Ezhar Cezairli im Chat

Eine Stunde lang stand die Frankfurterin Rede und Antwort.

Ezhar Cezairli ist Zahnärztin in Frankfurt. Sie versucht den vielen Muslimen in Deutschland eine Stimme zu geben, die keinem islamischen Verband angehören. Im ZDF-Chat stand sie Rede und Antwort.

Ezhar Cezairli, Zahnärztin aus Frankfurt, sitzt neben einem großen Stadtwappen, dem Frankfurter Adler.



Frage: Ist Ihre Praxis ein Anlaufpunkt speziell für muslimische Patienten? Bevorzugen diese eine Landsfrau?



Ezhar Cezairli: Meine Praxis ist für alle Patienten offen, ich mache keinen Unterschied nach Herkunft oder Religionszugehörigkeit. Ich freue mich, wenn Patienten kommen aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen. Sicherlich habe ich viele Patienten aus der Türkei, da ich türkisch spreche. Ich denke, das ist natürlich.



Frage: An Sie als Medizinerin: Gibts es eine tradionelle islamische Medizin? Kommt Medizin im Koran vor?



Cezairli: Medizin ist eine Naturwissenschaft, die es in allen Kulturen gibt. Aber ähnlich wie die chinesische spezielle Medizin kenne ich keine islamische.



Frage: Dürfen in muslimischen Ländern Frauen den Beruf der Ärztin ergreifen?



Cezairli: Natürlich! Da ich aus der Türkei stamme, kann ich mit Sicherheit sagen, dass dort Ärztinnen großen Respekt genießen, das wird sicher auch in anderen Ländern so sein.

Ist Religion Privatsache?


Frage: Ich finde nicht, dass Religon Privatsache ist. Ist nicht gerade das gefährlich? Wegen Hasspredigern und so?



Cezairli: Ich meine nur, dass die religiöse Praxis und die religiöse Identifizierung eine Privatsache sein muss. Hassprediger kann man in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft, die eine Verfassung und ein Grundgesetz hat, nicht als Vorwand nehmen, um alle Muslime in Misskredit zu bringen. Viele Muslime in Deutschland leben ihre Religion als Privatangelenheit.



Frage: Dann sind die Islam-Gläubigen doch genauso drauf wie die Christen, die gehen ja auch nicht mehr in die Kirche. Warum müssen diese Privat-Gläubigen sich überhaupt organisieren oder eine einheitliche Stimme haben?



Cezairli: Müssen sie eigentlich auch nicht. Das Bedürfnis, die Stimme zu erheben, kam daher, dass der deutsche Staat einen Ansprechpartner gefordert hat, der für die Muslime sprechen sollte. Aber es haben sich nur die Verbände zusammengeschlossen und sich in der Öffentlichkeit als Dachorganisation präsentiert. Wir waren der Meinung, dass wir unsere Stimme erheben müssen, da die Verbände nicht alle Muslime vertreten können. Nochmal: Muslime müssen nicht in die Moschee gehen, um Muslime zu sein, genauso wie Sie es über die Christen sagen.


Leider ist die Organisierung der Muslime, die eben nicht in irgendwelchen Verbänden Mitglied sind, da sie das auch nicht brauchen, sehr viel schwieriger, da sie vielfältig sind und ihr Bindeglied nicht nur die Religion ist. Wie gesagt: Es wäre sicher schön, wenn wir keine eigenen Vertreter bräuchten, und als normale Bürger wie alle anderen unsere Vertreter diejenigen sind, die von uns in den deutschen Bundestag gewählt wurden. Keine Trennung der Bürger nach Muslime-Christen, sondern Demokraten und Fanatiker, egal welcher Religion!



Frage: Ist im Islam Religion wirklich Privatsache? Kann man sich als Muslim wirklich der Religion entziehen?



Cezairli: Ganz wichtig: Der Islam ist nicht so organisiert wie das Christentum. Es gibt keine Kirche oder Papst. Die Religion vollzieht sich zwischen dem gläubigen Individuum und Gott, dazwischen ist nichts und darf auch nichts sein! Beispiel Trennung von Religion und Staat in einigen Ländern: Türkei, Tunesien, früher auch im Irak.



Frage: Ich finde es okay, wenn jeder seinen Glauben privat lebt. Denken Sie nicht, das stärkt sogar den Glauben? Ohne Zwang, Regeln, Vorbeter...



Cezairli: Das finde ich auf jeden Fall. Das ist der Grund, warum eigentlich der Islam keine Zwänge kennt, ich empfinde die Religiosität dadurch als natürlicher.

Friedliebender Islam



Frage: Ich bin Christin, mein Sohn will zum Islam konvertieren. Eigentlich eine schöne Sache, aber gibt es eine friedliche Version des Islam?



Cezairli: Der Islam ist eine friedliche und tolerante Religion. Aber leider wird aufgrund der politischen Konflikte die Religion immer mehr für politische Zwecke missbraucht. Deshalb sollte ihr Sohn wirklich die Lehren des Propheten Mohamed studieren, um die Philosophie zu verstehen. Der Islam ist nicht so, wie wir es heute dargestellt bekommen.



Frage: Wie finden sie es, dass die Religion immer wieder für Gewalttaten vorgeschoben wird?



Cezairli: Das finde ich nicht akzeptabel! Die Gewalttaten haben nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt leider Konflikte in den islamischen Ländern, die politisch sind! Sie werden nur so dargestellt, als seien es religiöse Konflikte.



Frage: Treffen sie heute noch auf Diskriminierung als Muslima, in Deutschland?



Cezairli: Ich fühle mich betroffen, wenn allgemein Muslime für Terror und Gewalt verantwortlich gemacht werden. Der Islam darf nicht immer wieder damit in Verbindung gebracht werden, es sind Terroristen. Als Muslima kann man mich äußerlich nicht erkennen, und diskriminiert wurde ich persönlich nicht. Aber es gibt Momente, in denen man sich über Nachrichten oder andere Dinge ärgert.

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