Ex-Gangster und Autor Cem Gülay

Von schnellem Geld und einer Zukunft im Knast

Cem Gülay wurde 1970 als Sohn türkischer Einwanderer in Hamburg geboren. 1991 machte er Abitur und wollte studieren, entschied sich dann aber doch für eine "Karriere" als Gangster. Der Wunsch nach Anerkennung durch schnelles Geld war ausschlaggebend. 2001 gelang Gülay der Ausstieg. Seither hat er sich die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf die Fahnen geschrieben, um den Jüngeren das zu ersparen, was er erleben musste.

Cem Gülay
Cem Gülay Quelle: ZDF

"Du bist intelligent. Du hast Talent. Du kannst alles schaffen. Du brauchst diesen Scheiß nicht. Ich kenne keinen wie dich in Hamburg. Mach was aus deinem Leben. Sam, ich will, dass du aussteigst. Am besten gleich heute", rät ein Gangsterboss, der "Pate von Hamburg" seinem Kollegen Cem Gülay. Cem ist als türkischer Junge in Hamburg geboren und aufgewachsen, nach dem Abitur standen ihm alle Wege offen. Er wollte erst Jura studieren, entschied sich aber dann für ein Leben in der "Parallelwelt", wie er es nennt. Er entschied sich für ein Leben als Gangster.

Nicht Kleinkrimineller: Gangster!

Er war Gangster und kein Krimineller - das ist ein Unterschied, sagt er. Ein Krimineller ist jemand, der Tankstellen überfällt, alten Damen die Handtasche klaut, der Autos knackt und solide Leute beraubt. "Gangster sein war ein Lifestyle. Ein Beruf, in dem es um Macht, Anerkennung, Loyalität und Ehre ging." sagt Cem Gülay. Seine Mutter wurde mit seinem Vater, der als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam, zwangsverheiratet. Cem Gülays Vater spürte schon bald, dass man sich anpassen muss an das fremde Land, um Erfolg zu haben. Der Vater sorgte dafür, dass in der Familie nur deutsch gesprochen wurde. Auch sonst war die Familie bemüht sich an die Kultur der Deutschen anzupassen.

Doch als Cem in die Grundschule kam, bemerkte er, dass er im Vergleich zu seinen Mitschülern nur gebrochen deutsch sprach, wie seine Eltern eben auch. Seine Mutter arbeitete in der Küche seiner Kindertagesstätte. Cem bekam bald mit, wie ihr ihre Kollegen oft Arbeiten zuteilten, die sie selbst nicht erledigen wollten. Seine deutschen Freunde konnten seinen türkischen Vornamen Cem nicht aussprechen, weshalb er bald Sam genannt wurde. Es gab Momente, in denen er sich schämte Türke zu sein. Es waren die Momente, in denen er sah, wie Türkengangs auf alles einschlugen, was irgendwie deutsch aussah.

Aus Cem wird Sam

Fasziniert vom Luxusleben seines Onkels Can, einem reichen Gangster, traf Cem schließlich die Entscheidung für das Leben in der Parallelwelt: Er zog Anleger mit Warentermingeschäften über den Tisch. Von Onkel Can lernte er, dass es wichtig war, körperlich fit zu sein. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Fight Mann gegen Mann zu verlieren: Wer stärker ist als andere, wird respektiert. Den Respekt braucht man, um im Gangstergeschäft einen Namen zu haben.

Und dann kam der Moment, in dem Cem bereit war zu töten: Nach ganz oben wollte er steigen - und dazu gehörte ein Mord. Sein Gangsterkollege M., der als der Pate von Hamburg bekannt war, hielt ihn davon ab. Cem sollte aus seinem Talent, aus seiner Intelligenz, aus seinem Leben etwas machen. Am Ende musste Cem für seine Vergangenheit bezahlen: Er wurde zu einer Bewährungsstrafe und 50.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Heute lebt der Ex-Gangster in Berlin.


"Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere" erzählt die Geschichte eines Deutschtürken, der es nicht geschafft hat, von der Gesellschaft als deutscher Bürger anerkannt zu werden und deshalb einen anderen Weg gewählt hat. Heute bereut er diesen Schritt. In seinem Buch beschreibt Cem Gülay neben seiner eigenen Geschichte die Entwicklung anderer Einwanderer. Er beschreibt seine Beobachtungen von Deutschtürken, die schon seit mehreren Generationen in Deutschland leben und nicht mehr bereit sind, deutsch zu sprechen - und warnt vor einem Krieg in den Innenstädten.

Einblicke ins Seelenleben

Darüber hinaus bietet das Buch "Türken-Sam" Einblicke in Gülays Seelenleben: Was bedeutet es in einem Elternhaus aufzuwachsen, in dem die Mutter mit dem Vater zwangsverheiratet wurde? Was bedeutet es für einen türkischen Mann, wenn ihn seine Frau verlässt? Wie reagiert man als Sohn, wenn sich die Mutter vom Vater trennt und sie deshalb als Hure abgestempelt wird? Was bedeutet "Namus" (Ehre) für einen Deutschen mit türkischem Elternhaus - und was ist ein "Ehrenmord"?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet