Konsens oder Konfrontation?

Der noch junge christlich-muslimische Dialog

"Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht." - Goethes Worte aus seinem west-östlichen Diwan könnten auch für den christlich-muslimischen Dialog stehen. Kaum ein anderes Thema dominiert das öffentliche religiöse Gespräch wie die Frage nach der Integration und dem Dialog zwischen den zwei Buchreligionen Islam und Christentum. Doch wie sollen Christen und Muslime miteinander umgehen?

Gemeinsamkeiten

Der Islam und das Christentum haben viele Gemeinsamkeiten und wollen sich auf Augenhöhe begegnen. Islam und Christentum sind monotheistische Religionen, das heißt: Jede Religion glaubt an einen Gott.
Beide Religionen kennen die Schöpfung, den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Auch Barmherzigkeit ist allen beiden gemein und wie das Judentum erzählen sie die Geschichte Abrahams als Bewährungsgeschichte von Gottvertrauen in Krisenzeiten. Schließlich weist der Koran auf die Nähe seiner Botschaft zum Christentum hin, auf die Verwandtschaft, die zwischen dem Islam und der biblischen Tradition besteht.

Der Koran bekennt sich nämlich zu Abraham, zu Mose und der Tora, zu Jesus Christus und dem Evangelium. Auch Muslime verehren Jesus als Propheten. Gemeinsam ist beiden Religionen auch, dass sie ihre eigene Religion häufig als die einzig wahre, universal gültige Religion und Weltanschauung sehen.

Unterschiede

Wer hat die Wahrheit?

Bei genauerem Hinsehen lassen sich gerade in den vermeintlichen Gemeinsamkeiten beider Religionen schiefe Parallelen erkennen. Islam und Christentum glauben zwar an einen Gott (Monotheismus), doch ob alle denselben Gott anbeten, ist eine Frage, die umstritten ist. Während das II. Vatikanische Konzil bekräftigt, dass die Muslime mit den Christen denselben Gott anbeten, ist bekannt, dass der Islam der christlichen Gottesvorstellung von der Dreifaltigkeit Gottes als Vater, Sohn und Heiligem Geist offen widerspricht.

Die Christen verstehen die Bibel als Wort Gottes, dennoch steht im Zentrum des Glaubens die Person Jesu Christi. Muslime hingegen verstehen den Koran als direkte, von menschlichem Einfluss freie Offenbarung Gottes. Die Muslime sind davon überzeugt, dass der Islam die biblische Tradition, die von Abraham ausgeht und sich zuerst im Judentum und später im Christentum konkret ausdrückt, fortsetzt und zu ihrer Vollendung bringt. Somit bezeugt die Religionsgeschichte, dass der Islam nach dem Christentum gekommen ist und so wird der Islam von Muslimen als wahre Religion verstanden, die beide vorangegangenen Religionen (Judentum, Christentum) übertrifft.
Ist aber ein Dialog möglich, wenn alle Religionen darauf beharren, einzig die absolute Wahrheit zu verkünden? Manche Muslime fordern Christen beispielsweise auf, Mohammed anzuerkennen, wie sie, die Muslime, Jesus Christus anerkennen. Doch die Muslime glauben nicht an den Christus der Christen (Gottes Sohn, Mensch geworden) sondern an den Jesus des Korans (großer Prophet, aber nur ein Mensch).

Schließlich haben muslimische Organisationen keine den deutschen christlichen Kirchen vergleichbare Organisations- und Hierarchiestruktur und sind nicht als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt.

Hindernisse des Dialoges

Es wird immer wieder der Versuch unternommen, den Dialog auf der Grundlage der eigenen Deutung der anderen Religion, nicht jedoch des Selbstverständnisses dieser Religion führen zu wollen. Das führt nicht selten zu einer Form der "Missionierung" der anderen Religion, das heißt einer "Christianisierung" des Islam oder einer "Islamisierung" des Christentums. Aus fehlender Kenntnis über die Sachverhalte findet man immer wieder schiefe Parallelen, die den Dialog wiederholt belasten. Manche Begriffe werden in der Theologie des Christentums und des Islams auch unterschiedlich verstanden.

Wenn Christen beispielsweise von einem Dialog reden, dann stehen vor allem die religiöse Dimension und theologische Inhalte im Vordergrund und dies in einem politischen Rahmen, der eine Trennung von Staat und Religion zur Grundlage seines demokratischen Systems macht. Muslime denken jedoch auf dem Hintergrund religiöser und politischer Einheit ihrer Gesellschaften, die eine Einheit von Staat und Religion vorsieht. Auch bekennen sich viele christliche Länder uneingeschränkt zu den Menschenrechten, während muslimische Länder sie nach Maßgabe des Gesetzes anerkennen und ihre eigene Islamische Menschenrechtserklärung in Kairo 1990 aufgestellt haben. Nicht zuletzt sind Themen wie Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung Probleme, die einen Dialog auf der Grundlage eines gemeinsamen Wertekonsenses erschweren.

Ausblick

Schwierigkeiten bereitet dem christlich-muslimischen Dialog besonders nach dem 11. September 2001 die zunehmende Wahrnehmung der Muslime als Gefahr für die westliche Zivilisation und als Feind der christlich geprägten Kultur. Die inzwischen zum dritten Mal einberufene Islamkonferenz durch den Bundesinnenminister soll helfen, Irritationen und ein zunehmendes "Feindbild Islam" durch einen institutionalisierten christlich-muslimischen Dialog abzubauen.

2007 wurde außerdem die christlich-muslimische Friedensinitiative gegründet. Sie strebt ein möglichst breites Bündnis aller Seiten an, die sich für Integration und Verständigung einsetzen. Unter dem Motto "Integration gemeinsam schaffen" will sie gemeinsame Werte suchen und Zeichen setzen für ein friedliches Zusammenleben.

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