Hamideh Mohagheghi im Chat

"Es gibt keine Gleichberechtigung im Koran"

Die islamische Theologin und Gründerin des Netzwerkes für Musliminnen in Deutschland sagt: "Es gibt im Islam eine Gleichwertigkeit von Mann und Frau"
Sie stand eine Stunde lang im "Forum am Freitag"-Chat Rede und Antwort.

Hamideh Mohagheghi Quelle: ZDF


Frage: Sehr geehrte Frau Mohagheghi. Ich war schockiert, den ZDF-Titel "Keine Gleichberechtigung im Koran" zu lesen. Ich glaube, er verkürzt die differenzierten Aussagen von Frau Mohagheghi unzulässig.


Hamideh Mohagheghi: Das Wort Gleichberechtigung finden wir nicht im Koran, aber Aussagen, die Gleichwertigkeit begründen und dadurch die Gleichberechtigung anerkennen.


Frage: Ist es im Islam nicht verboten, dass eine Frau in der Öffentlichkeit ihre Stimme erhebt?


Hamideh Mohagheghi: Nein, es ist nicht verboten und es ist auch nicht geboten, dass die Frauen sich verstecken müssen. Die Frauen des Propheten und seine Töchter waren aktive Mitglieder der Gemeinschaft und haben durchaus ihre Stimme erhoben, insbesondere gegen Ungerechtigkeiten.


Frage: Warum gibt es dann immer noch so wenige weibliche Imame? Es gibt doch so viele gelehrte Musliminnen.


Hamideh Mohagheghi: Der Begriff Imam steht an erste Stelle in der Tradition für Vorbeter. Es ist Konsens, dass eine Frau nicht in einem Gemeinschaftsgebet vor Männern beten darf.

Muslimischen Frauen helfen


Frage: Sie sind sehr engagiert in der Frauenarbeit. Können Sie Frauen damit wirklich helfen? Wie reagieren sie ?


Hamideh Mohagheghi: Ich versuche im Rahmen meiner Möglichkeiten und der Möglichkeiten des Huda-Netwerk für die muslimische Frauen ihnen zu helfen, selbstbewusster mit ihrer Religiosität umzugehen. Bei der Hilfe am Telefon kann ich nicht sehen, ob sie ankommt oder nicht. Die persönliche Gespräche und Langzeitveranstaltungen zeigen Früchte.


Frage: Wie finanziert sich eigentlich HUDA?


Hamideh Mohagheghi: Durch Beiträge der Abonennten. Die drei Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich und spenden auch ab und zu mal.


Frage: Was halten sie davon, dass manche islamische Staaten sich gewissermaßen rückständig halten, indem sie Mädchen nicht die gleichen Chancen auf Bildung und Beruf einräumen? Diese Mädchen sind die Mütter von morgen. Ihr Wissen wird den Söhnen und Töchtern vermittelt. Frauen aus bestimmten Bereichen der Gesellschaft auszuschließen verhindert spirituellen und intellektuellen Fortschritt.


Hamideh Mohagheghi: Es ist richtig und ist zu bedauern, dass das wichtigste Gebot im Islam Wissen anzueignen sehr vernachlässigt wird. Allerdings muss man auch die die gesamtgesellschaftliche Situation dieser Gesellschaften betrachten. Es sind viele Menschen, die an der Grenze des Existenzminimum (wenn nicht darunter) leben müssen.


Frage: Es gibt feministische islamische Theologinnen, die fordern, dass einige Verse im Koran, die sich zu Ungunsten der Frauen äußern, nicht mehr gelten zu lassen - ähnlich wie mit Versenzur Sklavenhaltung, die ja auch de facto in der islamischen Welt abgeschafft wurde. Was ist Ihre Meinung?

"Theologin mit Kopftuch"


Hamideh Mohagheghi:
Die Verse im Koran können wir nicht streichen. Wir können und müssen sie aber zeitgemäß interpretieren und für jeweilige Zeit Lebensorientierung herausarbeiten. Das ist ein Umgang mit dem Koran, der im Koran selbst begründet ist.



Frage: Ich finde das ja auch gut, fürchte nur, dass Sie mit Ihrer Koraninterpretation in der Minderheit sind. Hamideh Mohagheghi: Alle Mehrheiten haben als Minderheit begonnen.



Frage: Welche Bedeutung hat das Kopftuch für Sie? Sollte es freiwillig getragen werden oder ist es ein religiöser Zwang? Wie gehen Sie privat und in Ihrer Familie damit um?


Hamideh Mohagheghi: Zwang darf es in Glaubensfragen nicht geben. Ich respektiere die Frauen, die aus eigener Überzeugung das Kopftuch tragen, aus welchem Grund auch immer. Ich stehe auch die Frauen zur Verfügung, wenn sie gezwungen werden es zu tragen. In meiner Familie haben die Töchter die Möglichkeit zu entscheiden. Jeder Mensch hat sich selbst vor Gott zu rechtfertigen und kein andere darf ihn zu etwas drängen oder zwingen.


