Lamya Kaddor im Chat

"Islamischer Religionsunterricht in die Schule"

Islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache - das ist das Thema von Lamya Kaddor.
Im "Forum am Freitag"-Chat stand sie eine Stunde lang Rede und Antwort.

Lamya Kaddor


Frage: Warum müssen die Schüler den Koran in der Koranschule auf Arabisch lesen lernen und nicht in ihrer jeweiligen Muttersprache?


Lamya Kaddor: Das liegt daran, dass Muslime glauben, der Koran ist Gottes Wort. Da wir dieses Wort nicht verfälschen wollen, lesen wir den Text im Original, um so möglichen Übersetzungsfehlern zu entgehen. Den arabischen Originaltext benötigen wir nur zu kultischen Handlungen wie das Pflichtgebet. Sonstige freiwillige Gebete kann man auch gerne in einer anderen Sprache sprechen.


Frage: Im Online-Interview wurden Sie gefragt, wie die Eltern darauf reagiert haben, dass Sie den Islamunterricht in deutscher Sprache gehalten haben. Leider sind Sie wegen der Kopftuchfrage nicht weiter darauf eingeganen.


Lamya Kaddor: Nun ja, anfangs war es nicht ganz einfach, den Islam auf Deutsch zu vermitteln, weil es ungewohnt war, sich über seine "orientalische" Religion in deutscher Sprache zu äußern. Zumal Religion ja meist in der Moschee oder unter Glaubensbrüdern oder -schwestern in der Muttersprache besprochen wird, war es gewöhnungsbedürftig. Jetzt freuen sich die Eltern sehr darüber, dass sich ihre Kinder auch auf Deutsch äußern können.



Frage: Ich schätze den Islam, aber er gehört nach Arabien, nicht nach Europa. Sie wollen keine Christen dort, wir keine Mohammedaner hier. Ist das nicht richtig?



Lamya Kaddor: Damit machen Sie Muslimen, die hier geboren sind und sich sehr wohl fühlen, als Deutsche das Leben ganz schön schwer!



Frage: Das Kopftuch kann auch ein Kampfsymbol sein, daher gehört es verboten. Ebenso wie das Hakenkreuz.


Lamya Kaddor: Das müssen Sie mir erklären, wie kann das Kopftuch von Musliminnen ein Kampfsymbol sein? Die Nonnentracht der Ordensschwester ist ja auch kein Kampsymbol, oder?


Frage: Gibt es ein Recht auf Islamischen Religionsunterricht wie auch für evanglischen und katholischen Unterricht?


Lamya Kaddor: Prinzipiell gibt es dieses Recht schon, allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden, um dieses Recht zu beanspruchen. So müssen die Muslime in der BRD einen einheitlichen Ansprechpartner formen, um mit einer Stimme für den Islam zu sprechen (ähnlich den Kirchen).


Frage: Spielt die historisch-kritische Exegese im Islamunterricht eine Rolle? Zumindest ansatzweise bzw. im Unterricht der Oberstufe?


Lamya Kaddor: Die historisch-kritische Lesart spielt eine Rolle, zumindest altersgerecht. Natürlich müssen Zeitpunkt, Umstände und Gesellschaft der damaligen Zeit berücksichtigt werden, um den Koran und seine göttlichen Aussagen zu verstehen.



Frage: Was versteht man genau unter den Aleviten?



Lamya Kaddor: Islamwissenschaftlich gehören die Aleviten zu den Schiiten. Allerdings gibt es im Alevitentum mehrere Richtungen: Es gibt türkische Aleviten, die sich von den syrischen Aleviten unterscheiden. Es gibt Aleviten, die sich als "alevtische Muslime" verstehen, und wiederum andere, die sagen, dass das Alevitentum eine eigenständige Religion ist, die aus dem Islam hervorgegangen ist.


Frage: Können Verständniss und Vertrauen im Unterricht aufgebaut werden?


Lamya Kaddor: Ich denke, das ist Sinn und Zweck eines jeden (Religions-)Unterrichtes, dass man den anderen so akzeptiert, wie er ist. Ich denke, das kann ein Islamunterricht ganz alleine nicht leisten, sondern dieser Toleranzgedanke muss in jedem Unterrichtsfach angewendet werden.


Frage: kann man die Schüler nicht selbst entscheiden lassen, ob sie den Unterricht wahrnehmen wollen oder nicht ?


Lamya Kaddor: Wie im christlichen Unterricht überlässt man es den Schülerinnen und Schülern, sich für diesen Unterricht an- bzw. abzumelden. Bei Kindern unter 14 Jahren müssten das die Eltern entscheiden.


