"Glaube will geübt sein"

Rupert Neudeck: Ein lebenslanges Engagement

Der hagere Mann mit dem weißen Bart ist vielen Bundesbürgern seit Jahrzehnten als unermüdlicher Helfer bekannt. 2003 gründete er die "Grünhelme", eine Hilfsorganisation, die mit dem Bau von Klinken und Schulen Menschen in Not unterstützt. Wie Rupert Neudeck lebt und woran er glaubt, beschreibt er in seinem Buch "Abenteuer Menschlichkeit".

Rupert Neudeck (Grünhelme e.V.) Quelle: ZDF

"Afghanische Muslime sind erleichtert, wenn wir ihnen sagen, dass wir auch an etwas glauben", berichtet Neudeck von einem Hilfsprojekt in dem kriegszerstörten Land. Er weiß, wovon er redet - eigentlich wollte er Priester werden. Die "Geschichte vom barmherzigen Samariter" habe ihn "aus der Bahn geworfen", schreibt er in seinem Buch "Abenteuer Menschlichkeit". Glaube bedeute ihm viel, erfährt man dort, aber die Kirche "in ihren konkreten Gestalt" wenig. "Glaube will geübt sein."

Askese bis zum Umfallen

Am 14. Mai 1939 wurde Neudeck als Sohn des Studienrates Edmund Neudeck und seiner Frau Gertrud in Danzig geboren. Dass er die Wirren des Kriegs überlebt, verdankt er einem puren Zufall: 1945 verpasst die Familie das Auslaufen der "Wilhelm Gustloff", die kurz darauf von Torpedos versenkt wird. Der Verlust der alten Heimat und die Flucht haben tiefe Spuren in Neudecks Leben hinterlassen.




Nach dem Abitur beginnt er zunächst ein Jurastudium, das er schon bald wieder abbricht. Es folgt ein Theologiestudium, doch auch dort fühlt er sich nicht wohl. 1961 schließt sich Neudeck den Jesuiten an. Seine asketische Übungen betreibt er so radikal, dass er krank wird und nur noch 40 Kilogramm wiegt. Schließlich studiert er Theologie, Philosophie, Germanistik und Soziologie und promoviert 1972 über "Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus".

Ein Redakteur, der sich einmischt

Seine spätere Frau Christel lernt er noch zu Studienzeiten kennen, mit der Sozialpädagogin hat er drei Kinder. In seiner Autobiographie erzählt er, wie ihn die Geburt seiner Kinder bewegt und verändert hat. Zu dieser Zeit arbeitet Neudeck bereits als Journalist bei der katholischen Funk-Korrespondenz in Köln.

Doch nach einem kritischen Beitrag über einen beurlaubten Priester muss Neudeck diese Tätigkeit wieder beenden. Er verdient zunächst sein Geld als freier Journalist, ist dann von 1977 bis 1997 Redakteur der Abteilung "Politisches Feature" beim renommierten Deutschlandfunk in Köln.

Ein Schiff für Vietnam

Zu einer entscheidenden Wende im Leben Neuecks wird im Februar 1979 ein Gespräch mit André Glucksmann über dessen erschütternde Erlebnisse auf der vietnamesischen Flüchtlingsinsel Pulau Bidong. Dem Vorbild des französischen Aktionskreises "Comité un bateau pour le Viêtnam" folgend, gründet Neudeck mit tatkräftiger Unterstützung Heinrich Bölls das deutsche Komitee "Ein Schiff für Vietnam", aus dem 1982 der Verein "Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte" hervorging.

Eine erste Pressekonferenz in Bonn, zusammen mit Heinrich Böll, und ein Fernsehfilm von Franz Alt über das Elend der vietnamesischen "boat people" verhelfen Neudecks verwegener humanitärer Idee zu einem erfolgreichen Start. Bereits in den ersten drei Tagen fließen dem neuen Komitee mehr als eine Million Deutsche Mark an Spendengeldern zu. Bis 1986 fischen die Cap Anamur-Frachter vor der Küste Vietnams 11.488 "boat people" aus dem chinesischen Meer. Doch weil es immer schwieriger wird, vietnamesische Flüchtlinge in Deutschland unterzubringen, müssen die Aktionen eingestellt werden.

"Humaner Quälgeist"

Rupert Neudeck liebt unbürokratisches Vorgehen, er ist schneller als andere in den Krisenherden. Cap Anamur unterhält später unter anderem zwei Krankenhäuser in Vietnam, Ambulanzstationen in Kolumbien und Äthiopien sowie ein Hospital im Nordirak. Als weltweit einzige Hilfsorganisation bemüht sich das Komitee Anfang der neunziger Jahre auch um die Entschärfung der Minen in Angola. Die Hilfsorganisation arbeitet mit minimalem bürokratischen Aufwand, verzichtet fast ganz auf staatliche Zuschüsse und finanziert sich aus Spendengeldern.


Neudeck, den die Süddeutsche Zeitung einmal als "humanen Quälgeist" apostrophierte, gilt als hervorragender PR-Mann in eigener Sache. 2002 verabschiedete er sich endgültig aus der Leitung von Cap Anamur. Sein Nachfolger, der Rundfunk-Journalist Elias Bierdel, musste später wegen umstrittener Aktionen ausscheiden. Neudeck macht bis heute seinem Ruf als "lebensfroher Asket" und "milder Radikaler im humanitären Dienst" (Die Zeit) alle Ehre und startet 2003 mit dem Verein "Grünhelme" ein neuartiges interreligiöses Hilfsprojekt. Der mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen Geehrte lebt und arbeitet bis heute in seinem Reihenhaus in Troisdorf.

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