Ramadan: "Eine sehr besinnliche Zeit!"

Lamya Kaddor im Chat

Ramadan: Das heißt für die Musliminnen und Muslime in Deutschland von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und nichts trinken. Lamya Kaddor gibt im "Forum am Freitag"-Chat Auskunft über diese, wie sie sagt, besinnliche Zeit.

Lamya Kaddor beim "Forum am Freitag-Gespräch" über den Ramadan. Quelle: ZDF


Frage: Liebe Frau Kaddor, fällt Ihnen das Fasten schwer?



Lamya Kaddor: Na ja, na klar fällt es mir bis zu einem gewissen Grade schwer, aber der Körper und die Psyche gewöhnen sich doch relativ schnell dran. Vor dem Ramadan ist man immer unsicher, ob man das schaffen wird, aber dann klappt es doch besser als geplant.



Frage: Man kann sich ja auch vom Fasten freikaufen, indem man Almosen gibt. Finden Sie das eine gute Regelung?



Kaddor: Man kann sich nicht wirklich freikaufen. Jedenfalls nicht so, wie Sie das jetzt möglicherweise verstehen. Man kann eine Ersatzhandlung vornehmen, wenn man genügend Gründe hat, um das Fasten zu unterlassen.



Frage: Welche Gründe sind das denn, die akzeptiert werden und wer entscheidet darüber?



Kaddor: Einer der möglichen Gründe könnte sein, dass man starke Kreislaufprobleme bekommt. Oder jemand hat Diabetes, schweres Asthma oder ähnliches. Oft können ältere Menschen nicht mehr fasten, weil sie zu schwach werden. Es gibt also genügend Gründe, das Fasten nicht zu pflegen. Wer das entscheidet? Nun, das Individuum, wenn es denn genügend Vernunft hat. Ansonsten gibt es islamische Theologen, die können bei der Entscheidung helfen.



Frage: Glauben Sie, fasten ist gesund ? Sollte man die Regeln, zumindest beim Trinken, nicht modifizieren ?



Kaddor: Das Fasten ist nicht gesund, es ist aber auch nicht ungesund, wenn man dafür sorgt, ausreichend Flüssigkeit nach dem Fastenbrechen zu sich zu nehmen. Allerdings könnte ich mir eine Modifizierung für die sehr anstrengenden Sommertage schon vorstellen. Denn bis 22 Uhr zu fasten und vier Stunden Zeit zu haben, um zu essen und zu trinken, halte ich nicht für ausreichend und in dem Falle vielleicht wirklich etwas ungesund. Denkbar wäre es, bis 20 Uhr zu fasten oder zumindest 12 bis14 Stunden täglich - wie jetzt auch.

Angepasste Regeln für Euro-Muslime?


Frage: Wie lange sollen die Muslime, die in Nordländern leben, fasten?



Kaddor: Für diese Menschen gibt es Sonderregelungen, weil die Sonne (sechs Monate keinen Sonnenuntergang bzw. sechs Monate kein Tageslicht) ihnen ein Strich durch den Ramadan macht. Soweit mir bekannt, fasten diese Menschen "nur" zwölf Stunden.



Frage: Der Ramadan bedeutet auch, dass man neben dem Fasten sich intensiver der Religion widmet. Muslime im Westen könne dies nicht tun, da sie arbeiten müssen. Was sollen sie Ihrer Meinung nach machen?



Kaddor: Vergleicht man die Situation der (fastenden) Muslime im Westen mit denen in islamischen Ländern, geht es den Muslimen in islamischen Ländern besser, weil sie natürlich den Alltag dem Ramadan anpassen können. Hier ist es schwierig. Viele versuchen, die Überstunden, die sie haben, in dieser Zeit abzufeiern oder Urlaub zu nehmen. Wenn das alles nichts bringt, könnte vielleicht ein Gespräch mit dem Arbeitgeber etwas bringen. Ansonsten heißt es wohl für uns: in den sauren Apfel beißen. Das kennen wir in Deutschland, wenn es ums Fasten geht. Ich habe jahrelang gefastet, während ich gearbeitet habe oder in der Schule oder an der Uni war ...



Der Ramadan fordert Willensstärke


Frage: Sie bilden religiösen Nachwuchs aus und sind auch federführend bei der Vermittlung der islamischen Religion in Deutschland. Was macht Sie stark, den Ramadan durchzuhalten und den täglichen Versuchungen zu widerstehen? Wie vermitteln Sie anderen diesen starken Willen??