Frage: ich finde es wichtig und gut, dass sie Kindern und Jugendlichen mit muslimischen Wurzeln helfen, ihre Religion besser zu verstehen und somit ihr Leben hier auch besser gestalten zu können, sie fühlen sich so akzeptiert und wissen, dass es für sie hier einen Platz gibt.


Lamya Kaddor: Jeder, der hier als muslimischer Deutscher geboren wird, weiß, wie wichtig es ist, in der Schule gleichberechtigt behandelt zu werden und er weiß, dass dies allerdings in den letzen Jahrzehnten aus politischen Gründen nicht möglich war beziehungsweise ist.



Frage: Nach welchen Richtlinien werden die Lehrer für den Islam-Unterricht ausgebildet? Es gibt ja verschiene Rechtsschulen?



Lamya Kaddor: Meinen Sie an der Uni?


Frage: Vor allem das Prophetenvorbild und die Scharia finde ich problematisch. Man sollte das nicht schönreden. Und doch ist Aufklärung nötig.


Lamya Kaddor: Tatsächlich benötigt der Islam eine Art "Auklärung", die er eigentlich schon längst hinter sich gebracht hat und den Weg für die europäische Aufklärung bereitet hat. Allerdings befinden sich Muslime in der Tat in einer Art Drepression.


Frage: Meine Freundin ( Muslimin) muss ihrem Mann erklären, dass ihre Kinder nichts zu befüchten haben, wenn sie zum Geburtstag bei uns eingeladen sind. Das ist schon traurig.


Lamya Kaddor: Ja, Sie haben Recht. Ich finde das auch traurig, aber das hat sicherlich auch mit der Erfahrung zu tun, die man hier macht, wenn man Muslim ist. Man wird gelegentlich unfreundlich behandelt und ich kann mir vorstellen, dass auch Muslime eine "Angst" in ihren Köpfen haben und ihre Kinder schützen wollen. Doch ich gebe Ihnen Recht, dass dies wirkilch traurig ist.


Frage: Ich bin Deutsche und habe vor sechs Jahren einen Muslim geheiratet . Ich bin zum Islam übergetreten .Seit einigen Wochen betet er auch und will ganz nach dem Islam leben. Er möchte ihn unseren Töchtern, dreieinhalb und neun Monate, auch vorleben. Ich habe jetzt Angst davor, dass meine Töchter hier in Deutschland mit Kopftuch aufwachsen.


Lamya Kaddor: Ich verstehe Ihre Angst gut, ich kann Ihnen allerdings nicht weiterhelfen. Wichtig wäre es, mit Ihrem Mann zu sprechen und ihn danach zu fragen, wie er es später mit dem Kopftuch Ihrer Töchter halten will?!


Frage: Inwieweit kommt die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Unterricht zur Sprache? Oder auf welche Art und Weise?


Lamya Kaddor: Wir leben in einer Demokratie und die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist auch im Islam verankert (Das sage ich jetzt auch auf die Gefahr hin, dass Sie vermutlich lachen werden). Allerdings gibt es immernoch Muslime, die das nicht ganz umsetzen.



Frage: Ihre Bemühungen in allen Ehren, aber das, was Sie vermitteln wollen, ist nicht mehr der Islam, welcher vor 1400 Jahren von Propheten Mohammad überbracht worden ist. Da Sie zurecht moderne Werte wie Gleichbehandlung von Menschen und Toleranz und Säkularität vermitteln. Diese Werte sind jedoch viel besser in Staatskunde oder Gesellschaftskunde untergebracht.



Lamya Kaddor: Der Sinn meines Unterrichts liegt darin, muslimischen Kindern und Jugendlichen den Islam in seiner Theologie und seiner Umsetzung aufzuzeigen. Also was steht in den Quellen und wie gehen wir damit um? Ergeben sich Probleme etc. Ich glaube, darin unterscheidet sich mein Unterricht nicht von einem anderen Religionsunterricht.


Frage: Allgemein finde ich, dass es schwierig ist für die Muslime, da es viele verschiedene Richtungen gibt. Wir (die Muslime) müssen eine Einheit bilden, die wir dann weitergeben können. Wir müssen versuchen den Weg des Propheten zu gehen und nicht den Islamischen Glauben splitten lassen. Wie es zum Beispiel die Terror-Gruppen machen. Nach dieser Einheit wird man uns besser verstehen können.


