Mystischer Islam

Askese, Meditation und die Liebe zu Gott

Der Sufismus gilt allgemein als islamische Mystik. Die Mystiker wurden Sufi (Wollbekleidete) genannt und sehen ihre Lehre in einem engen Zusammenhang mit der islamischen Tradition. Für viele ist der Sufismus die innere Dimension des Islam. Die Lehre des Sufismus besteht darin, Gott (und somit auch der Wahrheit) so nahe wie möglich zu kommen. Der Kern des Sufismus ist demnach die innere Beziehung zwischen dem Liebenden (Sufi) und dem Geliebten (Gott).

tanzender Derwisch Quelle: ZDF

Durch die Liebe wird der Sufi noch im diesseitigen Leben zu Gott und zur Wahrheit geführt. Die mystische Gotteserfahrung ist der Zustand des Einsseins mit Gott. Hierzu verfolgen die Sufis in ihrer Lehre vier Stufen, die in der Auslöschung der sinnlichen Wahrnehmung, der Aufgabe des Festhaltens an individuellen Eigenschaften, dem Sterben des Ego und schließlich der Auflösung des Einzelnen im göttlichen Prinzip bestehen. Ziele der islamischen Mystik sind das Entwerden des Ich, die Versenkung in Gott und den Propheten.

Durch Tanz und Musik zu Gott

Die Sufis versuchen durch tägliche, regelmäßige Meditation (das sogenannte Dhikr, das Gedenken an Gott) Gott nahe zu kommen. Während des Dhikr lesen die Sufis bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl göttlicher Attribute. Ein Dhikr, der bei allen Sufis Anwendung findet, ist das Wiederholen des ersten Teils des Glaubensbekenntnisses "La illaha il-Allah" (Es existiert kein Gott außer Gott). Dabei kommen die Sufis häufig in einen Trancezustand. Einige Sufi-Gemeinschaften wie die Mevlevi-Ordensgemeinschaft sind auch für ihre sich in Trance tanzenden und drehenden Derwische bekannt.

Die islamische Mystik (Tasawwuf) entwickelte sich im 9. Jahrhundert in verschiedenen kulturellen Zentren der islamischen Welt, besonders in Mesopotamien. Sie wurde durch christliche, persische und indische Einflüsse geprägt. Sie blieb jedoch unverkennbar islamisch, denn sie beruft sich ausdrücklich auf den Koran und die Verhaltensweisen im Islam.

Askese führt zu Gott

Der mystische Weg zu Gott ist vor allem mit asketischen Übungen wie Fasten und Beten verbunden und ist gekennzeichnet durch Gottesfurcht und Gottvertrauen (Tawakkul), Reue und Armut. Die Mystiker sprechen von Übergeben (Taslim) und Anvertrauen (Tafwid). In der konkreten Lebensführung heißt das unter anderem Gleichgültigkeit gegenüber Gefahren oder Verzicht auf Erwerbstätigkeit. Die ersten Sufis soll es nach muslimischer Tradition schon zu Lebzeiten des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert gegeben haben. Einer der ersten einflussreichen Sufis war der Asket Hassan Al-Basri. "Ich bin die Wahrheit (ana al-haqq) und ich bin der, den ich liebe und der den ich liebe, bin ich, also Gott" - dieser Satz und andere Provokationen machten aus dem persischen Sufi Al-Halladsch im neunten Jahrhundert den ersten Sufi-Märtyrer.


Solche ketzerischen Äußerungen ließ sich der orthodoxe Islam nicht gefallen. Ende des 11. Jahrhunderts schaffte es der berühmte Theologe Al-Ghazzali durch eine Abmilderung der radikalen Askese der frühen Sufis und einer Systematisierung des sufischen Gedankenguts, dem Sufismus einen Platz im orthodoxen Islam einzuräumen. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die Dogmatik einem Gottesbewusstsein wich, das dem Herzen entspringt. Die Liebe zu Gott war jetzt legitim, aber sie tat der Transzendenz Gottes keinen Abbruch. Doch blieb das Verhältnis zur Orthodoxie gespannt und immer mehr sahen sich die Mystiker gezwungen, ihre Lehre zu einem esoterischen System zu entwickeln und dadurch der strengen Kontrolle der Orthodoxie zu entgehen. Ibn-Arabi, der großer Mystiker aus Andalusien, sah die ganze Welt als eine von Gott geschaffene Einheit. Seine Ideen über "Wahdat al-Wudschud", der Einheit des Seins, begründeten maßgeblich die Sufi-Metaphysik mit.