Kaddor:Das ist eine gute Frage. Bitte glauben Sie mir, dass ich vor jedem Ramadan Sorge trage, ob ich es überhaupt schaffen werde. Der Hunger macht mir wirklich nicht viel aus, auch weniger der Durst (der natürlich hier und da mal auftaucht), aber die Konzentration lässt natürlich stark nach - zumindest ab 16 Uhr bei mir. Bei der Vermittlung ist es nicht ganz so einfach. Ich denke - und das vermittle ich auch so -, dass nur der fasten soll, der wirklich glaubt, es aushalten zu können. Wenn der Ramadan bzw. ein Schwächegefühl sich komplett auf den Alltag auswirkt, dann denke ich, dass es nicht gut ist, zu fasten und man sollte schauen, das Fasten für eine Weile zu reduzieren.


Wichtig ist doch, dass man nichts tut, wenn man es nicht kann oder nicht überzeugt davon ist. Man muss darüber reden, wie es jeder für sich sieht, was der Ramadan bedeutet und ob man das auch machen will bzw. kann. Dann kann und muss jeder für sich selbst entscheiden. Die meisten meiner Schüler kommen mit dieser Art der Vermittlung sehr gut klar.



Frage: Als ich als junger Schüler mich wegen des Fastens vom Sportunterricht zeitweise befreien lassen wollte, wurden mir Konsequenzen auf meine Schulnote angedroht.
Hat es für Sie persönlich in Deutschland je Situationen während des Ramadans gegeben, in denen Sie sich mehr Rücksicht gewünscht hätten?



Kaddor: Natürlich, wer kennt das nicht, dass man in der Vorlesung oder im Unterricht sitzt und man zwölf Stunden gefastet hat und nichts trinken oder essen darf, weil der Dozent dafür kein Verständnis hat. Oder man ist auf Fachtagungen über den Islam, die alle im Ramadan stattfinden und dann gibt es auch noch ein riesiges Mittagsbuffet ... alles schon erlebt. Aber die Frage ist ja, wie gehen wir damit um? Ich denke, dass man Geduld haben muss und miteinander reden muss. Wenn wir Verständnis für den Anderen aufbringen, wird er oder sie (inshaallah) auch für uns Verständnis aufbringen, oder?



Frage: In den westlichen Kulturen ist Fasten ja modern geworden, um abzunehmen. Hat das für eine Muslima auch eine Bedeutung?



Kaddor: Sicherlich spielt das für die eine oder andere Muslima eine Rolle. Was glauben Sie aber, für wie viele muslimische Männer das eine Rolle spielt. Aber um ehrlich zu sein, nehmen die meisten doch eher zu als ab, weil es dann doch zu gut schmeckt und man meint, sich Reserven anfuttern zu müssen ...

Lamya Kaddor persönlich


Frage: Ich finde es ja toll, dass Sie sich für das Forum am Freitag zur Verfügung stellen. Werden Sie dadurch in der islaminschen Community anders wahrgenommen?



Kaddor: Nun ja, wir (auch Muslime) sind ja alle Menschen, die alle eine andere Meinung über eine Sache haben dürfen. Dementsprechend gibt es Menschen (auch Andersgläubige), die mir sehr viel Mut machen und auch einige wenige, die das nicht besonders gut finden, dass ich so "liberal" bin (wobei ich betonen muss, dass ich zwar liberal bin, aber dennoch glaube und praktiziere - nur nicht ganz so, wie das einige gerne hätten). Dementsprechend kamen Emails, mit der Aufforderung, ein Kopftuch aufzusetzen, um nicht in die Hölle zu kommen, andere wiederum baten mich, zurückzugehen (meine Heimat ist Deutschland, hier bin ich auch geboren), weil ich nicht gebraucht werde. Aber ansonsten bekomme ich doch sehr viel Zuspruch, den man manchmal wirklich braucht.



Frage: Was bedeutet der Monat Ramadan für Sie persönlich?



Kaddor: Der Ramadan bedeutet für mich persönlich eine ganze Menge. Es ist eine Art Ausnahmezustand. Eine Zeit, in der man sich ausschließlich Gott widmet, aber vor allem auch seinen Mitmenschen - egal, welcher Religion sie angehören.

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