Keine klaren Konzepte für einen islamischen Staat

Verhältnis von Religion und Politik im Islam

Entstanden ist das Credo von der Einheit von "Din wa-Dawla", also von "Staat und Religion", Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch worauf begründet sich dieser Zusammenhang? Was sagt der Koran über die politische Struktur einer islamischen Gesellschaft? Ist die islamische Religion auch gleichzeitig Staat?

Ein Junge liest im Koran Quelle: reuters

Auslöser für die Idee einer Einheit von Religion und Staat im Islam war die Abschaffung des Kalifats und die Errichtung eines laizistischen Staates in der Türkei. Darauf reagierten die muslimischen Intellektuellen, allen voran der Geistliche Rashid Rida von der Al-Azhar-Moschee in Kairo, der als der Mentor der ägyptischen Muslimbrüder gilt.

Der Kalif als Staatschef

Rashid Rida verfasste 1922, nachdem die Jungtürken den Kalifen in Istanbul bereits entmachtet hatten, die Schrift "Das Kalifat oder das größte Imamat". Demnach sollte idealerweise der arabische Kalif der führende Gelehrte aller Muslime sein.

Die Muslimbrüder übernahmen dann diese Konzeption und propagierten die Errichtung eines islamischen Staates. Mit der Frage konfrontiert, warum die Muslime unbedingt in einem Kalifat leben müssten, erklärten sie, dass der Islam Religion und Staat sei.

Angst vor einer modernen Gesellschaft

Die Beweggründe für diese Forderung waren eine Abneigung gegen die Säkularisierung und Modernisierung der Gesellschaft durch den Westen. Dort sah man die Gründe für den Niedergang der islamischen Welt, und der wollte man durch eine Rückkehr zu der wahren islamischen Ordnung begegnen.

Im Jahr 1925 veröffentlichte der Azhar-Gelehrte Ali Abdur-Raziq das Buch "Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft". Darin stellte er fest, dass der Islam keine Einheit von Religion und Poltik kennt. Das Buch war ein Skandal, und auf Betreiben seines Gegners Rashid Rida wurde Abdur-Raziq aus seinen Ämtern entlassen.

Schiedsrichter in Medina

Der Prophet Muhammad selbst hatte sich nicht als Politiker empfunden, und es gibt auch keine Hinweise darauf. In den koranischen Versen, die in der medinensischen Zeit offenbart wurden, verbirgt sich weniges, was Aussagekraft über die Errichtung einer politischen Ordnung hätte. Muhammad verließ seinen Stammesverband in Mekka und ging nach Medina.

Dort wurde er von den Medinensern empfangen und als Oberhaupt eingesetzt. Diese Funktion kam mehr der eines Schiedsrichters unter den Stämmen gleich. Als politisches Oberhaupt kann er jedoch nicht angesehen werden. Die Gemeinde von Medina war auch kein Staatsgebilde im heutigen Verständnis.

Kaum Gegenwehr

Die Tatsache, dass Muhammad zu seinen Lebzeiten keinen Nachfolger bestimmt hatte, verdeutlicht, dass er nur bedingtes Interesse an politischen Fragen hatte und sich mehr als religiöser Führer sah.

Das Credo von der Einheit von Religion und Politik im Islam wird heute, außer von Islamisten, von Teilen der westlichen Islamwissenschaft aufrecht erhalten. Muslime wehren sich nur zaghaft dagegen und glauben auch mehr oder weniger an dieses Klischee.

Konzepte für einen islamischen Staat

Bis auf wenige Ausnahmen hat es jedoch nie eine Ausarbeitung einer islamischen Staatstheorie gegeben, so dass bis heute nicht klar ist, wie ein islamischer Staat auszusehen habe. Selbst die Taliban in Afghanistan, die einen solchen Staat für sich in Anspruch nahmen, taten sich nur durch brutales Vorgehen gegen die Bevölkerung hervor, indem sie das islamische Strafrecht vollzogen.

Konzepte und Ideen, wie man den Staat zu organisieren und zu führen habe, waren ihnen hingegen fremd. Die beiden einzigen Staaten innerhalb der islamischen Welt, die für sich in Anspruch nehmen, islamisch zu sein, sind Iran und Saudi-Arabien.

Säkularität als Regelfall

Dabei handelt es sich jedoch um Sonderwege: Der Iran ist ein durch seine schiitische Bevölkerungsmehrheit geprägter Staat, dessen Konzeption der "Herrschaft des Rechtsgelehrten" einzigartig ist innerhalb der islamischen Welt. Saudi-Arabien, dessen Verfassung der Koran darstellt, beruft sich in seiner Staatsideologie auf die strenge und puritanische Lehre des Wahhabismus, die in dieser Form einmalig in der islamischen Welt ist.

Bezeichnenderweise hat in der islamischen Geschichte nie ein islamischer Staat existiert. Die Länder in der islamischen Welt sind heutzutage säkular geprägt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet