Humor in der islamischen Welt

Selbst der Prophet Muhammad war kein Spaßfeind

Der Karikaturenstreit erregte weltweites Aufsehen. Eine dänische Tageszeitung hatte Karikaturen des Propheten Muhammad veröffentlicht. Als diese in der arabisch-islamischen Welt bekannt wurden, kam es zu wütenden Protesten in der Bevölkerung. Die Muslime fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt, weil sie in den Zeichnungen ihren Propheten beleidigt sahen. Viele im Westen waren überrascht von der Reaktion. Heute weiß man, dass diese Aktionen teilweise gesteuert und nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung getragen wurden. Hierzulande stellte man sich damals die Frage: Warum sind Muslime nicht in der Lage, Witze über ihren Glauben zu ertragen? Haben Muslime keinen Humor?

Fatih Cevikkollu
Fatih Cevikkollu Quelle: Fatih Cevikkollu


Muslime haben sehr wohl Humor, auch wenn es um Religion geht. Dies behauptet zumindest die deutsch-iranische Publizistin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. In einem im vergangenen Jahr in der "Süddeutschen Zeitung" erschienenen Artikel verwies sie dabei auf die islamische Literatur. Als Paradebeispiel führte sie die Figur des Mullah Nasruddin an, eine Art Till Eulenspiegel, in dessen Person der gesamte Stand der Geistlichkeit aufs Korn genommen wird. Denn die Männer des Glaubens seien schon immer Ziel des Spotts gewesen - nicht immer zu deren Gefallen. Im Klerikerstaat Iran kann dies gefährlich werden. In säkularen islamischen Staaten ist es jedoch gang und gäbe, sich über die Geistlichen auch zu amüsieren. Oft bieten sie eine Zielscheibe des Spotts, wobei man sich besonders über ihre Raffgier, ihren Geiz und ihre Faulheit belustigt.

Beliebte Karikaturen

Karikaturen und Satire erfreuen sich auch innerhalb der arabisch-islamischen Welt großer Beliebtheit - jenseits des religiösen Kontextes. Man findet sie besonders in den gängigen Tageszeitungen, und sie richten sich vor allem gegen die herrschenden Politiker, in dem sie die ungerechten politischen und sozialen Umstände in den jeweiligen Ländern kritisieren. Doch auch diese Form des Humors kennt ihre Grenzen: Denn arabische Diktatoren sind notorisch unlustig. In Syrien zum Beispiel sind ganz gewöhnliche Bürger zu Haftstrafen von einem Jahr verurteilt worden, nur weil sie einen per E-Mail erhaltenen Witz oder eine Karikatur über Präsident Assad an Dritte weiter gesandt hatten.


In den letzten Jahren wird der Humor in der islamischen Welt immer mehr zu einer Domäne von Frauen. Besonders großer Beliebtheit erfreut sich dabei die Britin pakistanischer Herkunft Shazia Mirza. Ganz bewusst spricht sie auch religiöse Themen an. Ihr Publikum begrüßt sie - mit ernster Miene und Kopftuch bekleidet - mit den Worten "Mein Name ist Shazia Mirza. Wenigstens ist das der Name, der in meinem Pilotenschein steht." Solche Scherze haben Mirza nicht nur Lachen und Applaus eingebracht, sondern auch Drohungen und Kritik seitens vieler Muslime, die sich beleidigt fühlen.

Mit Witz nach vorn

Noch weiter geht die Norwegerin Shabana Rehman. Sie macht sich nicht nur über heuchlerische Mullahs und lüsterne Gläubige lustig, sondern kritisiert den Islam frontal. Sie stellt die Scharia als "rückständig" und uneingeschränkte Integration in die moderne westliche Gesellschaft als den sinnvollen Weg für Immigranten dar. Doch nicht nur Einzelkämpferinnen wie Rehman, auch Kulturkritikerinnen, progressive Reformerinnen und organisierte politische Aktivistinnen nutzen gerade den Humor, um den Islam in eine fortschrittlichere Richtung zu lenken. Zu nennen ist hier auch die in Paris lebende Iranerin Marjane Satrapi, deren geniale Comics die iranische Revolution aus der Sicht eines kleinen Mädchens erzählen.


Auch der Göttinger Islamwissenschaftler Ulrich Marzolph bescheinigt der arabischen Welt Humor. Gott und Muhammad seien zwar als Witzfiguren tabu, aber über den Koran konnten die alten Araber durchaus ihre Witze machen, so Marzolph, der vor einigen Jahren ein Standardwerk über den klassischen arabischen Humor im 9. bis 13. Jahrhundert veröffentlicht hat. Von einem generellen Lachverbot im Islam, wie es strenge Imame verkündet haben, könne keine Rede sein. Besonders das Mittelalter sei die goldene Zeit des arabischen Witzes gewesen.

Humor und autoritäre Politik

Heutzutage wird die Humorproduktion im Orient durch politische Restriktionen zusätzlich erschwert. Doch der Witz lebt vom Tabubruch. Deshalb haben gerade autoritäre Regime die schärfsten Satiriker und bissigsten Spötter hervorgebracht. Politische Witze kämpfen im Regime der Ayatollahs und Mullahs und den Autokratien der arabischen Welt an vorderster Front, und ihre Urheber riskieren oft Leib und Leben. Daher ist der Witz mittlerweile in den Untergrund gegangen, doch selbst das Internet wird durchsucht von religiösen Spaßfeinden. So ermahnen Internet-Imame die Gläubigen: Scherzen erleichtere zwar die Seele, aber "wer zu viel lacht oder Witze reißt, verliert Respekt."

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