Jugendliche Ausländer krimineller als Deutsche?

Jugendkriminalität in Zahlen und Fakten

Seit kurz vor Weihnachten ein Türke und ein Grieche einen Rentner in einer Münchner U-Bahn fast totgeprügelt haben, streitet sich die Nation heftig über das Thema Jugendkriminalität, besonders bei ausländischen Jugendlichen. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) fordert seither härtere Strafen für jugendliche Gewalttäter und beklagt, dass besonders ausländische Jugendliche überproportional gewalttätig seien.

Strafgefangene Quelle: dpa


Doch die Zahlen sprechen eine differenziertere Sprache. Zwar werden einer Studie des renommierten Kriminologen Christian Pfeiffer zufolge 43 Prozent der Gewalttaten in Großstädten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen. Dennoch warnt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen wie viele andere vor einer Überbewertung der Zahlen. "Jugendkriminalität ist kein Ausländerthema", so Pfeiffer. Die Gewaltbereitschaft, so Pfeiffer weiter, sei bei Jugendlichen, die unter gleichen sozialen Bedingungen aufwüchsen, vergleichbar.

Ungleiche Bildungschancen

Hätten Jugendliche mit ausländischen Eltern die gleichen Bildungschancen wie gleichaltrige Deutsche, ginge die Zahl der Gewalt- und Intensivtäter unter ihnen zurück. Weil jedoch Migrantenfamilien im Durchschnitt viermal häufiger der bildungsfernen und armutsnahen Schicht angehörten, würden ihre Kinder entsprechend häufiger zuschlagen, so Pfeiffer. Die Gründe dafür, dass ausländische Jugendliche zu Gewalttaten neigen, liegt aber auch an ihrer kulturellen Prägung. Unter den Befragten in Pfeiffers Studie waren türkische Familien häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. Auch machten türkische Jugendliche häufiger die Erfahrung körperlicher Züchtigung als gleichaltrige Jugendliche anderer Herkunft.


"Es ist zu simpel", so der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld, "die Täter auf ihre ethnische Herkunft zu reduzieren". Vielmehr komme es auf den sozialen Raum an, in dem Gewalt als effektives Mittel gesehen werde, und auf die Rollenvorbilder, mit denen die Jugendlichen aufwachsen, so Heitmeyer.
Der unterschiedliche Umgang mit Medien, und dabei besonders der Konsum von Gewaltvideos, hat Untersuchungen zufolge ebenfalls einen hohen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen.

Härtere Strafen wenig sinnvoll

Jugendkriminalität - Jugendgewalt - Gericht Quelle: ap


Ist ein Jugendlicher erst einmal straffällig geworden, stellt sich die Frage der "Bestrafung". Teile der Union fordern härtere Jugendstrafen und die Einführung eines Warnschussarrestes, ein Jugendarrest, der zusätzlich zu einer Bewährungsstrafe verhängt werden kann. Mit diesen juristischen Mitteln soll die Jugendkriminalität erfolgreicher bekämpft werden. Bisher reichen die Sanktionen abhängig von der Schwere der Tat von so genannten Erziehungsmaßregeln über Arrest bis hin zur Haft. Der Kieler Psychologe Bliesener ist nicht davon überzeugt, dass längere oder härtere Haftstrafen weiterhelfen.


Viel sinnvoller sei, dass mit den Jugendlichen konstruktiv gearbeitet werde. Dazu gehöre, dass man den Jugendlichen ermögliche, ihren Aggressionen auch verbal Ausdruck zu verleihen, denn häufig führe mangelndes Ausdrucksvermögen und fehlende Empathiefähigkeit zu Gewalttaten. Auch das Jugendstrafrecht setzt eher auf Erziehung als auf Strafe, weil junge Täter in ihrer Persönlichkeit noch formbar seien. Erziehungsmittel wie Ermahnungen oder gemeinnützige Arbeit stehen hier im Vordergrund, gefolgt von kurzzeitigem Jugendarrest. Erst als letzte Möglichkeit sieht das Recht Haftstrafen vor.

Erziehungscamps als Vorbild ?

Umstritten ist die Forderung einiger Politiker, straffällige Jugendliche in geschlossene "Erziehungscamps" mit "therapeutischem Gesamtkonzept" zu stecken. Dort sollen die Jugendlichen eine feste Struktur und vorgeschriebene Regeln vorfinden, die ihrem Leben einen Halt geben und so eine schnelle Resozialisierung ermöglichen könnten. Kritiker bezweifeln den Sinn solcher "Erziehungslager", in denen die Jugendlichen gedrillt und gedemütigt würden. Solche Einrichtungen würden Jugendliche nicht davon abhalten, wieder straffällig zu werden.

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