Geschichte eines Lehrstuhls

Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster

Der Islamwissenschaftler Sven Kalisch sorgte für Aufsehen, als er die Existenz des Propheten Muhammad anzweifelte. Das löste bei den islamischen Verbänden Empörung aus. Jetzt gibt es einen Nachfolger für die Religionslehrerausbildung in Münster: Mouhanad Khorchide.

Tabubruch für viele Muslime

Es war ein Fall, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in der islamischen Welt für Furore sorgte: Der Islamwissenschaftler Sven Kalisch zweifelte 2008 öffentlich die Existenz des Propheten Muhammad an. Zwar habe er, so Kalisch, viele Beweise für die Existenz Muhammads gefunden, aber auch ebenso viele, die dagegen sprächen. Für viele Muslime war diese Aussage ein Tabubruch, da ein solcher Zweifel die Grundlagen ihres Glaubens beschädigte. Die muslimischen Verbände in Deutschland, die sich als Vertreter der gläubigen Muslime sehen, machten Druck und forderten die Ablösung Kalischs - obwohl sie nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind und somit nicht, wie die katholische Kirche, eine Unbedenklichkeitserklärung, ein sogenanntes "nihil obstat", für Religionslehrer aussprechen dürfen.

Viele Muslime in Deutschland schlossen sich der Empörung der Verbände an, andere wiederum verteidigten Kalisch und plädierten für die Freiheit der Forschung und Lehre. Es half nichts: Kalisch durfte keine Religionslehrer mehr ausbilden; die Verbände hatten sich durchgesetzt. Mittlerweile hat Kalisch, der in früher Jugend zum Islam konvertiert war, öffentlich bekundet, kein Muslim mehr zu sein. Seinen Lehrstuhl hat er behalten, doch für seine bisherige Tätigkeit musste ein Nachfolger gesucht werden.

Neuer Lehrstuhl für Religionspädagogik

Dafür wurde ein zusätzlicher Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik in Münster eingerichtet. Viele Bewerber wurden eingeladen. Man entschied sich für den Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Er konnte die muslimischen Verbände in Gesprächen für sich einnehmen.

Porträt: Islamischer RelilehrerausbilderDazu wurde ein bisher in Deutschland einmaliges Verfahren praktiziert: Ähnlich den Konkordatsregeln für die christlichen Kirchen wurden die muslimischen Verbände in das Berufungsverfahren des Kandidaten miteinbezogen und gaben ihr schriftliches Einverständnis. Faktisch wurde der "Koordinierungsrat der Muslime" in diesem Fall als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Unbequemer Denker

Doch auch Mouhanad Khorchide gilt als unbequemer Denker: In Österreich promovierte er mit einer Studie, in der er herausfand, dass ein nicht unerheblicher Teil der dort angestellten muslimischen Lehrer demokratieskeptisch und schlecht ausgebildet sei.

"Der Islam ist keine Gesetzesreligion"Mit diesen Ergebnissen löste er eine Debatte in der österreichischen Gesellschaft über die Stellung des Islam aus und erregte den Missmut der dortigen Islamischen Glaubensgemeinschaft. Außerdem plädiert er für eine zeitgemäße Auslegung des Koran. Seinen Studenten möchte er einen spirituellen Islam vermitteln, keinen Scharia-Islam.

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