"Kein Beweis für die Existenz des Propheten Mohammed"

Muhammad Sven Kalisch und seine Mohammed-Thesen

Muhammad Sven Kalisch ist Professor für islamische Theologie in Münster und mitverantwortlich für die Ausbildung islamischer Religionslehrer. Er behauptet, der Prophet Mohammed habe möglicherweise nicht existiert und der Koran sei nicht das direkte Wort Gottes. Thesen, für die schon mancher Islam-Kritiker mit einem Todesbann belegt wurde. Kalisch bezweifelt Glaubensgrundsätze, an die über eine Milliarde Muslime weltweit glauben.

Muhammad Sven Kalisch Quelle: ZDF
Himmelfahrt Mohammeds Quelle: akg


"Es kann nicht widerlegt werden, dass er gelebt hat, aber auch nicht bewiesen". Mohammed also, der Prophet des Islam und Verkünder der Offenbarung Gottes, und der Koran - das unverfälschte Wort Allahs -, beides elementare Bestandteile des muslimischen Glaubens - ein Irrtum? Ist Kalisch, der selbst im Alter von 15 Jahren zum Islam konvertierte, damit ein Apostat, ein vom Glauben Abgefallener? In einigen islamischen Ländern werden solche Ansichten mit Verfolgung und Tod bestraft.

Forschungshindernis Lehrerausbildung?

Darf ein islamischer Wissenschaftler und Theologe die Grundsätze der islamischen Lehre in Frage stellen? Eigentlich ja, aber Muhammad Sven Kalisch bildet in Münster Lehrer für den islamischen Religionsunterricht aus. Ein Skandal und Tabubruch für die islamischen Verbände, die den Lehrstuhl in Münster mitunterstützt haben. Sie haben inzwischen die Zusammenarbeit mit dem deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für die Religion des Islam aufgekündigt. Kalisch stelle die Existenz des Propheten Mohammed in Frage und sei daher als Professor an einem Lehrstuhl, an dem angehende Lehrer für den Islamunterricht ausbildet werden, nicht tragbar, so Ali Kizilkaya, Sprecher des Koordinierungsrates der Muslime (KRM).


Die Kritik des KRM gilt nicht der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Islam, sondern sie zielt darauf, dass dies am Lehrstuhl für islamische Theologie erfolgt. Kalisch vertrete nicht mehr "die Lehre, wie sie die Allgemeinheit der Muslime in Deutschland verinnerlicht hat", sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayyub Axel Köhler. Den Koran wörtlich zu interpretieren, wie dies Fundamentalisten täten, sei das eine Extrem, die Existenz des Propheten Mohammed zu leugnen, das andere. "Wir sind gegen jede Art von Extremismus", sagt Köhler.

Forschungsfreiheit versus Glaubenslehre

Der Fall Kalisch ist aber mehr als nur eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier auch um die Freiheit der Lehre einerseits und die Grundsätze des Glaubens andererseits und um die Frage, wie radikal ein Forscher im Fach Islamwissenschaft und speziell in islamischer Theologie forschen darf, wenn er gleichzeitig Religionslehrer für den Islamunterricht ausbildet. Da die islamischen Verbände als Religionsgemeinschaft nicht anerkannt sind, haben sie keinen Einfluss auf die Lehrstuhlvergabe - zumindest bisher nicht.


Zum Vergleich: Während das jeweilige Land bei der Besetzung von Lehrstühlen der katholischen und evangelischen Theologie vertraglich verpflichtet ist, eine Unbedenklichkeitserklärung der Kirchen einzuholen, ist die analoge Vorgehensweise gegenüber Islamverbänden freiwillig. Der Fall ist also auch eine politische Angelegenheit. Die muslimischen Verbände haben offenbar versucht, im Beirat des Centrums für Religiöse Studien eine Unbedenklichkeitsklausel einzuführen, vergleichbar mit dem "Nihil obstat" (es steht nichts entgegen), das die katholische Kirche angehenden Theologieprofessoren bescheinigen - oder verweigern - darf.