Lamya Kaddor: Das mit der Einheit ist gar nicht so einfach, weil der Islam nicht darauf angelegt ist, möglichst einheitlich zu erscheinen. Es zählt vielmehr der Gedanke: Einheit in Vielfalt! Allerdings macht uns der besagte §7, Abs. 3 einige Probleme, da wir so etwas schaffen müssen, was theologisch nicht vorgesehen ist.


Frage: Warum gibt es einen extra Muslim-Unterricht? Ist nicht ein Unterricht, der einen Überblick über alle Religionen lehrt, sinnvoller?


Lamya Kaddor: Das lässt sich so leicht sagen. Ich bin davon überzeugt, dass man erst "gemeinsam" Unterricht machen kann, wenn man seinen eigenen Glauben gut kennt, um einen anderen Glauben kennen zu lernen. Da sind uns die christlichen Schüler voraus. Die haben seit Jahrzehnten ihren Unterricht, Muslime allerdings müssen diesen erstmal für sich bekommen.


Frage: Frau Lamya Kaddor, würden Sie mir zustimmen, dass ein Islamischer Religionsunterricht, der an deutschen Schulen stattfindet, auch eine Basis darstellt, um Vorurteile gegenüber Muslimen abzuschaffen?


Lamya Kaddor: Wenn es etwas schaffen könnte, einige Vorurteile abzubauen, dann sicherlich ein Islamischer Religionsunterricht. Schließlich dürfen auch Nicht-Muslime in den Unterricht wie umgekehrt auch. Außerdem unterrichte ich zum Teil gemeinsam mit meinen christlichen Kollegen Religionsunterricht im Klassenverband.



Frage: Besteht die Notwendigkeit, konvertieren zu müssen, wenn ein Nicht-Muslim eine Muslimin heiraten will?



Lamya Kaddor: Nach klassischer Theologie ist dies tatsächlich so vorgesehen. Das hat natürlich einen Grund: Zur Entstehungszeit des Islam musste der Vater als Stammesoberhaupt sich um die (religiöse) Erziehung der Kinder kümmern. Deshalb ist es muslimischen Männern erlaubt, nicht-muslimische Frauen zu heiraten und nicht umgekehrt. Heute sieht dies in der Praxis tatsächlich etwas anders aus, so dass die Erziehungsaufgabe im Wesentlichen der Mutter zukommt. Es gibt hier und da auch bereits andere Lehrmeinungen.


Frage: Frau Kaddor, welche Ziele/Werte verfolgen sie mit ihrem Religionsunterricht, abgesehen von der reinen Koranlehre?


Lamya Kaddor: Die Ziele, die man in einem andern Religionsunterricht auch hat: -Spiritualität als Wert; - Kritikfähigkeit, Meinungsverschiedenheiten akzeptieren und konstruktiv damit umgehen etc.


Frage: Verbesserungen der allgemeinen Bildungssituation könnten bereits ein enormer Schritt in die richtige Richtung sein. Je höher der Bildungsgrad, desto ausgeprägter das kritische, differenzierte Denken. Und Glauben lässt sich durchaus mit Wissen vereinbaren.


Lamya Kaddor: Das sehe ich genau so. Den besten Beweis dafür, dass Bildung vieles ausmacht, sehen sie, wenn Sie mich in der Schule besuchen kommen.


Frage: Die Sunna ist äußerst problematisch und sollte doch im Religionsunterricht deutlich in Frage gestellt werden. Hier ein Beispiel: Ein Mann trat zum Judentum über. Der Muslim Muad verfolgte ihn mit dem Todesurteil des Propheten Mohammed: Ich werde mich nicht hinsetzen, bis ich ihn umgebracht habe; dies ist das Rechtsurteil des Gesandten Allahs. (aus: Sahih Al-Buhari, Auszüge, Islamische Bibliothek, Köln 1989, S. 749)


Lamya Kaddor: Das ist einer der beliebten Verse und Aussprachen, wenn es darum geht, den Propheten und sein Handeln in Frage zu stellen. Sie sollten immer die geschichtlichen HIntergründe für solche Aussagen beachten. Nichtsdestotrotz denke ich, dass kein Muslim heute so mit Nicht-Muslimen umgehen darf.


Frage: Frau Kaddor, gibt es denn neuerdings klassische, moderne, oder barrocke Theologie? Der Koran ist maßgeblich und nicht das, was WIR gerne durchsetzen möchten


Lamya Kaddor: Dann haben Sie wohl die einige hundert Jahre andauernde Exegeseliteratur (die sich im Laufe der Zeit natürlich angepasst hat) ausgeblendet.


