Islamischer Religionsunterricht

30 Jahre Diskussion

Ein Vormittag in der Schule: Erste Stunde Mathe, zweite Deutsch - und in der dritten trennt sich die Klasse zum Religionsunterricht. Die einen gehen in evangelische Religion, die nächsten in katholische Religion, und andere besuchen den islamkundlichen Unterricht. Dieses Fach wird nicht deutschlandweit erteilt, aber in einzelnen Schulen gibt es das schon.

In deutschen Schulen gibt es zurzeit mehr als 700.000 Schüler muslimischen Glaubens. Sie alle haben - laut Paragraph 7, Absatz 3 des Grundgesetzes - Anspruch auf eigenen islamischen Religionsunterricht, der in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt wird.

Muslimischer Ansprechpartner gesucht

FaF Kaddor und Safiarian-Dreh Quelle: ZDF


Doch obwohl schon seit fast 30 Jahren über die Einführung dieses Lehrfaches diskutiert wird, blieb das Ergebnis bislang mager: Bisher gab es nur einige Modellversuche. Ein flächendeckender Unterricht existiert bis heute jedoch nicht. Der Grund: Dem deutschen Staat fehlt auf Seiten der Muslime ein anerkannter Ansprechpartner, um die Unterrichtsinhalte festzulegen, wie es im Falle der christlichen Konfessionen die evangelische oder katholische Kirche tun. Die islamischen Dachverbände in Deutschland kommen dafür nicht in Frage. Bislang haben ihnen die deutschen Gerichte die Anerkennung als Religionsgemeinschaften verwehrt.

Auch der im Frühjahr 2007 gegründete Zusammenschluss der muslimischen Organisationen in Deutschland, der "Koordinationsrat der Muslime (KRM)", mit den vier zahlenmäßig größten Organisationen auf Bundesebene, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), dem Zentralrat der Muslime in Deutschland, dem Islamrat und dem Verband der Islamischen Kulturzentren, wird noch nicht anerkannt, unter anderm weil in ihm nur zehn bis 15 Prozent der hier lebenden Muslime organisiert sind.

Jahrelange Diskussion

Die Diskussion um die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts in Deutschland begann bereits Anfang 1980. Schon damals sahen die Politiker die Notwendigkeit, einen bekenntnisorientierten Unterricht für muslimische Schüler einzuführen. Es waren vor allem die beiden großen Kirchen, die den Staat an seine Verpflichtung erinnerten, die Voraussetzungen für einen muslimischen Religionsunterricht an den Schulen zu schaffen. 1984 stimmte die Kultusministerkonferenz erstmals der Einrichtung eines islamischen Religionsunterrichtes zu.

Die Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen reagierten dann schnell: Mitte der achtziger Jahre wurde im Rahmen des "Muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts" (MEU) das Fach "Islamische religiöse Unterweisung" angeboten, das die Schüler freiwillig nachmittags belegen konnten. Der Unterricht fand in Türkisch, Arabisch oder Bosnisch statt, geleitet von dem gleichen Personal, das für den muttersprachlichen Unterricht verantwortlich war, versehen mit einer Zusatzausbildung. In Nordrhein-Westfalen entwickelte dabei ein Team von deutschen Pädagogen die Lehrpläne in Zusammenarbeit mit Ankara und Kairo, und auch in Bayern bezog man die Curricula aus der Türkei.

Islam-Unterricht in Deutsch

Schüler schreibt "Integration" auf Tafel
Zuwanderung und Integration Quelle: dpa


Doch in Nordrhein-Westfalen zeichnete sich Ende der 90er Jahre eine neue Entwicklung ab: Der Modellversuch "Islamkunde" wurde - parallel zu dem freiwilligen Angebot des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts - auf Deutsch angeboten, wobei die Teilnahme bis heute benotet wird und versetzungsrelevant ist. Momentan sind daran 130 Schulen mit 80 Lehrkräften beteiligt.
Im gleichen Jahr führte auch Bayern das Fach "Islamische Religionskunde" in deutscher Sprache in fünf Grundschulen ein - identisch mit dem bisherigen Islamunterricht in türkischer Sprache. Und auch in anderen Bundesländern suchen die Landesregierungen nach neuen Wegen, gemeinsam mit Muslimen islamischen Religionsunterricht anzubieten. So haben sich in Niedersachsen muslimische Verbände zusammengetan und einen so genannten "Schura"-Rat gegründet. Gemeinsam mit den Behörden haben sie die Inhalte für den Unterricht erarbeitet.

Projekte statt einheitlicher Lösung

Das Modellprojekt ging 2003 an den Start; inzwischen beteiligen sich 21 Schulen mit rund 1000 Schülern daran. Und an einer Grundschule im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen führt seit dem Schuljahr 2004/2005 ein türkischer Imam die Kinder in die Grundlagen ihrer Religion ein. Der neueste Versuch findet seit 2006 in Baden-Württemberg statt: Dort wird das Fach "Islamische Religionslehre" an zehn Grundschulen in deutscher Sprache unterrichtet. Festzuhalten bleibt aber: In all diesen Modellen werden die Schüler nicht zum Glauben erzogen, sondern sachlich über die Inhalte ihrer Religion informiert.

Der islamische Religionsunterricht steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Die Realität sieht aus wie ein Flickenteppich. Über einzelne Projekte gelangten die Beteiligten bislang nicht hinaus. Dazu kommt: Sollte morgen der islamische Religionsunterricht bundesweit eingeführt werden, so stünde zu wenig Personal zur Verfügung. Denn nach Schätzungen von Experten würden auf einmal 4500 Lehrer benötigt.

Ausbildung islamischer Religionslehrer

Bislang werden islamische Religionslehrer an der Universität Münster ausgebildet, wo seit 2005 ein Lehrstuhl für "Religion des Islam" existiert. Auch die Universität Erlangen-Nürnberg hat 2005 eine Professur für "Islamische Religionslehre" eingerichtet. An der Frankfurter Universität können Studierende ebenfalls seit Sommer 2005 islamische Religionswissenschaft als Hauptfach im Bereich Religionswissenschaft studieren. Das türkische Religionsministerium hat dazu am Fachbereich Evangelische Theologie einen Lehrstuhl "Islamische Religion" gestiftet. Und seit dem Wintersemester 2007/08 werden an der Universität Osnabrück im Master-Studiengang islamische Religionslehrer für Grund, Haupt- und Realschulen ausgebildet. Dabei handelt es sich um einen Ergänzungsstudiengang mit einem viersemestrigen Studium. Zudem hat sich die dritte "Deutsche Islam Konferenz" im März 2008 darauf geeinigt, dass islamische Religion ordentliches Unterrichtsfach an deutschen Schulen werden soll.

Voraussetzung ist die Bildung einer muslimischen Religionsgemeinschaft, die staatlich anerkannt werden kann. Die Bedingungen dafür legte die Islamkonferenz in einem Zwölf-Punkte-Papier fest. Das Fach soll in deutscher Sprache gelehrt werden. Mit anderen Worten: Der Staat kommt zumindest langsam seiner gesetzlichen Verpflichtung nach, die Voraussetzungen für die Ausbildung von staatlich geprüften islamischen Religionspädagogen zu schaffen. Nun liegt es an den islamischen Organisationen, sich auf einen einheitlichen, verbindlichen Ansprechpartner für den deutschen Staat zu einigen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet