Nach 40 Jahren immer noch am Anfang

Türken in Deutschland nicht vollständig integriert

In Deutschland leben zurzeit rund 2,5 Millionen Türken. 700.000 davon besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Laut Angabe des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden waren es am 31. Dezember 2006 1.738.831 Menschen ohne deutschen Pass, davon 920.861 Männer und 817.970 Frauen. Damit stellen die Türken die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland dar - vor den Italienern und den Polen. 1960, als die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, waren es noch 2700 Personen.

Bis zum Beginn der achtziger Jahre war die Zahl auf 1.462.400 gewachsen. Dennoch: Nach 40 Jahren Einwanderung haben Deutsche und Türken immer noch wenige Berührungspunkte. Und: Ein sozialer Aufstieg der Türken ist kaum absehbar.

Viele Arbeitslose in der Stahlindustrie

Den Ergebnissen einer Studie aus dem Jahre 2004 zufolge kommen 85 Prozent der Türken in Deutschland noch immer aus sozial schwachen Schichten. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen finden sie seltener Arbeit und üben weniger qualifizierte Berufe aus.

Flucht in die Selbstständigkeit

18 Prozent aller türkischen Haushalte in Deutschland bezogen damals Arbeitslosen- oder Sozialhilfe. Die Arbeitslosenquote bei den Türken lag zu jener Zeit bei 20 Prozent - das Doppelte des deutschen Durchschnittswertes. Begründet ist dies dadurch, dass viele Türken in der Stahlindustrie beschäftigt waren; mit dem Sterben der Stahlhütten verloren sie ihre Jobs.
Das Renteneintrittsalter liegt bei Türken mittlerweile bei 50 Jahren - was eine Folge der körperlich schweren Tätigkeiten ist, in denen sich viele verschlissen haben. Zudem vermelden Ärzte eine Zunahme von Depressionskrankheiten.

Seit der Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft in den siebziger und achtziger Jahre blieb vielen Türken nur die Flucht in die Selbstständigkeit. Obstläden und Döner-Buden entstanden in großer Zahl. Knapp 57.000 türkische Firmen gibt es heute, die meisten aber sind nur kleine Familienbetriebe.

Viele junge Türken ohne Abschluss

Doch zunehmend erschließen sich die türkischen Unternehmer Branchen wie Bau, Handwerk und IT. Gehörten bei türkischen Firmen im Jahr 2000 noch 19,2 Prozent zum Dienstleistungssektor, sind es heute 22,2 Prozent - Tendenz steigend. Die Haupterklärung dafür liegt im gestiegenen Bildungsgrad der zweiten Einwanderergeneration gegenüber dem der ersten.


Insgesamt gibt der Bildungsgrad der Türken aber Anlass zur Sorge. Während 21 Prozent der deutschen Schüler die Hauptschule besuchen, sind es von den türkischen 40 Prozent - und 15 Prozent verlassen die Schule gar ohne jeglichen Abschluss. Im Jahr 1999 waren 49 Prozent der Türken unter 21 Jahren Schüler. 1995 betrug dieser Anteil noch 63 Prozent, zehn Jahre zuvor 86 Prozent.

Türken auch an die Hochschulen

Dies lässt den Schluss zu, dass Bildung als Gut - besonders für gesellschaftlichen Erfolg - bei den Jugendlichen und ihren Familien eine immer geringfügigere Rolle spielt. Problematisch ist auch, dass sich seit 1993 der Trend zu qualifizierten Schulabschlüssen verlangsamt und im Falle der Hochschulreife sogar eine Umkehrung erfährt. Im Gegensatz dazu nehmen die höheren Abschlüsse bei Deutschen immer mehr zu.

Allerdings: Mittlerweile studieren 24.000 Türken an deutschen Hochschulen, vor allem Recht und Ingenieurswesen. Sie stellen 1,4 Prozent aller Studierenden und acht Prozent aller 18- bis 25-jährigen Türken. Im Vergleich zu Deutschen eine bescheidene Zahl, die jedoch - bei beruflichem Erfolg - die Grundlagen für einen höheren Bildungsdurst nachfolgender Generationen schafft.

Ehen zwischen Türken und Deutschen

Zu den Bildungsproblemen kommt hinzu, dass Gewalt in türkischen Familien doppelt so häufig auftritt wie in deutschen. Dies könnte auch ein Grund sein, dass der dadurch aufgebaute Druck auf der Straße offensichtlich weitergegeben wird: Die Kriminalitäts-Statistik von 2001 weist 24,9 Prozent Ausländer - von denen der größte Teil türkischstämmig ist - als Tatverdächtige auf, obwohl ihr Anteil an der Wohnbevölkerung bei neun Prozent liegt.


Doch es tut sich mittlerweile etwas beim Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken. Ein Beweis dafür ist die steigende Zahl an binationalen Ehen. Gab es im Jahr 1991 noch 4429 deutsch-türkische Eheschließungen, stiegen sie 2002 auf 7625 - bei annähernd gleich großem türkischem Bevölkerungsteil.

Immer noch viele Zwangsheiraten

Dieser Trend setzt sich positiv ab im Vergleich zu Eheschließungen zwischen Deutschen und Italienern, Griechen, Spaniern und Portugiesen: Diese ehemaligen "Gastarbeiter"-Kulturen vermelden stagnierende Zahlen von Ehen mit Deutschen. Allerdings bleibt auch hier ein speziell türkisches Problem seit Jahren bestehen: das der Zwangsverheiratungen. Über sie gibt es keine Erhebungen, doch vermutet Seyran Ates, eine Berliner Anwältin, die viele Scheidungsfälle bearbeitet, eine hohe Dunkelziffer. "Bei 30 Prozent aller türkischstämmigen Eheschließungen gibt es richtigen Zwang", sagt sie.


Dennoch: Das Bild der Türken hat im Laufe der Jahre eine andere Gestalt angenommen. Wurden sie in den Achtzigern, als Günter Wallraff Sozialreportagen über "Ganz unten" schrieb, gemeinhin als Opfer gesehen, differenziert sich jetzt diese Wahrnehmung. Türken gewinnen mittlerweile für Deutschland internationale Filmpreise und sind als Schriftsteller, Musiker und Sportler gesellschaftlich anerkannt.

Integration nimmt zu

Auch passt der Eindruck der schleichenden Gettoisierung kaum noch: Sie erstreckt sich auf wenige Straßenzüge in wenigen Städten - wo sie allerdings immer dramatischere Züge annimmt, da Deutsche zunehmend diese Quartiere verlassen.

Über die Hälfte aller Türken lebt indes nicht mehr in sogenannten "türkischen Vierteln". Stattdessen erwerben sie immer mehr Immobilien und planen ihr Altwerden in Deutschland. Eine Umfrage in Nordrhein-Westfalen zeigte, dass sich immer mehr Türken in Vereinen zusammen mit Deutschen engagieren und dass interkulturelle Freundschaften zunehmen.

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