Frage: Es gibt ja auch einen Kopftucherlass des Paulus, der aber im Christentum nicht mehr aufrechterhalten wird. Es galt damals unter Juden wie Judenchristen als unanständig, wenn eine Frau ihr Haar offen trug. Deswegen war es Vorschrift für sie, ein Kopftuch zu tragen, wenn sie ausging. Im Christentum ist es gelungen, einige religiöse Vorschriften als "alte Zöpfe" zu betrachten. Gibt es derartige Tendenzen auch im Islam?


Hamideh Mohagheghi: Es gibt natürlich auch diese Tendenzen im Islam, sie sind aber nicht die Mehrheit. Die Mehrheit sieht auch die Gebote nicht als alte Zöpfe, sondern als notwendig für die Lebensweise der Menschen, die auch einen Sinn beinhalten.

Der Koran - Auslegungssache?


Frage: Der Islam arbeitet heute mit den gleichen exegetischen Mitteln wie die christlichen Kirchen, um seine Lehre zu rechtfertigen. So werden zum Beispiel aus den sieben Schöpfungstagen sieben Zeitabschnitte und niemand wundert sich, wieso Gott nicht weiß, wie lange ein Tag ist. Da behauptet die Bibel, dass der Mensch aus dem Ackerboden geschaffen ist, was natürlich nicht so gemeint ist - und da behauptet der Koran, dass der Mensch aus Wasser geschaffen wurde, was natürlich auch nicht so gemeint ist. Aber wenn ich auf diese Weise zwei Wahrheiten dastehen habe, dann stellt sich doch die Frage wie legitim das Mittel der Exegese ist, mit dem sich offenbar alles rechtfertigen lässt.


Hamideh Mohagheghi: Exegese ist dafür, dass wir mit menschlichen Möglichkeiten uns bemühen, Gottes Offenbarung zu verstehen. Die Rechtfertigung ist nur möglich, wenn man in diesem Rahmen die Aussagen begründen kann. Es ist nicht alles zu legitimieren und rechtfertigen sondern nur das was man begründen kann und mit Vernunft zu vereinbaren ist.


Frage: Der Islam vertritt ein Geschichtsbild, das dem historischen widerspricht. Wenn es zum Beispiel um Stellen im Alten Testament geht, die dem Koran widersprechen, dann gilt für den Muslim der Koran, obwohl da neutrale Historiker anderer Meinung sind. Sehen Sie die Möglichkeit hier Interpretationen zu finden, die sich dem Geschichtsbild der Historiker annähern?


Hamideh Mohagheghi: Es gibt noch viel über den Koran und Geschichte des Islam zu forschen. Da der Islam nichts gegen Wissenschaften hat, kann man natürlich auch in diesem Bereich forschen.


Frage: Glauben Sie, dass die historischen Aussagen des Korans wortwörtlich zu verstehen sind - oder eher metaphorisch?


Hamideh Mohagheghi: Es gibt Bereiche, die metaphorisch verstanden werden können. Die Mehrheitsmeinung steht aber eher für das wortwörtliche Verstehen. Wie gesagt, es gibt noch viel zu forschen!
Frage: Warum darf eine Muslimin keinen Christen oder Juden heiraten, obwohl der Koran nur die Ehe zwischen Muslimen und Polytheisten verbietet, zu denen die Juden und Christen nach Aussage des Korans nicht gehören?



Hamideh Mohagheghi: Über die rechtlichten Fragen gibt es Meinungen der Rechtgelehrten. Bis jetzt gibt es Konsens darüber, dass die Ehe zwischen einer Muslima und einem Nichtmuslim nicht erlaubt sei, weil der Mann als Oberhaupt der Familie zu bestimmen hat und die Kinder der Religion des Mannes angehören. Das ist ein altes Familienbild, das in vielen Gesellschaften nicht mehr existiert. Hier müssen die Rechtsgelehrten sich beraten und Gedanken machen, wie es zu regeln ist, wenn in den westlichen Gesellschaften immer mehr muslimische Frauen diese Frage stellen.


Frage: Wie kann man den Islam ihrer Meinung nach modernisieren ?


Hamideh Mohagheghi: Indem man nicht ständig nach die Situation in 7. Jh. schaut, sondern nach vorne blickt und die Lebensrealitäten der Zeit ernst nimmt. Das bedeutet, dass man den Koran exegetisch liest und versteht, die Vernunft als wichtige Quelle des Verstehens einsetzt und nach vorn schaut.


Frage: Die westliche Welt redet von einer Reformation des Islams. Der Islam ist die letzte Botschaft Gottes. Gottes Botschaft braucht doch keine Reformation. Wie kann man das der westlichen Welt klar machen?


Hamideh Mohagheghi: Gottes Botschaft braucht keine Reformation, aber was die Menschen aus der Gottes Botschaft machen - das benötigt durchaus eine Reformation. Alle Aussagen und alle Lebensweisen, die versuchen sich als islamisch zu deklarieren, entsprechen nicht unbedingt der Botschaft Gottes.

Hamideh Mohagheghi im Chat - Teil 2über das Wirken des Isalm in der deutschen Gesellschaft und über den Sinn des Lebens.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet