Muslimisch, weiblich, deutsch

Lamya Kaddor will liberalen Muslimen eine Stimme geben

Muslimisch, weiblich, deutsch - drei Attribute, die auf die 31 jährige Islamwissenschaftlerin und Autorin selbst gut zutreffen. Muslimisch - da sie als Kind syrischer Eltern in den muslimischen Glauben hineingeboren wurde und ihn auch praktiziert hat. Weiblich - da sie trotz oder gerade wegen ihres Glaubens als gläubige Muslimin ohne Kopftuch auftritt. Deutsch - da sie nicht nur im westfälischen Ahlen geboren ist, sondern sich auch als deutsche Muslimin fühlt und versteht. Doch Lamya Kaddor ist mehr, als diese Attribute zu verstehen geben.

Lamya Kaddor
Lamya Kaddor Quelle: ZDF


"Nicht der Islam ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie er ausgelegt wird" - an diesem Satz wird deutlich, was Kaddor kritisiert. Sie will ein zeitgemäßes Verständnis des Islam - einem Islam, der zwar auf einem jahrtausende alten heiligen Buch, dem Koran, basiert, den man aber - abgesehen von ewig gültigen Geboten wie den fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Wallfahrt, ... ) - in unserer heutigen Zeit zeitgemäß interpretieren müsse.

Moderner Islam

Viele andere Islamwissenschaftler sind mit einer solchen Forderung nicht nur gescheitert - sie wurden auch persönlich bedroht bis hin zu zwangsgeschieden (wie zum Beispiel Nasr Hamid Abu Zaid). "Wenn der Islam sich nicht ändert, dann werden wird uns immer weiter von im entfernen. Wir werden immer weniger von ihm verstehen und ihn irgendwann vergessen", so die Religionspädagogin. Das sagt sie nicht nur so, sondern lebt es auch vor. Gerade in der "K-Frage", wie sie es nennt. Lamya Kaddor trägt kein Kopftuch und drückt damit auch ihre Forderung nach einer Weiterentwicklung (Idjtihad) im Islam aus: "Ohne die Verknüpfung von Zeit und Religion lässt sich keine Religion in einer modernen Gesellschaft einfügen" - so ihr Credo.

Dabei spielt Bildung für Lamya Kaddor eine unverzichtbare Rolle im Kampf gegen Extremismus und für eine bessere Integration. Als eine der wenigen Religionspädagoginnen lehrt sie an der Hauptschule am Volkspark in Dinslaken Islamkunde in deutscher Sprache. Eine wichtige Aufgabe, denn Islamunterricht leistet, so Kaddor, einen wichtigen Beitrag zur Integration und gleichzeitig zur Identitätsfindung. Umso bedauerlicher, dass es noch keinem Bundesland gelungen ist, Islamischen Religionsunterricht flächendeckend einzuführen.

Islamkonferenz nur symbolisch

Nicht zuletzt kritisiert Kaddor in ihrem Buch die Deutsche Islamkonferenz, die über eine symbolische Funktion nicht hinausgeht. Und das nicht nur, weil die dort teilnehmenden Verbandsfunktionäre nur circa 10-20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren. "Es fehlt wie so oft in den Debatten die Stimme der muslimische Mitte", moniert Kaddor. Oftmals sei es auch bei gesellschaftlichen Debatten wie dem derzeitigen Streit um "Islamkritik" so, dass auf der einen Seite fundamentale Gegner des Islam (Henryk M. Broder, Necla Kelek, Seyran Ates) Position bezögen und auf der anderen Seite konservative Vertreter des Islam. Hier bleibt die neutrale Stimme "liberalgläubiger" Muslime (wie Kaddor selbst) ungehört.

Darüber hinaus räumt sie in ihrem sehr lesenswerten und mit allerlei persönlichen Erfahrungen gespickten Buch mit allerlei Vorurteilen auf und bietet selbst für Muslime viele Wissenswertes über den Islam: So steht das Alkoholverbot so nicht im Koran. Dort steht in Sure 5, Vers 90, dass der Genuss von Wein (khamr) verboten ist. Erst im Laufe der Zeit, so Kaddor, kam die Frage nach dem Verzehr anderer alkoholischer Getränke auf. Dann untersuchten Philologen sowie Theologen den koranischen Begriff Khamr und stellten fest, dass die Wurzeln des Begriffs etwas Berauschendes bezeichnen. Später wurde per Analogieschluss, einem wichtigen Rechtsinstrument, sämtlicher Genuss von berauschenden Wirkstoffen in Speisen und Getränken verboten. Ein weiteres Plädoyer Kaddors für eine permanente Weiterentwicklung islamischer Gebote und Verbote.

Bücher von Lamya Kaddor

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