Keine erfolgreiche Integration

Stimmen zur umstrittenen Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat die in Deutschland lebenden Türken zu mehr Integrationsbemühungen aufgefordert. An erster Stelle stehe das Erlernen der deutschen Sprache, sagte Erdogan bei einer Großveranstaltung in Köln. Gleichzeitig forderte er türkische Schulen und Universitäten in Deutschland. In der Rede sagte er auch: "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Dies könne niemand von den im Ausland lebenden Türken verlangen. Einige Gäste des "Forum am Freitag" nehmen zu Erdogans Äußerungen Stellung.

Celal Altun Quelle: ZDF


Die Rede des türkischen Ministerpräsidenten ist von einigen Politikern scharf kritisiert worden. Celal Altun, Vorsitzender der Türkischen Gesellschaft, kann die Aufregung allerdings nicht verstehen: "Die Aufregung nach Erdogans Rede halte ich für unsinnig. Von den zweieinhalb Millionen Türkischstämmigen in Deutschland sind 1,7 Millionen türkische Staatsbürger. Dass Erdogan seine Staatsbürger hier anspricht ist doch ganz logisch und normal."

Burahn Kesici - Porträtfoto Quelle: ZDF


Auch Burhan Kesici, der Generalsekretär des Islamrates für Deutschland, ist sich sicher: Erdogan wurde missverstanden: "Wenn man die Rede von Erdogan im Kontext anschaut, wird klar, dass er die Türken dazu aufgefordert hat, sich zu integrieren, die Sprache zu lernen und vor allem auch eine höhere Bildung anzustreben. Der Appell, sich nicht assimilieren zu lassen ist relativ normal - es gibt einen Unterschied zwischen Integration und Assimilation. Deswegen habe ich die Rede nicht negativ empfunden. Ich glaube, dass die Rede in Deutschland missverstanden wurde."

Türkische Schulen?

Ezhar Cezairli aus Frankfurt


Erdogans Forderung nach türkischen Schulen und Universitäten bewerten die "Forum am Freitag"-Gäste unterschiedlich. Ezhar Cezairli, die Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Clubs Rhein-Main, sagt: "Wenn man mehrere Sprachen spricht, ist das immer ein Vorteil. Aber dass Erdogan gefordert hat, hier türkische Schulen und Universitäten zu öffnen, in denen Lehrer aus der Türkei unterrichten sollen, finde ich bedenklich. Es gibt genug türkischstämmige Menschen, die hier aufgewachsen sind. Da könnte man doch hier Lehrkräfte ausbilden." Burhan Kesici kann dagegen Erdogans Forderung etwas abgewinnen: "Ich habe das nicht als Alternative zum deutschen Schulsystem verstanden, wie einige Kritiker das sehen. Ich glaube, türkische Schulen im kleinen Maße würden eher bereichern."

Lamya Kaddor (Februardreh über Hochzeit) Quelle: ZDF


Die Tatsache, dass besonders viele junge Deutschtürken, vor allem Anhänger der Partei Erdogans, der AKP, in die Kölnarena gekommen sind, wundert die Pädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor nicht: "Die Türkei hat eine in ganzer Linie erfolgreiche Integrationsarbeit in Bezug auf die Deutschtürken geleistet. Denn sie haben es geschafft, die hier geboren und lebenden türkischen Kinder als Teil der türkischen Gesellschaft zu integrieren. Da können wir uns ein Scheibchen von abschneiden und uns fragen: Wie geht das eigentlich? Dass gerade junge Leute hier in Deutschland sagen "Wir fühlen uns als Türken" liegt hauptsächlich daran, dass auch die Türkei sie als Türken identifiziert: "Stimmt, ihr seid Türken." Und die deutsche Gesellschaft sagt eben auch: "Ihr seid keine Deutsche, sondern Türken."

Gefühlssache Integration

Das Gefühl, nicht anerkannt zu sein, kennt auch Ezhar Cezairli: "Integration hat sehr viel mit Gefühl zu tun. Wenn die Menschen das Gefühl haben, man will sie hier haben, dann werden sie auch viel mehr Integrationsbereitschaft zeigen. Sie werden sich viel mehr Mühe geben, als wenn dieses Klima nicht da ist. Und dieses Klima ist nicht da. Ich habe das Gefühl, dass manche Politiker inzwischen klar trennen zwischen ursprünglichen Deutschen und Deutschen, die nicht deutscher Herkunft sind. Und da fühle ich mich auch angesprochen. Menschen, die integriert sind, fühlen sich trotz Integration nicht mehr angenommen."

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