Mohammed in Europa

Der große Unbekannte

Vor einigen Jahren ereignete sich in der norditalienischen Stadt Bologna folgender Vorfall: Die Polizei nahm eine Gruppe marokkanischer Muslime fest, weil sie verdächtigt wurden, einen Anschlag auf die Basilika San Petronio vorbereitet zu haben. Sie hätten, so die Polizei, ein darin enthaltenes Fresko zerstören wollen, auf dem der Prophet Mohammed in der Hölle dargestellt wird. Das im gotischen Stil gehaltene Fresko ist im 15. Jahrhundert entstanden. Geschaffen wurde es von dem Künstler Giovanni da Modena, der bei seinem Werk von dem italienischen Dichter Dante inspiriert wurde. Dieser gab in seiner "Göttlichen Komödie" die im Mittelalter beherrschende Vorstellung über Mohammed wieder: Beim Gang durch die Hölle sieht Dante den Propheten mit aufgeschlitztem Bauch. Diese Vorstellung ist nur ein Beispiel dafür, wie man lange Zeit über Mohammed in Europa gedacht hat: Kaum eine andere Gestalt der Weltgeschichte ist im christlichen Abendland so negativ dargestellt worden.

Schon sehr früh begannen die Theologen in den Reihen der orientalischen Christen, sich mit der Person Mohammeds auseinanderzusetzen. So stammt eine der frühesten Schriften über den Islam aus der Feder des orthodoxen Theologen Johannes von Damaskus. Anfang des achten Jahrhunderts verfasste er ein großes dogmatisches Werk, in dem er sich auch über die Muslime äußert. In seinem Traktat bezichtigte der christliche Theologe Mohammed als "falschen" Propheten, der eine Irrlehre ins Leben gerufen habe. Ein folgenschwerer Vorwurf denn von hieran wurde das Prädikat "Pseudoprophet" zur Standardbezeichnung Mohammeds in unzähligen Werken christlicher Polemik gegen den Islam.

Jahrhundertealte religiöse Konkurrenz

Entscheidend für die Beschäftigung mit der Person Mohammeds sowie ihrer negativen Beurteilung war für die christlichen Theologen jedoch vor allem die Konkurrenzsituation: Im Vergleich zu Jesus sollte Mohammed abgewertet werden. Den Grund dafür nennt die vor einigen Jahren verstorbene Bonner Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel: "Weil er eben der Gründer einer Religion war, die nach dem Christentum kam, und da es nach dem Christentum nach christlicher Auffassung keine andere Offenbarung geben kann - denn das Christentum ist für alle Menschen geschickt worden - da war es völlig unmöglich, dass jemand eine andere Religion begründete, und die auch noch zu allem Unglück für die Christen erfolgreich war."

Im Mai 1453 eroberten die Türken Konstantinopel, die letzte Bastion des alten oströmischen Reiches. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts waren die türkischen Armeen auf den Balkan vorgestoßen. Kurze Zeit später standen sie vor Wien. Ein Gefühl der Bedrohung breitete sich in Europa aus. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Islams sowie auf die der Person Mohammeds.

"Schütz uns vor der Türken Mord"


In Deutschland war es vor allem Martin Luther, der diese Ängste formulierte, so der Journalist und Islamkenner Salim Abdullah: "Es gibt ja ein berühmtes Kirchenlied: 'Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort', was heute also noch sehr, sehr gerne in den Kirchen gesungen wird. Das hieß in der ursprünglichen Fassung 'Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort und schütz uns vor der Türken Mord, die Jesum Christum, Deinen Sohn, stürzen wollen von seinem Thron'. Mit dem Thron Jesu Christi war Wien gemeint, da ja das Schwert des Kaisers die weltliche Macht der Kirche war. Und deswegen hat Luther ja auch die evangelische Ritterschaft aufgerufen, tapfer gegen die Türken zu ziehen."

Martin Luther Quelle: dpa


Mohammed, der bislang als der Prophet der Araber galt, wird jetzt zur Verkörperung der türkischen Bedrohung. Und als Luther, der sein Wissen ausschließlich durch die Lektüre italienischer Autoren bezogen hatte, 1542 erstmals eine Übersetzung des Korans liest, bezichtigt er Mohammed als falschen Propheten, der seine Offenbarungen vom Teufel erhalten habe und bezeichnet ihn als den "Anti-Christ", erläutert der Erlanger Islamwissenschaftler und Mohammed-Biograph Hartmut Bobzin: "Im 16. Jahrhundert hat Luther die Auffassung gehabt, nicht nur er alleine, dass eben die Türken ein Zeichen der nahenden Endzeit sind, also des nahenden Weltendes. Luther war zutiefst davon überzeugt, dass, wenn nicht er das Weltende selbst erlebt, aber zumindestens seine unmittelbaren Nachkommen. Und wenn man in einem solchen Denkschema verharrt, dann findet man natürlich in der Bibel eine Reihe von Parallelen und kann dann eben auch die Türken und den Islam einordnen, so merkwürdig uns heute eine solche Argumentation erscheinen mag. Aber für Luther zum Beispiel war es die einzige vernünftige Möglichkeit, die Türken in sein Geschichtsbild einzuordnen."

Erste positive Darstellungen

Doch gab es im Abendland keineswegs nur negative Mohammedbilder: So eröffneten sich im Zeitalter der Aufklärung neue Sichtweisen, vor allem dank der Veröffentlichung einer immer größer werdenden Zahl arabischer Originaltexte, so Hartmut Bobzin: "Man findet zum Beispiel in der Mitte des 17. Jahrhunderts schon durchaus Darstellungen der islamischen Geschichte, die eben jetzt auf authentischen islamischen Quellen beruhen."

Eine erste positive Bewertung der Person Mohammeds fand in Europa im frühen 18. Jahrhundert statt: Henri de Boulainvilliers, ein französischer Adliger, stellte in seinem Werk zum ersten Mal den Propheten des Islam als positive Kraft dar. Dies beeinflusste im Laufe des Jahrhunderts auch andere Dichter und Denker, allen voran Johann Wolfgang von Goethe: "Seit Goethe erscheint der Prophet in der deutschen Literatur nicht mehr als die Unperson, als der Rachsüchtige und Sinnliche, sondern er wird in seiner Einzigartigkeit als Gefäß des göttlichen Wortes und als Führer seiner Gemeinschaft gesehen. Es sind natürlich nur wenige, die das getan haben", erklärt die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel.

Vorurteile bleiben bis heute

Doch auch wenn europäische Gelehrte und Literaten seitdem bemüht waren, ein positiveres Bild Mohammeds zu zeichnen, gelang es ihnen nicht, viele der jahrhundertealten Vorurteile zu beseitigen, räumt der Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin ein: "Wenn Sie einmal eine Quizsendung sehen und Fragen zum Islam hören, oder was mir so an Fragen bei Vorträgen gestellt wird, muss man eben nach wie vor davon ausgehen, dass eigentlich sehr wenig über Mohammed und das Leben Mohammeds bekannt ist. Es ist eben nicht viel mehr als ein Name, mit dem sich bestimmte Begriffe wie Eroberer, vier Frauen, oder noch mehr Frauen, verbinden, und sicher das bloße Faktum: Gründer des Islam. Aber sehr viel mehr Einzelheiten sind im öffentlichen Bewusstsein nicht da. Man kann eigentlich sagen, Mohammed ist der große Unbekannte der Weltgeschichte."

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