Geregeltes Handeln

Fatwas mit dem Koran als Richtschnur

Der Islam ist eine normative Religion, das heißt, er legt das Handeln der Menschen weitestgehend fest. Der Koran gilt dabei als Richtschnur: Das Handeln des gläubigen Muslims soll nach islamischer Auffassung im Einklang mit den Geboten und Verboten des Korans stehen. Doch auch wenn diese nur einen kleinen Teil der Verse im Koran ausmachen, sind Muslime nicht selten unsicher, ob ihr Handeln immer auch im Einklang mit den Bestimmungen des Korans steht.

Al Azhar in Kairo
Al Azhar in Kairo Quelle: ZDF

Sie suchen daher Rat bei einem religiösen Gelehrten, der ihnen auf Anfrage eine Fatwa, ein religiöses Gutachten, ausstellt. Derjenige, der eine Fatwa erstellt, ist ein Mufti. Zu ihm gehört eine gediegene Ausbildung im islamischen Recht.

Gültigkeit von Fatwas

Damit dieses Gutachten auch formal den Anspruch erheben kann, Geltungskraft zu besitzen, wird es nach einer bestimmten Methode erstellt, erläuterte schon vor einigen Jahren der mittlerweile verstorbene Jurist Ernst Klingmüller, der lange Jahre als Vorsitzender der Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht in Gummersbach fungierte: "Zunächst kommt einmal die Frage: 'Ist diese oder jene Handlung rechtsgültig, ist sie erlaubt, oder ist sie nicht erlaubt?' Und daraufhin antwortet dann der Mufti, in der Regel unter Bezugnahme auf Aussprüche anerkannter Gelehrter und nicht zuletzt unter Bezugnahme auf den Koran und gewisse Überlieferungen des Propheten."

Eine Fatwa beruht immer auf einem vorliegenden Präzedenzfall. Daher ist es dem Mufti nicht möglich, nach persönlichem Ermessen zu urteilen. Dennoch ist es durchaus an der Tagesordnung, daß die Gelehrten zu einer bestimmten Frage unterschiedliche Antworten vorlegen. Daher ist eine Fatwa niemals verbindlich, und der Muslim auch nicht an ihre Ausführung gebunden. "Verbindlichkeit für die islamische Welt erlangt so etwas erst, wenn alle Gelehrten der islamischen Welt dem zustimmen. Und unser Prophet Muhammad hat gesagt: 'Meine Gemeinschaft wird nie in einem Irrtum übereinstimmen'. Das bedeutet aber auf der anderen Seite auch, dass wir in der glücklichen Welt leben, niemals so einen verbindlichen Satz zu bekommen, weil die Gelehrten der islamischen Welt alle sich garantiert nicht einigen werden", erläuter Salim Abdullah, Leiter des Zentralinstituts "Islam-Archiv-Deutschland" in Soest.

Rechtsgutachten made in Germany

Das "Islam-Archiv-Deutschland" in Soest erhält jährlich etwa dreißig Anfragen wegen derartiger Rechtsgutachten. Die meisten davon beziehen sich auf Fragen des praktischen Lebens, und sie werden nicht immer von Muslimen erbeten, so Salim Abdullah: "Ich nehme einmal einen Fall aus Konstanz: Ein Türke ist lange Zeit arbeitslos. Das Arbeitsamt hat nun eine Stelle für ihn, und als er da auftaucht, ist das ein Bierverlag. Seine Aufgabe ist es, mit einem Fahrzeug das Bier an die Kunden zu bringen. Der Türke, ein sehr frommer Mann, sagt, das kann ich nicht, worauf er entlassen wird.

Bierdosen im Kühlregal
Bierdosen im Kühlregal Quelle: ap


Er wendet sich an den deutschen Gewerkschaftsbund, und der deutsche Gewerkschaftsbund wendet sich an uns. Dann haben wir also in den Traditionen nach einem Präzedenzfall gesucht und sind dann auf folgendes gestoßen: Erstens: Es geht nicht nur darum, dass ich Alkohol trinke, um gegen den Islam zu verstoßen, sondern auch, wenn ich ihn herstelle und verkaufe. Dem Einwand des Arbeitgebers, der Angestellte bekomme das Geld ja gar nicht, konnte entgegengetreten werden, dass sein Lohn sehr wohl aus dem Verdienst des Verkaufs komme, weil er davon lebe. Der Mann hat Recht bekommen, und die Entlassung wurde zurückgezogen."

Fatwas vor dem deutschen Richter

Bundesgerichtshof
Bundesgerichtshof - Typical Quelle: imago


In der islamischen Welt stellen Rechtsgutachten vor allem ein Instrument für Richter dar, um ihre Entscheidungen zu untermauern. Auch deutsche Gerichte, so Salim Abdullah, nehmen derartige Gutachten immer mehr in Anspruch: "Sie prüfen, ob das mit dem deutschen Recht übereinstimmt, und wenn dies der Fall sein sollte, dann sehen sie das eben als eine bestimmte Traditionsfolge an, die zur Zivilisation der Zugewanderten gehört."

Dass immer mehr Muslime ihren Alltag nach Rechtsgutachten ausrichten, die vielmals an der Lebenswirklichkeit in Deutschland vorbeigehen, und damit auch vor Gericht gehen, sieht Salim Abdullah jedoch kritisch: "Ich halte die augenblickliche Entwicklung nicht für gut. Denn eines Tages wird diese Mehrheitsbevölkerung sicherlich sagen, diese Muslime, das sind Streithansel. Die drohen immer mit dem Anwalt, wir lassen uns das nicht mehr gefallen." Doch auch wenn deutsche Gerichte die religiösen Traditionen von Muslimen berücksichtigen, handelt es sich hier immer nur um Einzelfälle. Die Rechtssprechung orientiert sich prinzipiell nach den hiesigen Gesetzen.

Verbindliche Fatwas bei den Schiiten

Auch im schiitischen Islam gibt es die Einrichtung der Fatwa. Im Unterschied zur sunnitischen Version ist die Antwort des Rechtsgelehrten, den die Schiiten "Mudschtahid" nennen, für den Fragenden aber verbindlich. Er muß auch in Zukunft alle Rechtsgutachten dieses Gelehrten befolgen, auch wenn er eine entsprechende Frage gar nicht gestellt hat. Ein anderer Mudschtahid kann aber anders urteilen. Das Autoritätsverhältnis zwischen Mudschtahid und Muqallid, also demjenigen, der dem Rechtsgutachten folgt, endet mit dem Tod eines der beiden Beteiligten.

Stirbt der Mudschtahid, verlieren seine Fatwas ihre Verbindlichkeit. Allerdings kann ein anderer Mudschtahid die Fatwa erneuern. Dies gilt im Besonderen in Bezug auf die sogenannte "Todes-Fatwa", die Ayatollah Khomeini gegen den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie im Jahre 1989 erlassen hatte: Nach seinen Tod wurde sie von seinem aktuellen Nachfolger Ayatollah Khamenei erneuert und besitzt daher für viele schiitische Gläubige weiterhin Gültigkeit. Im sunnitischen Islam stand man ihr bereits damals ablehnend gegenüber.

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