Historisches Treffen

Katholiken und Muslime im Vatikan

Es war ein historisches Treffen, das Anfang November im Vatikan stattfand. Beim ersten "Katholisch-muslimischen Forum" diskutierten je 28 Vertreter des Islam und der katholischen Kirche zum Thema "Gottesliebe - Nächstenliebe". Ziel war es, die Spannungen zwischen den Religionen abzubauen, den Glauben des anderen besser zu verstehen und zu einer praktischen Zusammenarbeit zu finden. In den kommenden Jahren sollen die Begegnungen fortgesetzt werden, dann in einem islamischen Land. Vertreter der Kurie und der Muslime hatten den interreligiösen Gipfel bereits im März 2008 in Rom beschlossen, um ihrem schwierigen Dialog eine dauerhafte Struktur zu geben.

Papst Benedikt begrüßt Mustafa Cerik im Vatikan
Papst Benedikt begrüßt Mustafa Ceric im Vatikan Quelle: ap

Anlass war ein offener Brief von 138 muslimischen Geistlichen und Gelehrten an Papst Benedikt XVI. im Herbst vergangenen Jahres als Reaktion auf die Regensburger Rede des Papstes im September 2006, in der dieser eine Äußerung des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos zitiert hatte, wonach der Prophet Mohammed "nur Schlechtes und Inhumanes" gebracht habe.

Aufregung über Papstrede

Sitzungssaal der katholisch-islamischen Gespräche
Sitzungssaal der katholisch-islamischen Gespräche Quelle: ap


Dieses Zitat hatte die islamische Welt in Aufruhr versetzt. Nach dem die Aufregung sich gelegt hatte, begann eine Gruppe muslimischer Geistlicher und Gelehrter, sich intellektuell mit dem Kirchenoberhaupt und seiner Rede auseinanderzusetzen. Das Ergebnis ist das unter dem Namen "A common word between us and you" bekannt gewordene Schreiben von 138 Vertretern verschiedener islamischer Glaubensrichtungen und Rechtsschulen an den Papst, in dem sie, gut belegt durch Koran- und Bibelzitate, das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe als Essenz des Christentums und des Islam benannten.

Inzwischen haben über 250 Intellektuelle, Scheichs und Muftis verschiedenster islamischer Strömungen das Dokument unterzeichnet. Zu ihnen zählen die Großmuftis von Russland, Aserbeidschan, Bosnien, Slowenien, Oman und Jordanien, der Sultan von Sokoto (Nigeria), Ayatollahs aus Bagdad und Teheran sowie zahlreiche Islamwissenschaftler von arabischen und westlichen Universitäten. Noch nie zuvor, heißt es auf der Website der Initiative "A Common Word", hätten Muslime einen dermaßen breit abgestützten Konsens über den Umgang mit Christen erzielt. Die muslimische Delegation wurde von Prof. Mustafa Ceric, dem Großmufti von Bosnien und Herzegowina, angeführt.

Prominente Muslime beim Papst

In der Gruppe befanden sich auch prominente Namen wie Seyyed Hossein Nasr, Islamwissenschaftler an der amerikanischen George Washington Universität sowie der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan. Auf katholischer Seite nahmen aus Deutschland der Jesuit und Islamwissenschaftler Prof. Christian Troll sowie die Islamwissenschaftlerin Prof. Rotraud Wielandt von der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg teil.

Die Atmosphäre wurde von Seiten der Teilnehmer als freundlich beschrieben. Das Schlussdokument nach den dreitägigen Beratungen zeigt bei allen grundlegenden Differenzen ein erstaunliches Maß an Übereinstimmungen und gemeinsamen Interessen. Darin bekennen sich Katholiken und Muslime zur Religionsfreiheit, einschließlich des Schutzes religiöser Minderheiten. Offen lassen sie dabei die Frage, ob es für den Einzelnen auch ein Recht auf den Abfall von einem Glauben oder auf den Wechsel der Religion geben kann. Sie unterstreichen die gleiche Menschenwürde von Mann und Frau. Beide Religionen müssen zur Harmonie in der Welt beitragen, heißt es.

Absage an den Terror

Mit Nachdruck erteilen die Delegierten jeder Unterdrückung, aggressiven Gewalt und Terrorismus eine Absage, vor allem wenn sie im Namen der Religion verübt werden. Die Pluralität in Gottes Schöpfung, in den Kulturen, Zivilisationen und Völkern müsse als Bereicherung verstanden werden, und dürfe keinesfalls Ursache für Spannungen und Konflikte sein. Zudem fordern die Delegierten Lebensschutz sowie ein ethisches Finanzsystem, das auch den Belangen der Armen und Schuldnerländern Rechnung trägt.

Der Vatikan wertet das erste katholisch-muslimische Forum als einen "bedeutenden Schritt vorwärts im Dialog" zwischen den beiden Religionen. Zwar habe die Kirche regelmäßig Treffen mit unterschiedlichen muslimischen Gruppen und Repräsentanten, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am Samstag in einem Kommentar für "Radio Vatikan". Diesmal aber habe man mit mehr Tiefgang einige Grundthemen angesprochen und in aller Offenheit auch Gemeinsamkeiten und Differenzen angesprochen.

Dialog wird fortgesetzt

Papst Benedikt XVI. ermutige die Fortsetzung dieses Dialogs sowie seine Ausweitung in der christlichen wie in der islamischen Welt. Gemeinsam hätten beide Seiten bei dem Treffen ihre Verantwortung für eine Welt in Gerechtigkeit und Frieden unterstrichen, betonte der Sprecher. Dieser Anspruch leite sich "aus dem gemeinsamen Glauben an die Schaffung der menschlichen Person durch einen Gott ab, der uns liebt". Beide Seiten hätten auf dramatische Situationen aufmerksam gemacht, etwa den Exodus der Christen aus dem Heiligen Land oder das jüngste Blutbad an Muslimen in Bosnien. Der Dialog sei schwierig, dürfe aber nicht durch solche Hindernisse gestoppt werden. Lombardi erinnerte auch daran, dass Benedikt XVI. bei dem Treffen dazu aufgerufen habe, Missverständnisse abzubauen und Vorurteile zu überwinden. Die Konferenz beschloss die Gründung eines Ständigen Katholisch-Muslimischen Komitees und verständigte sich auf ein zweites Seminar in zwei Jahren in einem islamischen Land.

Geringe Resonanz in islamischer Welt

Interessanterweise fand die interreligiöse Begegnung in der islamischen Welt keine große Resonanz. Dies könnte daran liegen, dass die größtenteils aus Muslimen aus den USA und Europa zusammengesetzte muslimische Delegation, unter denen sich zudem mehrere Konvertiten befanden, im arabisch-islamischen Raum als nicht repräsentativ angesehen wird.

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