Eine sexuelle Revolution für den Islam

Geschlechterbeziehungen und Sexualität im Islam

Kultur | Forum am Freitag - Eine sexuelle Revolution für den Islam

Kamran Safiarian spricht mit der Autorin und Frauenrechtlerin Seyran Ates über das Verhältnis des Islam zur Sexualität. Ates findet, dass die Muslime eine sexuelle Revolution brauchen.

Beitragslänge:
16 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.01.2018, 23:54

Die Sexualität und der Geschlechtstrieb werden vom Islam als positives Element der göttlichen Schöpfungsordnung betrachtet als natürliches Bedürfnis des Menschen bejaht - solange sie innerhalb der Ehe und der Regeln des religiösen Rechts ausgeübt werden. Viele Muslime richteten sich aber nach einer rigiden Sexualmoral, sagt die Autorin und Frauenrechtlerin Seyran Ates. Wer sich beispielsweise gegen eine arrangierte Ehe wehre, werde häufig von den Familien ausgestoßen. Interviews gibt Seyran Ates zwar nur selten, "Forum am Freitag"-Moderator Kamran Safiarian aber hat sie in Berlin getroffen.

Ein Recht auf Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse haben sowohl der Mann wie die Frau. Die Geschlechtslust wird sogar als "Vorgeschmack der Paradieswonnen" gesehen.

Sexualität in der Ehe

Mit dem Bund der Ehe "erwirbt" der Mann sozusagen das Recht an der Sexualität und Gebärfähigkeit der Frau. Diese besitzt zwar ein Recht auf sexuelle Beziehungen und kann sich im Fall der Impotenz des Mannes sogar scheiden lassen. Doch ist im Koran und in der Sunna hauptsächlich von der Verfügungsgewalt des Mannes über den Körper der Frau die Rede. Die Frau sollte ihren Mann sexuell befriedigen (Sure 7, Vers 189) und viele (männliche) Nachkommen (Sure 16, Vers 72) hervorbringen.

Der Mann wiederum hat die Versorgungspflicht und kann von der Frau dafür Gehorsam auch auf sexuellem Gebiet verlangen. Bei Auflehnung darf er sie laut Koran züchtigen und mit dem Entzug des ehelichen Verkehrs bestrafen (Sure 4, Vers 34). Vor- und außereheliche Beziehungen gelten im Islam als verboten.

Ehebruch, ein schweres Delikt

Für außerehelichen Geschlechtsverkehr sieht bereits der Koran drakonische Strafen vor. Sure 24, Vers 2 besagt: "Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann verabreicht jedem von ihnen hundert (Peitschen)-Hiebe." Der gerade im Westen immer wieder heftig diskutierte "Steinigungsvers" ist allerdings im Standardtext des Korans nicht enthalten, sondern geht auf eine frühe Tradition des Kalifen Omar (634-644) zurück.

Festzuhalten ist, dass Ehebruch und Unzucht nach islamischer Auffassung nicht nur schwere Sünden sind, sondern unbedingt zu ahndende Delikte darstellen. Sexuellen Verzicht zu üben hat der Mann, wenn die Frau ihre monatliche Regel hat, was der Koran als "unrein" auffasst. Enthaltsamkeit gilt darüber hinaus tagsüber im Ramadan und während der zentralen Riten der Pilgerfahrt.

Mannsein als Privileg

"Die Männer haben Vollmacht und Verantwortung gegenüber den Frauen, weil Gott die einen vor den anderen bevorzugt hat und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben" (Sure 4, Vers 34). Das Bewusstsein, dass Mannsein ein Privileg ist und Frausein notwendig etwas Zweitrangiges, prägt schon früh das Selbstverständnis von Jungen und Mädchen in muslimischen Ländern.

"Da für die Mädchen ihr eigener Körper eher etwas ist, dessen man sich zu schämen hat und der für sie selbst und die ganze Familie eine Gefahr darstellt", so schreibt die Soziologin Farideh Akashe-Böhme in ihrem Buch "Sexualität und Körperpraxis im Islam", "kann man davon ausgehen, dass nur die Jungen ein positives Körpergefühl entwickeln, sich mit ihrem Körper identifizieren und überhaupt ihren Körper als ihren eigenen verstehen".

Der Mann lebt sich aus

Die Körperlichkeit auszuleben, gilt im Islam als Vorrecht der Männer. Das betrifft vor allem die Sexualität. Denn trotz vieler Reformen im gesellschaftlichen Bereich sind die sexuellen Normen in den meisten islamischen Ländern stark von patriarchalischen Vorstellungen geprägt.

Der Islam verlangt von beiden Geschlechtern, sich sittsam zu benehmen und keine außerehelichen Beziehungen zu pflegen. Die voreheliche sexuelle Enthaltung gilt im Islam auch für Männer, aber die Praxis zeigt, dass viele ihre sexuellen Wünsche als legitim ansehen und ausleben.

Fetisch Jungfräulichkeit und Ehre

In vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens hängt die Ehre einer Familie wesentlich von dem sexuellen Verhalten ihrer Frauen ab. "Die Ehre einer Familie", so schreibt Farideh Akashe-Böhme, "die Ehre eines Mannes, die Ehre einer Frau, alles verdichtet sich an einem einzigen Punkt: der Jungfräulichkeit. Es gehört zu den zentralen Aufgaben der Familie, über die Jungfräulichkeit ihrer Töchter zu wachen und sie zu bewahren." Die Ehre der ganzen Familie ist beschädigt, sollte die Jungfräulichkeit einer Tochter durch vorehelichen Geschlechtsverkehr verloren gehen.

"Die Sexualität der Frau", so schreibt Akashe-Böhme, "wird grundsätzlich als Quelle des Chaos in einer Gesellschaft verstanden". Daher werde die Jungfräulichkeit der Töchter durch ein ganzes System von Schutzmaßnahmen umstellt, die im Resultat auf eine starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit heranwachsender junger Frauen hinauslaufen. Das Konzept der Ehre ist somit eng mit den Vorstellungen einer muslimischen Lebensführung und muslimischen Regeln bezüglich Leib, Sexualität und Familie verwoben.

Verbot der Homosexualität

In den meisten islamischen Ländern ist Homosexualität illegal und wird als ein Affront gegen den Islam betrachtet. Man sei entweder Muslim oder homosexuell, heißt es. Ähnlich wie viele konservative Juden und Christen, aber auch die katholische Lehrmeinung, lehnt der Islam die gleichgeschlechtliche Liebe ab. Im Koran, dem heiligen Buch der Muslime, finden sich Hinweise auf ein Verbot der Homosexualität, und auch dem Propheten Muhammad werden zahlreiche Aussprüche zugeschrieben, in denen er homosexuelle Praktiken zutiefst missbilligte.

Geht es nach den islamischen Rechtsgelehrten, so wird Homosexualität mit harten Strafen geahndet. Heute werden die rechtlichen Vorschriften in den verschiedenen islamischen Staaten unterschiedlich ausgelegt: In säkularen Staaten wie der Türkei oder Ägypten ist Homosexualität kein Strafdelikt. In streng islamischen Ländern wie Saudi-Arabien, Iran oder Afghanistan dagegen werden homosexuelle Praktiken sogar mit dem Tode bestraft.

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