eine Seltenheit, da die Zahl von Männern und Frauen in etwa gleich hoch ist. Hinzu kommt, dass die meisten Männer gar nicht in der Lage sind, alle Frauen gleich zu behandeln, so wie es der Koran fordert. Daher wird in der islamischen Welt das Recht des Mannes auf Mehrehe intensiv diskutiert, so Rita Breuer: "Es gibt auch viele Diskussionen innerhalb des Islams, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist und im Sinne des Islams, eine Erlaubnis der Polygamie aufrechtzuerhalten, denn es ist Pflicht, dass der Mann alle Frauen gleich gerecht behandelt, und der Koran selbst sagt, dass das eigentlich gar nicht möglich ist. Da gibt es heftige Kontroversen, ob das eigentlich überhaupt noch im Sinne des Islams ist, diese Erlaubnis grundsätzlich aufrechtzuerhalten."

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