Jede Viertelstunde ein Prophetenwort

Hadithe - Überlieferungen der Aussprüche des Propheten

Für die Lebensgestaltung frommer Muslime stellt der Koran die wichtigste Richtschnur dar. In ihm finden sich jedoch in Bezug auf das alltägliche Leben nur wenige konkrete Anweisungen. Eine Orientierung für die gläubigen Muslime bildet der Prophet Mohammed, gilt er doch nach islamischer Tradition als sündenfreier Mensch. Daher ist sein Tun und Handeln für die Menschen von großem Interesse. Schon bald nach seinem Tod begannen sich die Muslime zu fragen, wie sich der Prophet in diesem oder jenen Fall verhalten und wie er in dieser oder jener Situation reagiert hatte. Diese einzelnen Prophetentraditionen werden als Hadith (wörtlich: Ereignis; Bericht) bezeichnet.

Islamwissenschaftliches Archivregal Quelle: ZDF

Ein Hadith hat zwei Teile: Die Überliefererkette, bestehend aus den Tradenten, danach die eigentliche Nachricht:



Ibn Juraij sagte: Amr ibn Dinar überlieferte mir, dass er hörte, wie Salama Ibn Abd al-Rahman sagte: "Der Prophet, Gott erbarme sich seiner und schenke ihm Heil, hat verboten, dass jemand mit einer Frau und deren Tante väterlicherseits und mütterlicherseits sexuell verkehrt."

Doch schon früh entstanden erfundene oder verfälschte Aussagen, die dem Propheten zugeschrieben wurden. Die Motive dafür waren meist politischer Natur: Man hoffte, durch derartige gefälschte Traditionen Ansprüche auf politische Positionen zu unterstützen oder die Inhaber von solchen Positionen durch negative Berichte zu diskreditieren. Daher setzte schon sehr früh eine kritische Bemühung um die Traditionen ein. Die Gelehrten entwickelten Kriterien, um die echten von den falschen Überlieferungen zu unterscheiden. Wichtigstes Kriterium: die Übereinstimmung mit dem Koran. Äußerungen des Propheten, die dem heiligen Buch der Muslime widersprachen, wurden nicht als authentisch angesehen.

Schwierige Echtheitskontrolle

Zudem musste der Inhalt in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext der frühislamischen Gemeinde passen. Außerdem wurden die Überliefererketten genau geprüft. Es entwickelte sich eine komplizierte Wissenschaft der Hadith-Kritik: Jeder Hadith wurde in die Kategorien "sahih" (richtig), "hasan" (gut) oder "da'if" (schwach) eingeordnet. So enstanden im Laufe der Zeit mehrere Sammlungen von Überlieferungen, die im 10. Jahrhundert abgeschlossen waren. Ursprünglich waren die Hadithe als Erbauung für die Gläubigen und zur Erinnerung an den Propheten gesammelt worden. Doch immer mehr wurden sie - neben dem Koran - als verbindliche Quelle der islamischen Rechtssprechung angesehen.

Zu den wichtigsten als kanonisch angesehenen Sammlungen zählen vor allem im sunnitischen Islam die von al-Bukhari, al-Muslim, at-Tirmidhi, Abu Dawud, Ibn Maja, an-Nasai und Ibn Hanbal; Persönlichkeiten, die alle im 9. Jahrhundert gelebt haben und deren Autorität über Jahrhunderte nicht bestritten wurde. Die Schiiten erkennen allerdings viele Hadithe der Sunniten nicht an und berufen sich dabei auf die ihrer Ansicht nach unsicheren Überliefererketten. Doch besonders in den letzten Jahren regt sich auch an diesen Sammlungen immer mehr Kritik von muslimischer Seite, die die Authenzitität einiger in ihr enthaltener Äusserungen des Propheten anzweifeln - ein Tabubruch in der islamischen Welt, gilt doch die Kritik am Propheten immer noch als eine frevelhafte Handlung, die denjenigen, der sie äußert, schnell in den Verdacht des Unglaubens bringen kann.

"Vier Überlieferungen die Stunde"


Dies veranlasste die in Holland lebende ägyptische Journalistin Nahed Selim in ihrem vor einigen Jahren veröffentlichten Buch "Nehmt den Männern den Koran!" zu der Bemerkung:



Die meisten Muslime verehren den Koran und den Propheten, als wären sie Gott höchstpersönlich.



Zudem kritisierte sie die unglaublich große Zahl an Prophetenüberliefungen: So sollen es mehr als 600.000 Äußerungen sein, die von Mohammed überliefert worden sind und sich im Umlauf befinden. Ihre Zweifel veranlasste die Autorin zu dem Kommentar:



Geteilt durch die dreiundzwanzig Jahre, in denen Mohammed Prophet war, hätte er bei acht Stunden Schlaf pro Nacht täglich sechzehn Stunden lang mit einer Frequenz von vier Überlieferungen in der Stunde reden müssen - was kaum vorstellbar ist. Und dass sich die Leute hundert Jahre oder mehr nach seinem Tod, als sie damit begannen, die Hadithe schriftlich festzuhalten, buchstäblich und authentisch an alle sechshunderttausend Überlieferungen erinnern konnten, ist in meinen Augen ein Wunder - oder besser gesagt, eine Fabel!

Erste kritische Hadith-Ausgabe

Umso interessanter ist daher ein neues Projekt, das in der Türkei auf Initiative der staatlichen Religionsbehörde Diyanet vor drei Jahren begonnen hat. Dort arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftlern an einer kritischen Edition der Hadithe, die noch in diesem Jahr erscheinen soll. Die Hadithtexte sollen dabei nicht verändert, sondern aus der Zeit ihrer Entstehung verstanden und zeitgemäß ausgelegt werden. Die kritische Ausgabe folgt dabei folgenden Kriterien: Erstens werden jene Hadithe aufgehoben, also für nicht mehr rechtskräftig erklärt, die zwar dem Propheten zugesprochen werden, deren Herkunft von Mohammed aber nicht erwiesen ist. Zweitens werden die falsch interpretierten richtig interpretiert, und drittens sollten die richtig interpretierten Hadithe zeitgemäß verstanden werden.


Eine solche kritische Ausgabe der Prophetentraditionen wäre somit auch ein Durchbruch für eine kritischere und zeitgemäße Beschäftigung der Muslime mit ihrer Religion und könnte helfen, die teilweise jahrhundertealten verkrusteten und starren religiösen Strukturen in der islamischen Welt langsam aufzulösen.

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