Religionsfreiheit und Apostasie im Islam

Dem Glauben den Rücken kehren

Die Religionsfreiheit ist eines der elementarsten Menschenrechte. Der Begriff umfasst einen positiven und negativen Aspekt. Unter positiver Religionsfreiheit versteht man, dass man die Religion frei auswählen und ausüben kann. Negative Religionsfreiheit bezeichnet die Möglichkeit, eine Religionsgemeinschaft jederzeit wieder verlassen zu können. Der Islam respektiert die Religionsfreiheit für Juden und Christen und der Koran proklamiert "Es gibt keinen Zwang in der Religion". Innerhalb der eigenen Religion verbietet der Islam den Abfall vom Glauben.

Moschee neben Kirche Quelle: epd

Für Muslime ist ein Austritt aus dem Islam oder ein Wechsel der Religion nicht vorgesehen. In einigen Ländern der islamischen Welt ist es mittlerweile zu einem Bestandteil der politischen Realität geworden: Fundamentalistische Gruppen verdächtigen Andersdenkende, vom Islam abgefallen zu sein und fordern für sie hierfür die Bestrafung mit dem Tod.

Keine Todesstrafe im Koran

Dabei sieht der Koran, das heilige Buch der Muslime, für Apostaten, also für diejenigen, die vom Glauben abgefallen sind, eine solche Strafe eigentlich nicht vor, sondern Strafen im Jenseits.
Der Prophet Muhammad jedoch soll hinsichtlich der Apostaten eine andere Meinung vertreten haben. Es existiert eine Reihe von Überlieferungen des Propheten, in denen er den Religionswechsel mit dem Tod sanktioniert haben soll. Zur Zeit des Propheten Muhammad galt in der noch jungen und relativ ungefestigten muslimischen Gemeinschaft der Abfall vom Islam als eine sehr ernste Sache. Denn nicht selten nahmen die Abtrünnigen nach ihrem Abfall den Kampf gegen den Islam auf.

Politischer Hochverrat

Daher muss nach Ansicht des Bonner Islamwissenschaftlers Stefan Wild die prophetische Aussage vor dem historischen und politischen Hintergrund relativiert werden: "Das war eine Situation, in der der Prophet politisch zu kämpfen hatte, in der er ja auch politisch, nicht nur religiös bekämpft worden ist, und da war tatsächlich das Verlassen der islamischen Gemeinschaft so etwas wie eine Art Hochverrat. Viele Staaten ahnden ja heute noch den Hochverrat unter Umständen mit der Todesstrafe."


Im islamischen Recht hat sich unabhängig davon die Meinung durchgesetzt, dass der Abfall vom Glauben mit der Todesstrafe zu verurteilen sei. Dennoch gibt es in der islamischen Geschichte wenige Fälle, wo Apostaten mit dem Tode bestraft wurden: Es gibt zwar ein Rechtsgutachten (Fatwa) der renommierten Azhar-Universität, der renommiertesten Institution des sunnitischen Islam aus dem Jahre 1978, das die Todesstrafe für Apostaten vorsieht. Aber seit Juli 2007 gibt es eine anderslautende Fatwa des ägyptischen Großmuftis Ali Gomaa, einem der weltweit angesehensten islamischen Rechtsgelehrten, die einen Religionswechsel von Muslimen ausdrücklich bejaht.

Wer gilt als abtrünnig?

Zur Feststellung des Tatbestandes der Apostasie dienen deutliche, rechtsrelevante Tatsachen. Darunter verstehen einige islamische Gelehrte: eindeutige Äußerungen oder Taten, wie beispielsweise die Nichtanerkennung der Existenz und die Lästerung Gottes. Einen besonders schweren Verstoß begeht derjenige, der sich abfällig über den Propheten auslässt oder auch unstrittige religiöse Pflichten wie die des fünfmal täglich zu verrichtenden Gebetes oder des Fastens im Monat Ramadan leugnet. Zur einwandfreien Feststellung des Tatbestandes der Apostasie gehört das Zeugnis von zwei glaubwürdigen Männern, die übereinstimmend dieselbe Aussage oder dieselbe Handlung bezeugen, aufgrund derer sie den Angeklagten der Apostasie bezichtigen.

Nasr Hamid Abu Zayd Quelle: dpa


Was den Umgang mit Apostaten in den einzelnen islamischen Ländern heutzutage betrifft, so ist die Praxis sehr unterschiedlich. In streng islamischen Staaten wie Iran, Pakistan, Saudi-Arabien oder Sudan müssen sich die Beschuldigten vor einem Gericht verantworten. Meistens bereuen die Apostaten und kehren zum Islam zurück. Dafür wird Ihnen eine Frist von drei Tagen eingeräumt. Geschieht dies nicht, wird oft versucht, die harte Todesstrafe zu umgehen, indem man den Übergetretenen als geistesgestört erklärt oder zivilrechtliche Konsequenzen androht. So kann die Ehe zwischen einem Apostaten und dem muslimischen Ehepartner aufgelöst werden, die gemeinsamen Kinder dem muslimischen Elternteil zugesprochen werden, die Erbansprüche eines Apostaten erlöschen und das Vermögen eingezogen werden.

Druckmittel gegen Kritiker

In einigen islamischen Ländern wird Apostasie auch als Vorwand benutzt, um intellektuelle und regimekritische Stimmen zu unterdrücken. Ein prominentes Beispiel ist das des Islamwissenschaftlers Nasr Hamid Abu Zayd, der aufgrund seiner kritischen Koraninterpretation zum Apostaten erklärt und zwangsgeschieden wurde.

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