Muslimische Kinder und Jugendliche in der Schule

Handreichungen für Lehrer in der Kritik

Im Büro von Wolf-Jürgen Karle steht seit Tagen wegen der vielen Presseanfragen das Telefon nicht mehr still. "Das Ding kocht jetzt im Wahlkampf richtig hoch", stöhnt der Sprecher des SPD-geführten Bildungsministeriums in Mainz. Ende März sind in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen, und das Ding, das Karle meint, ist das Faltblatt mit dem Titel "Muslimische Kinder und Jugendliche in der Schule", das die Landesregierung vor wenigen Wochen herausgegeben hat. Es enthält Empfehlungen dazu, wie Lehrer beispielsweise mit den islamischen Feiertagen, dem Fasten im Ramadan, aber auch mit der Frage nach der Teilnahme an Klassenfahrten oder dem gemeinsamen Schwimm-und Sportunterricht umgehen sollen.

Antiaufklärerische Tipps?

Muslimische Schülerin
Muslimische Schülerin Quelle: imago

"Im Laufe der vergangenen Jahre hatten wir diesbezüglich immer wieder Anfragen von Lehrern und haben dort eine gewisse Verunsicherung gespürt. Daher haben wir uns entschlossen, alle Informationen, Rechtsgrundlagen und Handlungsempfehlungen in einem Faltblatt zusammenzufassen", so Karle.Bislang seien mehr als 7000 Exemplare an die Schulen verteilt worden. "Die Resonanz ist durchweg positiv", weiß Karle. Erstellt wurde die Broschüre von einer Arbeitsgruppe, in der Vertreter der Muslime, aber auch der katholischen und evangelischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde saßen. Die darin enthaltenen Empfehlungen gehen beispielsweise dahin, das Fach Sexualkunde "in geschlechtshomogenen Gruppen" und den Sportunterricht "ab der Pubertät nach Geschlechtern getrennt" anzubieten. Klassenfahrten sollen "möglichst nicht" während des Fastenmonats Ramadan stattfinden.

Grund für die CDU in Rheinland-Pfalz, sich empört zu zeigen. Ihre Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Julia Klöckner, nennt die Empfehlungen "antiaufklärerisch" und "am islamischen Geschlechterbild" orientiert: "Wer den islamischen Regeln gerecht zu werden versucht, ohne zu differenzieren, der findet sich auch mit der Ungleichbehandlung von Mann und Frau ab", so die studierte Theologin. Dies sei ein Schlag ins Gesicht für alle muslimischen Frauen, die für Aufklärung, Freiheit und Gleichbehandlung kämpften.

Philologenverband kritisiert Leitfaden

Und auch der Bezirksvorsitzende des Philologenverbandes Mainz, Bernd Werner, kritisiert den Leitfaden: "Wir wollen in unseren Schulen die jungen Menschen zu mündigen Bürger erziehen. Wie sollen wir das erreichen, wenn sie nicht ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und wir sie in Watte packen?", wundert sich der Pädagoge.

Die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Naime Cakir hat den rheinland-pfälzischen Leitfaden mit entworfen. Die Türkin, die sich selbst als liberal ausgerichtet einordnet, begründet die Empfehlungen: "Auch wenn ich privat einige Dinge anders handhabe, so war es unsere Absicht, Rechtskonflikte zu vermeiden, indem wir im Vorfeld Lösungsvorschläge anbieten".

Klagen mit wechselndem Erfolg

Tatsache ist, dass strenggläubige muslimische Eltern immer wieder in den vergangenen Jahren gegen die Teilnahme ihrer Kinder am Sport- oder Schwimmunterricht oder an Klassenfahrten bundesweit geklagt haben - mit wechselndem Erfolg. Der Erlanger Jurist und Islamwissenschaftler Prof. Mathias Rohe sieht dabei in jüngster Zeit eine neue Tendenz: Habe man früher das Elternrecht und die Religionsfreiheit hervorgehoben, betone man nun stärker den Erziehungsauftrag des Staates.

Rohe findet dies konsequent. Vor 15 Jahren glaubte man noch, dass viele Muslime in ihre Heimatländer zurückkehren. Heute weiß man, dass sie bleiben und Teil der deutschen Gesellschaft werden müssen. "Das verstärkt den Anpassungsdruck", sagt Rohe. Der Wissenschaftler warnt jedoch davor, auf härtere Urteile oder neue Gesetze zu bauen, sondern plädiert "für pragmatische Lösungen".

Das Gespräch suchen

Ähnlich sieht dies Jürgen Micksch vom Interkulturellen Rat in Darmstadt. Der Soziologe hat schon 2006 bei der Ausarbeitung des Informationsfaltblattes in NRW "Muslimische Kinder in der Schule" mitgewirkt. Auch er rät den betroffenen Lehrern, das Gespräch mit den Eltern zu suchen - und sich dabei im besten Fall von einem Muslim begleiten zu lassen, der nicht nur zwischen beiden Parteien vermitteln, sondern auch die Eltern bei Fragen zum muslimischen Glauben aufklären kann: "Manche Moslems wissen zum Beispiel gar nicht, dass der Koran es erlaubt, Gebete nachzuholen, so dass das Kind nicht unbedingt in der Schule beten muss."

Für ihn liegt die Herausforderung vor allem darin, die Eltern zu motivieren, an der Schulausbildung ihrer Kinder teilzuhaben. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, weiß er: Sprachprobleme seien nur eine der vielen Ursachen, warum Eltern kaum Interesse an der Ausbildung ihrer Kinder zeigen.

Milli Görüs gegen Faltblatt

In der Auseinandersetzung um das Faltblatt hat sich mittlerweile auch der muslimische Verband "Milli Görüs" zu Wort gemeldet. Die Organisation ist nicht gerade bekannt für ihre liberale Haltung in Sachen Islam. Ihr Generalsekretär Oguz Ücüncü lehnte jedoch im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Focus" die jüngsten Empfehlungen des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums ab: "Wir Muslime beanspruchen keine Sonderrechte", so der Funktionär.

Er habe Probleme, "wenn Kultusministerien über die Köpfe der Muslime solche Kataloge herausgeben", und spielt dabei auf ähnliche Handreichungen in Hessen, Berlin und Nordrhein-Westfalen an. Doch Ministeriums-Sprecher Karle hält dagegen: Man habe mit dem Faltblatt nur einen sensiblen Umgang mit dem Thema anregen wollen. Und spielt den Ball gleich zurück in das Feld des politischen Gegners: Die in dem Faltblatt enthaltenen Empfehlungen gingen schließlich auf die Beschlüsse der Deutschen Islam Konferenz zurück.

Diese hatte 2009 in ihrem Abschlusspapier einen ähnlichen Umgang mit muslimischen Schülern angeregt. Vorsitzender der Islamkonferenz damals: Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble, bekanntermaßen CDU-Mitglied. In Rheinland-Pfalz herrscht momentan Wahlkampf: Doch die Diskussion über den Umgang mit der religiösen Praxis muslimischer Schüler an deutschen Schulen ist zu heikel und zu wichtig, um für politische Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet