Probleme mit der Integration?

Samir Nasr: "Es ist viel unter den Teppich gekehrt worden."

Samir Nasr hat im "Forum am Freitag" über das Leben in zwei Kulturen gesprochen. Sie haben Ihre Fragen an Samir Nasr in den thematischen Foren gestellt. Die Antworten auf Ihre Fragen können Sie jetzt nachlesen.

Samir Nasr - Der Regisseur im Porträt


Frage: Warum haben gerade Muslime (Türken) so große Schwierigkeiten mit der Integration?



Samir Nasr: Das würde ich so nicht sagen. Ihre Probleme mit der Integration sind zur Zeit einfach viel präsenter in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion. Und sicher haben einige schlimme Einzelfälle, wie zum Beispiel die "Ehrenmorde" in Berlin, dazu geführt, dass nur eine bestimmte Religions- bzw. Volksgruppe unter den Verdacht fällt, Schwierigkeiten mit der Integration zu haben.


Ich erinnere mich, dass es während meiner Zeit in Ludwigsburg dort große Probleme mit den Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion gab und es genauso hieß, sie hätten enorme Probleme mit der Integration. Ich denke, es gibt immer Probleme, wo sehr unterschiedliche Lebensstile und Auffassungen von Gesellschaft, Religion usw. aufeinandertreffen. Wahrscheinlich ist da in der Vergangenheit auch vieles unter den Teppich gekehrt worden, mit dem wir uns jetzt auseinandersetzen müssen.



Frage: Spielen Vereine, Verbände und Moscheevorsteher möglicherweise eine "bremsende Rolle", beispielsweise indem sie Ängste schüren, die westliche Lebensweise widerspreche dem Islam?



Nasr: Wie kann ich generell über die Verbände und Moscheevorsteher urteilen? Da fängt doch das Problem schon an, dass man sich immer einfache, allgemeine Aussagen wünscht, wie: "Die Imame sind schuld" oder "Die Deutschen haben die Integration der Gastarbeiter in den 60er Jahren verpennt und jetzt kriegen sie die Quittung". Die Dinge sind leider viel komplexer. Ich würde aber klar sagen: Wenn man der Meinung ist, dass die westliche Lebensweise dem Islam beziehungsweise den eigenen Vorstellungen absolut widerspricht, dann sollte man sich fragen, warum man dann in dieser Gesellschaft leben möchte.


Aber auch Unterschiede in der religiösen Auffassung müssen doch nicht zwangsläufig zu Konflikten und Gräben in der Gesellschaft führen. Ich denke, es gibt vielfältige Möglichkeiten für ein friedliches, tolerantes Zusammenleben. Da sind alle Seiten gefragt: Die Deutschen, indem sie ihre Ängste und Vorurteile abbauen und die Moslems, indem sie sich auf das tolerante, friedliche und liebevolle Erbe des Islam besinnen.

Kultiviertes Deutschland


Frage: Frau Ates behauptet, dass sich ca. 80 Prozent der Türken hier nicht "zu Hause" fühlen. Gibt es auch etwas, was Muslime an Deutschland und den Deutschen gut finden, was ihnen in Deutschland und an den Deutschen gefällt?



Nasr: Auch da kann ich nicht für alle Muslime sprechen. Ich kann aber sagen, was ich persönlich an Deutschland mag - und das ist bei aller Kritik vieles, sonst würde ich hier nicht leben. Am allerwichtigsten finde ich die persönliche Freiheit des Individuums, sein Leben nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Die gesellschaftlichen Zwänge sind hier sehr viel geringer als in vielen anderen Ländern. Das ist ein großes Privileg, wenn Menschen ihre Erfahrungen machen können - ohne ständig ein schlechtes Gewissen zu haben wegen der gesellschaftlichen Zwänge - und selbst herausfinden, wie sie leben möchten.

Sehr wichtig finde ich den Schutz der Menschenwürde jedes einzelnen Menschen, die schon das Grundgesetz in Artikel 1 an erste Stelle setzt. Ich mag sehr, wie in Deutschland Kunst und Kultur geschätzt und wahrgenommen werden, nicht nur von staatlicher Seite, sondern von vielen Menschen. Wenn man zum Beispiel in Berlin über Monate im voraus keine Karten für die Philharmonie bekommt, sich bei Ausstellungen auch in der Kälte lange Schlangen bilden und bei der Berlinale alle Vorstellungen ausverkauft sind, dann erzählt das viel über den Grad an Kultiviertheit einer Gesellschaft. Sicher gibt es auch viele Menschen, die dazu überhaupt keinen Bezug haben, aber eben auch sehr viele, die damit etwas anfangen können.


Dazu gehört auch, dass es ein starkes Geschichtsbewusstsein gibt und den Willen, die eigene Geschichte selbstkritisch zu betrachten und Lehren daraus zu ziehen, aber auch verantwortungsvoll mit dem Erbe der letzten Jahrhunderte umzugehen. Deshalb finde ich den Abriss des Palastes der Republik einen absoluten Skandal, weil er im Umgang mit der DDR-Geschichte eine revisionistische Einstellung offenbart, die gar nicht zu Deutschland passt.

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