Frage: In den Lehrplänen für den christlichen Religionsunterricht sind ökumenische Projekte vorgeschrieben. Gibt es in Ihrer Schule solche Projekte, an denen der Islamunterricht teilnimmt oder miteinbezogen wird?


Lamya Kaddor: Ja durchaus, vor allem, wenn es um Feiertage geht, die man gemeinsam gestalten kann oder um das Verständnis des anderen.


Frage: Möchten Sie, dass sich Muslime integrieren oder der Islam?Muslim-Recht befürchtet ja, dass die Rechtssprechung nicht mehr ausschließlich bei Allah, sondern beim Grundgesetz liegen soll?


Lamya Kaddor: Natürlich möchte ich, dass sich Muslime integrieren, allerdings muss man Ihnen auch Angebote (seitens der Mehrheitsgesellschaft) machen, um diese auch anzunehmen.


Frage: Die Korandeutung sollte man an die heutige Zeit anpassen


Lamya Kaddor: Es gibt natürlich ein feststehendes Gerüst, an dem nicht zu rütteln sein wird, aber der Islam passt sich auch der Zeit an.


Frage: Der Islam ist eine universelle Religion. Die Sunna als solches darf man nicht in Frage stellen. Die Sunna entspricht Gottes Willen.


Lamya Kaddor: Die Sunna ist eine Wissenschaft für sich, worüber sich übrigens viele Muslime streiten .


Frage: Ich musste meine ganze Schullaufbahn in den Ethikunterricht ! Wenn ich mir vorstelle, ich hätte in den Islamunterricht gekonnt, würde ich jetzt viel mehr über meine Religion wissen!


Lamya Kaddor: Ich durfte in den Türkischunterricht, dann in den Deutsch-Förderunterricht (mit Kindern, die eben erst nach Deutschland kamen) und dann im Unterricht in der Ecke sitzen, bis ich endlich in den Philosophie-Unterricht durfte. Also auch kein glücklicheres Los.


Frage: Steht der Koran als direkt von Allah gegeben über unserem Grundgesetz für Sie?


Lamya Kaddor: Die Frage stellt sich mir persönlich nicht, weil das Grundgesetz unser Staatssystem ist und der Koran eine Idealvorstellung von einem Gottestaat trägt, den es nirgendwo auf der Welt gibt. Deshalb stellt sich mir diese Frage überhaupt nicht. Ich bin sehr glücklich mit unserer Demokratie.


Frage: Frau Kaddor, wie sieht ihr Lehrplan aus?


Lamya Kaddor: Schule: alterspezifische Inhalte, wie zum Beispiel "Drogen" in Klasse 9 und das Thema "Rechtschulen" in Klasse 10, aber auch "Miteinander leben" in Klasse 5 (übrigens auch im christlichen Curriculum).


Frage: Im Endeffekt werden Religionen nur überlebensfähig sein, wenn sie sich auf ihre Kernaussagen konzentrieren: friedliches Miteinander, Menschlichkeit. Religion sollte meiner Ansicht nach ein gesundes Gegengewicht zur nüchternen Faktenwelt sein, sozusagen Raum für zeitlose humanistisch-moralische Werte sein. Keine Religion darf den Anspruch auf Staatsführung erheben.


Lamya Kaddor: Das sehe ich prinzipiell auch so. Was den Islam betrifft, so kann es (und es gibt ihn ja auch jetzt nicht) keinen Gotteststaat geben, weil man eine Person benötigte, auf die der Konsens aller Muslime liegt und das ist wohl eine Sache der Unmöglichkeit.


Frage: Wieso setzt sich der Islamunterricht in den deutschen Schulen nicht durch?


Lamya Kaddor: Das Problem liegt in §7, Abs. 3 GG. Nur eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft hat einen Anspruch auf Religionsunterricht. Da wir diesen Ansprechpartner (der die Mehrheit aller Muslime in Deutschland repräsentieren soll) nicht haben, kann es den Unterricht nicht geben. Die meisten Muslime sind nicht Mitglied in einem Verband.


Frage: Inwiefern nehmen auch deutsche Schüler an dem Islamunterricht teil?


Lamya Kaddor: Tatsächlich nehmen einige deutsche SchülerInnen an meinem Unterrich teil. Dies ergab sich anfangs von alleine, da ich die anderen LehrerInnen aus Krankheitsgründen vertreten musste. Mittlerweile wollen relativ viele in den Unterricht, doch der Schulleiter fand das nicht mehr so lustig und diese Schüler sitzen jetzt nur noch in Vertretungsstunden in meinem Unterricht. Ich versuche aber relativ häufig, gemeinsam mit Kollegen zu unterrichten.

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