Ohne Ramadan und ohne Moschee

Wer sind die Aleviten?

Die Aleviten sind eine Minderheit innerhalb der islamischen Welt. Die Mehrzahl von ihnen lebt in der Türkei: Von den 68 Millionen Einwohnern des Landes bezeichnen sich über 20 Millionen Menschen türkischer, turkmenischer, kurdischer und arabischer Herkunft als Aleviten. Mit fast 25 Prozent der Bevölkerung stellen sie in dem vorderasiatischen Land die zweitgrößte Religionsgruppe nach den Sunniten dar. Außerdem leben Aleviten in den Balkanländern Albanien, Bulgarien, Kosovo und Mazedonien. Ihre Zahl wird dort auf etwa 300.000 geschätzt. Die Aleviten sind eine Religionsgemeinschaft, die dem schiitischen Islam nahesteht. Die Bezeichnung "Aleviten" leitet sich von dem Namen des Cousins und Schwiegersohn des Propheten Muhammad, Ali, ab.

Alewiten im Park beim Saz-Spielen Quelle: Glaser

Die Aleviten verehren Ali - ebenso wie die Schiiten - als heilige Person. Innerhalb des Islam verstehen sich die Aleviten jedoch als eine eigenständige Konfession. Mit den Muslimen teilen die Aleviten zwar das Glaubensbekenntnis, dass es keinen Gott außer Gott gibt und dass Muhammad Sein Gesandter ist, und genauso wie die Schiiten fügen sie diesem Bekenntnis den Zusatz hinzu, dass Ali Gottes Freund ist.

Aleviten: Muslime ohne Moschee

Alewitische Frauen beim Beten Quelle: reuters


Doch die restlichen Elemente der für alle Muslime verbindlichen "fünf Säulen des Islam" haben für die Aleviten keine Bedeutung. So lehnen sie es ab, in Moscheen zu beten, da Ali in einer Moschee getötet wurde. Sie treffen sich stattdessen für ihre religiösen Rituale in einem Versammlungshaus, "Cemevi" genannt. Geführt werden sie von den "Dedeler" oder "Ältesten" kraft deren Autorität. Der Alevit ist aufgerufen, in eigener Verantwortung eine Ethik der Friedfertigkeit, "der Reinheit des Mundes, der Hand und der Lenden" zu verwirklichen.

Bei den Riten der Aleviten werden religiöse Hymnen und Gebete vorgetragen, die oft auch von ihren großen, der anatolischen Volksmystik nahestehenden Dichtern stammen. Dabei hat auch die Musik, gespielt auf der Saz oder anatolischen Laute, eine wichtige Rolle: Da die Aleviten über keine heiligen Schriften verfügen, werden ihre religiösen Traditionen mündlich weitergegeben. Frauen und Männer beten bei den Gottesdiensten grundsätzlich zusammen. Außerdem fasten die Aleviten im Gegensatz zu den Sunniten und Schiiten nicht im Monat Ramadan, sondern in den ersten zwölf Tagen des islamischen Monats Muharram. Diese Zeit ist mit einer Trauer verbunden, mit der die Aleviten ihre Verbundenheit mit Husain, dem Enkel des Propheten Muhammad, zum Ausdruck bringen möchten, der genau in diesen Tagen des Monats Muharram im Jahre 680 in Kerbala ermordet wurde.

Ethische Ideale statt Scharia


Auch die anderen "Säulen", die Armensteuer und die Pilgerfahrt nach Mekka, haben für die Aleviten keine Bedeutung. Außerdem lehnen sie die Scharia, die islamische Rechtsordnung, ab, deren Gebote und Regeln für sie nur Äußerlichkeiten darstellen. Wichtiger sind für die Aleviten Werte wie Toleranz und soziale Gerechtigkeit sowie das ethische Ideal, reinen Herzens zu sein. So lautet ein wichtiger Ausspruch der Aleviten: "Der wahre Glauben ist im Herzen, nicht auf der Zunge." Hierbei zeigt sich deutlich der starke Einfluss der islamischen Mystik auf das Alevitentum, der auf die Anfänge der alevitischen Glaubensgemeinschaft zurückgeht.

Gegründet wurde das Alevitentum von Hadschi Bektasch Veli, einem aus Zentralasien stammenden Wanderprediger, der im 13. Jahrhundert unter der anatolischen Landbevölkerung seine Vorstellungen von einem mystisch geprägten heterodoxen Islam verbreitete. Er fand schnell viele Anhänger und wurde der Namenspatron des nach ihm benannten Derwischordens der Bektasi. Ausdruck ihrer Zugehörigkeit war das Tragen einer roten Kopfbedeckung, aufgrund derer sie auch als "Kizilbasch", "Rotköpfe", bezeichnet wurden. Erst im 19. Jahrhundert wurde diese durch die Bezeichnung "Aleviten" vedrängt.

Verfolgte Aleviten

Die volkstümlich-mystische, durch die Ablehnung religiöser Dogmen gekennzeichnete Religiosität der Aleviten führte sie immer wieder in die Opposition zur traditionellen sunnitischen Orthodoxie im Osmanischen Reich und drohte dieses durch zahlreiche Aufstände in seinen Grundfesten zu erschüttern. Unter den osmanischen Herrschern wurden die Aleviten daher über Jahrhunderte hinweg als Ketzer verfolgt, weswegen sie ihren Glauben nur im Verborgenen praktizieren konnten. Dies erschwerte die Aufnahme neuer Mitglieder und hatte zur Folge, dass Eheschließungen mit Nicht-Gruppenmitgliedern verboten wurden. Außerdem wurde die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft an die Voraussetzung der Abstammung geknüpft: Alevit konnte nur derjenige werden, der als Kind von Aleviten geboren wurde.


Das Verhältnis zwischen den verstreuten alevitischen Gemeinden und der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung war schon zu jener Zeit auf beiden Seiten durch Ablehnung und Misstrauen geprägt - Basis für die religiöse Diskriminierung, unter der die Aleviten auch heute noch in der Türkei zu leiden haben. Auch die von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk eingeleiteten Reformen in Hinsicht auf eine Säkularisierung der Türkei brachten für die Aleviten keine Verbesserung ihrer Situation, denn der sunnitische Islam blieb die einzig anerkannte islamische Richtung im Land. In der Türkei ist es in den vergangenen Jahrzehnten zwischen der sunnitischen Mehrheit und der alevitischen Minderheit immer wieder zu Spannungen gekommen.
Höhepunkt waren die Ausschreitungen im Sommer 1993, als in der Stadt Sivas im Osten der Türkei 37 alevitische Intellektuelle bei einem Hotelbrand getötet wurden, den fanatisierte Sunniten gelegt hatten. Bis heute warten die Aleviten in der Türkei auf ihre offizielle Anerkennung als Religionsgemeinschaft.

In Deutschland anerkannt

Einen Status, den die rund 500.000 in Deutschland lebenden Aleviten zumindest schon teilweise erreicht haben: In fünf Bundesländern - Berlin, NRW, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg - genießen sie seit kurzem den Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft. Damit verbunden ist das Recht auf eigenen Religionsunterricht in den Schulen, der in Berlin und Baden-Württemberg bereits erteilt wird

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