Im kulturellen Spagat

Muslimische Jugendliche in Deutschland

In Deutschland leben über drei Millionen Muslime. Die Zahl der muslimischen Kinder und Jugendlichen dürfte mittlerweile die Millionengrenze fast überschritten haben. Ein großer Teil der Muslime der dritten und vierten Generation ist hier geboren und aufgewachsen. Die anderen kamen bereits als Kind mit den Eltern nach Deutschland. Die meisten sehen ihre Lebensperspektive hier. Viele junge Muslime vollbringen einen kulturellen Spagat: Auf der einen Seite die strengen, traditionellen Wertvorstellungen der Familie, auf der anderen Seite die liberale westliche Gesellschaft, die Freizügigkeit und Individualität verspricht.

Jugendliche verfolgen eine Bundestagsdebatte. Quelle: dpa

Das Leben in Deutschland ist für ausländische Jugendliche nicht leicht: Die Kinder mit Migrationshintergrund gehören überwiegend zur sozialen Unterschicht, knapp die Hälfte von ihnen spricht zum Zeitpunkt der Einschulungsuntersuchung kein oder nur schlechtes Deutsch, sie sind doppelt so oft übergewichtig wie deutsche Kinder und haben häufiger motorische Störungen. Besonders schlecht schneiden in allen Bereichen die türkischen Kinder ab. Das ergab der vom Senat in Auftrag gegebene "Bericht zur gesundheitlichen und sozialen Lage von Kindern in Berlin". Er fasst die Untersuchungsdaten von rund 21.000 Erstklässlern zusammen, unter denen fast 30 Prozent ausländischer Herkunft sind.

Benachteiligte Unterschicht

Alarmierend ist, dass die mangelnde Förderung im Elternhaus auch nicht in den Kindertagesstätten kompensiert wird: Selbst nach mehr als zwei Jahren in einer Kita sprechen noch immer 44 Prozent der türkischen Kinder nur fehlerhaft oder kaum Deutsch. Als Grund nennt die Studie, dass es in den Kindertagesstätten nicht mehr genügend deutsche Sprachvorbilder gebe.

Und auch bundesweit bestätigen sich diese Ergebnisse: Die Angehörigen der zweiten Generation von Migranten, die bereits in Deutschland geboren wurden, haben in den Pisa-Studien besonders schwach abgeschnitten. Mehr als 40 Prozent der 15-Jährigen müssen in Mathematik bereits bei den einfachsten Aufgaben passen. Fast jeder zweite junge Türke besucht eine Hauptschule, nur jeder achte ein Gymnasium.

Unterschiedliche Migranten

Zwischen verschiedenen Migrantengruppen gibt es allerdings deutliche Unterschiede. Türkische und arabische Schüler haben besonders schlechte Chancen. Kinder, deren Eltern aus Osteuropa oder Russland nach Deutschland gezogen sind, schneiden besser ab, in Ostdeutschland sind vietnamesische Kinder überdurchschnittlich erfolgreich. Kulturelle Traditionen mögen hier eine Rolle spielen, einfache Erklärungen gibt es aber nicht.

Die Bundesregierung will dabei nun im Rahmen ihres Nationalen Integrationsplans die Sprachkurse für ausländische Jugendliche stärker fördern. Die mangelnde Schulausbildung hat Konsequenzen: So haben muslimische Jugendliche größere Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt eine Ausbildungsstelle oder eine Anstellung zu finden. Die Ausgrenzung am Arbeitsmarkt verschärft sich seit einiger Zeit, so ist die Zahl der ausländischen Lehrlinge seit 1999 in Westdeutschland um ein Drittel gesunken. Auch hier will die Bundesregierung Maßnahmen ergreifen und die Ausbildungsförderung für jugendliche Migranten unterstützen.

Keine Islamphobie!

In Berlin gibt es 135 000 Türken, jeder vierte ist praktizierender Moslem. In der 1997 veröffentlichten Studie "Verlockender Fundamentalismus" des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer heißt es, jeder fünfte türkische Jugendliche in Deutschland sei dafür, dass sich die Politik an der Scharia, dem islamischen Recht, ausrichte. Heitmeyer prägte den Begriff der "Parallelgesellschaft". Solche Thesen sind für Barbara John (CDU), die damalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, Ausdruck einer wachsenden Islamphobie. "Wir müssen uns von den Verschwörungstheorien verabschieden und die drittgrößte Religionsgemeinschaft in die Institutionen unserer Demokratie einbinden." Gleichzeitig mit Heitmeyers Studie gab John eine Befragung türkischer Jugendlicher in Berlin in Auftrag. Die Ergebnisse deuten auf eine zunehmende Abkehr der Jüngeren von der Religion.

Nicht fundamentalistisch

Von "verlockendem Fundamentalismus" kann demnach keine Rede sein. 1989 sagten 19 Prozent der 16- bis 25-Jährigen, sie hätten ein "sehr enges Verhältnis" zum Islam, 1997 waren es nur noch elf Prozent. Der Anteil derer, die Mitglied eines religiösen Vereins sind, liegt bei weniger als zwei Prozent.

Doch einige junge Muslime entdeckten in den letzten Jahren ihren Glauben neu. In der wissenschaftlichen Literatur bezeichnet man diese jungen Menschen als "reborn muslims - wiedergeborene Muslime". Doch von diesen sei nur jener kleine Teil bekannt, so Julia Gerlach, Journalistin und Autorin des Buches "Zwischen Pop und Dschihad -Muslimische Jugendliche in Deutschland", nämlich jener, der sich für die radikale Variante entschieden und die Reise nach Afghanistan angetreten habe.

Tief religiös - und deutsch

Die Mehrheit dieser "wiedergeborenen Muslime" habe jedoch einen anderen Weg gewählt: "Es gibt durchaus eine wachsende Szene von jungen, tief religiösen Muslimen, die etwas für unsere Gesellschaft tun wollen, die ihren Platz hier haben wollen, die bereit sind, dafür etwas zu tun, und die sich auch innerhalb der Community dafür engagieren, dass Altersgenossen ihren Weg einschlagen und von der Gewalt wegkommen." Jugendorganisationen wie die "Lifemakers" oder die "Muslimische Jugend Deutschland" engagieren sich sozial, indem sie beispielsweise Essensaktionen für Obdachlose organisieren und sich um ihre Anliegen kümmern.

Sie wollen damit auf die friedliche und karitative Seite des Islam hinweisen. Ihr Ziel ist es, fern von den negativen Schlagzeilen in den Medien, ein positives Bild des Islam in der deutschen Gesellschaft zu vermitteln. Die jungen Muslime sehen sich, trotz ihres migranten Hintergrundes, als ein Teil der hiesigen Gesellschaft, in der sie geboren und aufgewachsen sind. Sie bekennen sich klar zu ihren Werten. Ihre Aktivitäten verstehen sie in erster Linie als soziales Engagement, nicht als politisches: Sie möchten das angeschlagene Image des Islam in Deutschland aufbessern. Im Gegenteil zu der Generation ihrer Eltern wollen sie sich auch nicht abschotten, sondern betrachten sich als einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft.

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