Muslimischer Antisemitismus

Die Thesen der Studie der Antonio-Amadeu-Stiftung

"Die Juden sind schuld" - das ist nicht nur ein gängiges antisemitisches Ressentiment. Es ist der Name einer neuen Studie, die den Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus untersucht hat. Herausgeber der Studie sind die Amadeu-Antonio-Stiftung und das Zentrum für demokratische Kultur. Sie kommen zum Ergebnis, dass unter jungen Muslimen antijüdische Vorurteile erheblich stärker ausgeprägt sind als in der nichtmuslimischen Vergleichsgruppe.

Juden dienen als Sündenbock für das Gefühl der Ausgrenzung, für persönliche und gesellschaftliche Probleme. "Du Jude" benutzen muslimische Jugendliche häufig als Schimpfwort, so die Studie. Daneben werden Stereotype , wie etwa vom reichen Juden, unreflektiert aufgegriffen.

Kein religiöser Antisemitismus

Die Studie zeigt jedoch, dass der Antisemitismus nicht religiös motiviert ist. "Man darf nicht pauschal von einem religiös motivierten, muslimischen Antisemitismus sprechen." Um ihren Forderungen mehr Gewicht zu verleihen, verweist die Studie auf Untersuchungen des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2007. Demnach stimmten von 500 befragten deutschen Muslimen 15,7 Prozent dem Satz zu: "Menschen jüdischen Glaubens sind überheblich und geldgierig". Die Zustimmung zu diesem Vorurteil war zwar damit doppelt so hoch wie bei anderen Einwanderungsjugendlichen und fast dreimal so hoch wie bei der deutschen Altersgruppe.

Doch aktueller Antisemitismus unter jungen Muslimen habe eher eine fragmentarische Form als die eines festen und kompletten Weltbildes. Antisemitische Äußerungen seien "Ventile", die "Zorn, Unmut und Weltschmerz in aggressiver Weise" zum Ausdruck bringen. Die Studie des Innenministeriums aus dem Jahre 2007 kommt weiterhin zum Ergebnis, dass zwei Gruppen für radikale Positionen empfänglich sind: bildungsferne, junge Muslime, die in der Gesellschaft weitgehend chancenlos sind und eine kleine Gruppe gut ausgebildeter Vordenker. Interessant ist hierbei, dass gerade die, die über Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft und Islamophobie klagen, ihrerseits die Juden ausgrenzen.

Projektionsfläche Nahost

Zerstörte Häuser
Zerstörte Häuser in Gaza Quelle: reuters


Antisemitismus hat in der muslimischen Bevölkerung sehr unterschiedliche Ursachen, sagt die Extremismus-Expertin Claudia Dantschke, die Mitautorin der Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung. "Ausgeprägt sind antijüdische Tendenzen etwa bei rechtsextremen Türken oder Arabern, deren Familien vom Nahost-Konflikt betroffen sind. Den Nahostkonflikt geben viele als Motiv ihrer Äußerungen an - Juden und Israelis werden hierbei jedoch als Synonyme verwendet. Eine "empfundene Ungerechtigkeit" grassiere vor allem unter Jugendlichen libanesischer und palästinensischer Herkunft. Viele junge Muslime unterschiedlicher ethnischer Herkunft sehen in den Palästinensern Glaubensgeschwister, die von Israel unterdrückt werden. In diesem Zusammenhang wird selten ein Unterschied zwischen Juden und Israelis beziehungsweise dem Staat Israel gemacht.

Die in einigen Gruppen als Schimpfwort verwendete Bezeichnung "Du Jude", und die damit verbundenen Stereotype und Meinungen dienen als Projektionsfläche für muslimische Jugendliche mit Identitätskonflikten. Diese Probleme ergeben sich aus mangelnder Integration und einem Fremdheitsgefühl gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft, so die Studie. Die kollektive Verurteilung "der Juden" und die Dämonisierung Israels bietet vielen Jugendlichen somit eine identitätstiftende Grundlage. Die Autoren der Studie warnen jedoch davor, im Umgang mit Jugendlichen pauschalisierende Aussagen zu treffen. Nicht jede anti-israelische beziehungsweise antizionistische Haltung ist gleich als Ausdruck eines kompletten antisemitischen Weltbilds zu werten.

Rolle der Medien

Gespeist werden antisemitische Ressentiments nicht selten von Inhalten arabischer Medien wie dem in Deutschland inzwischen verbotenen Pro-Hizbullah Sender Al-Manar. Eine oft einseitige Berichterstattung trägt dazu bei, antisemitische Klischees zu verbreiten. Hier bedarf es insbesondere in der Jugendarbeit qualifizierter Pädagogen, so die Studie, um diesen Tendenzen entgegenzuarbeiten. In der Jugendarbeit sollten dabei die Perspektiven der Jugendlichen nicht moralisch verurteilt, sondern anerkannt werden. Hierbei ist es wichtig, dass die "arabische Perspektive" auf den Nahostkonflikt gewürdigt wird.

Verzerrten Darstellungen aus der reinen Opferperspektive müssen allerdings andere Perspektiven entgegen gesetzt werden. Es muss deutlich werden, dass die Jugendliche und ihre Familien nicht nur Opfer, sondern in erster Linie auch Akteure in schwierigen Verhältnissen sind. Dazu braucht es an Pädagogen und Pädagoginnen, die eine große Sensibilität, aber auch Wissen und Kenntnisse über Geschichte und Gegenwart mitbringen. Diese professionellen Ansprechpartner müssen die Verantwortungsübernahme und die Medienkompetenz der Jugendlichen fördern. Es liegt aber auch an den Pädagogen und Pädagoginnen selbst, ihre eigenen Einstellungen und Identifikationen kritisch zu hinterfragen.

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