Sufistische Ordensgemeinschaft

Sufismus - Derwische tanzen Quelle: ,ap


In der sufischen Tradition ist es bedeutend, dass das Wissen durch eine lebendige Linie übertragen wird und so haben sich Sufis der geistigen Führung eines Sheikh oder Lehrers anvertraut. Der Sheikh leitet mit seinen Derwischen den Dhikr und vollführt spirituelle Übungen. Nach und nach vertrauten sich immer mehr der Führung großer Mystiker an und so entstanden im 12.Jahrhundert die ersten Sufi-Gemeinschaften (Tariqa).


Eine der bekanntesten Ordensgemeinschaften ist die der Mevlevis, die auf den Sufipoeten Djalal ad-Din Rumi zurückgeht. Die Derwische dieses Ordens praktizieren den Dhikr mit religiöser Musik und vollführen den bekannten Derwischtanz. Häufig entwickelten sich diese Mystikergruppen aber auch zu Massenorganisationen und der Übergang zu volksreligiösen Vorstellungen wurde fließend. Den Führern der Bruderschaften wurden Wundertaten zugesprochen und viele glaubten, die üblichen Gebote und Verbote des Islam seien nicht mehr gültig. So bildeten sich in einigen Fällen auch gesetzesfeindliche Vorstellungen heraus.

Kritik des orthodoxen Islam

Obwohl der Sufismus seit der Frühzeit einen zentralen Teil der islamischen Kultur ausmacht und sowohl in Unterschichten als auch bei Herrschenden und Gelehrten verbreitet war, rief vor allem die Idee der Eins-Werdung mit Gott die Vertreter des orthodoxen Islam auf den Plan. Sie sahen die Einzigartigkeit und die Transzendenz Gottes durch die Sufis verleugnet. Sie empfanden sie gar als Gotteslästerung. Auch die im Sufismus übliche Musik ist immer wieder zentraler Kritikpunkt orthodoxer Muslime, weil sie, so das Argument, nicht mit der koranischen Offenbarung vereinbar sei. Die Musik aber ist Bestandteil des Dhikr, denn in den Liedern werden die Namen Gottes rezitiert oder die Liebe zu Gott und dem Propheten besungen. Viele Kritiker sind der Meinung, dass Musik, Tanz und ähnliche Formen der Meditation heidnischen Ursprungs und daher unislamisch seien.

Verfolgung von Sufis

Sufis wiederum behaupten, dass der Prophet Mohammed bei seinem Einzug in Medina vom Volk mit Musik empfangen wurde. Trotzdem werden bis heute sufische Lehren und Praktiken von zahlreichen Muslimen geschätzt. Die Auswirkungen des Sufismus sind nicht nur auf die islamische Welt beschränkt geblieben. Viele Werke auch der westlichen Literatur haben sufische Wurzeln. So bestätigte der Schriftsteller Cervantes, dass sein Don Quixote sufische Wurzeln hat. Auch in Deutschland finden viele Konvertiten den Weg zum Islam über die Verbindung zu einer sufischen Bruderschaft.
Im April 2006 setzen iranische Bassiji-Milizen Gebets- und Wohnhäuser von rund 1200 Derwischen in der heiligen Stadt Qom und in anderen Gebieten des Iran in Brand. Nach Meinung von Sufi-Gelehrten geht es der iranischen Regierung darum, die Derwisch-Bewegung auszulöschen. Und das, obwohl der Nematollah-Derwisch-Orden zur Shia zählt, die im Iran Staatsreligion ist. Hintergrund könnte nach Aussage von Beobachternsein, dass das Regime von Mahmud Ahmadinejad die weltoffene Auslegung des Koran durch die Derwische verbunden mit Tanz und Musik, die besonders unter der jungen Bevölkerung im Iran zunehmend Anhänger findet, als Bedrohung empfindet.

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