Unabhängige Theologie

Das lehnten Kalisch und die Rektorin der Uni Münster, Ursula Nelles, ab. Die theologische Forschung soll unabhängig bleiben. Aber wer Religionslehrer ausbildet, hätte mit solch extremen Thesen auch in der christlichen Kirche Probleme, so der katholische Religionspädagoge Bernd Trocholepczy gegenüber "Forum am Freitag". "Wer in der katholischen Kirche behauptet, Jesus gebe es nicht, der wird Probleme bekommen und wahrscheinlich auch sein Nihil Obstat, seine Lehrbefugnis, verlieren".


Doch Muhammad Sven Kalisch wird trotz seiner Thesen weiter an der Universität Münster lehren. Nach Ansicht der Universität steht die Freiheit der Forschung über allem, auch dem Dogma der Glaubenslehre - vor allem der islamischen. Rektorin Ursula Nelles stellt sich klar hinter ihren Wissenschaftler. "Kalisch ist ein Beamter auf Lebenszeit und ich werde auf Biegen und Brechen nicht zulassen, dass irgendjemand unseren Wissenschaftler abschießt", so Nelles gegenüber "Forum am Freitag".

Mitsprache bei zweitem Lehrstuhl?

Im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium hingegen scheint man die Brisanz der Aussagen Kalischs erkannt zu haben. Minister Andreas Pinkwart (FDP) ist eine Zusammenarbeit mit den islamischen Verbänden wichtig. Er will eine Islamlehrerausbildung, die von den Islamverbänden anerkannt wird. Er kündigte gegenüber "Forum am Freitag" an, die bereits ausgeschriebene zweite Professur am Centrum für Religiöse Studien (CRS) solle möglichst bald besetzt werden.


Vor der Besetzung des neuen Lehrstuhles für islamische Religionspädagogik will die Landesregierung ein Votum der islamischen Verbände einholen, sobald sich die Universität für einen Kandidaten entschieden hat. Kalisch soll laut Pinkwart künftig nicht mehr im Lehramtsstudiengang unterrichten. Damit wäre er zunächst aus der Schusslinie. Gleichzeitig sehen die islamischen Verbände nach den Worten von KRM-Sprecher Kizilkaya in Pinkwarts Ankündigung sogar einen ersten Schritt hin zu einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft. Sollte der KRM diesen Status erlangen, und dies streben die in ihm vereinten vier islamischen Verbände an, wird er die Lehrer für den Unterricht an den öffentlichen Schulen mitauswählen.

Kalisch - ein Abtrünniger?

Konservative Muslime, für die der Koran die wörtliche Offenbarung Gottes ist, könnten in den Thesen Kalischs jedoch einen Glaubensabfall sehen. Einige Glaubensbrüder betrachteten ihn offenbar nicht mehr als Muslim, so Kalisch: "Und für Konservative verdient der, der vom Islam abfällt, den Tod." Kalisch sieht sich dagegen weiter als Muslim und frommen Menschen, ihm geht es um die Freiheit der Wissenschaft: "Die islamische Theologie steht dort, wo die christliche im 19. Jahrhundert stand - uns fehlt die historisch-kritische Forschung." Inzwischen bekommt Kalisch aufgrund einer Einschätzung des nordrhein-westfälischen Staatsschutzes besonderen Schutz.

Mehr als 80 Wissenschaftler, Autoren und Vertreter religiöser Gruppen haben sich jetzt hinter Kalisch gestellt. Zu den ersten Unterzeichnern der von der Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann auf den Weg gebrachten Liste zählen unter anderem die Berliner Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates, Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, der Hamburger Imam Mehdi Razvi sowie der Göttinger Arabist und Islamwissenschaftler Tilman Nagel. Sie werfen dem KRM vor, sich von der "ergebnisoffenen Wissenschaft" zu distanzieren.

Solidarität mit Kalisch

In der Solidaritätserklärung heißt es, es sei Kalischs Aufgabe, "provokante Thesen zur Diskussion zu stellen". Es sei nötig, die Studierenden "zum Mitdenken statt zum blinden Glaubensgehorsam auszubilden". Die Causa Kalisch zeigt: Es ist noch ein langer Weg, bis der Islam nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch die Islamwissenschaft an den deutschen Universitäten angekommen ist.

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