Ritual oder Verstümmelung

Männliche und weibliche Beschneidung

Kultur | Forum am Freitag - Ritual oder Verstümmelung

Beschneidung meint Verschiedenes: Während sie bei Frauen eine Genitalverstümmelung ist, ist sie bei manchen Männern medizinisch geboten, bei vielen wird sie aus religiösen Gründen durchgeführt.

Beitragslänge:
12 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.07.2017, 23:59

Beschneidung meint Verschiedenes: Während sie bei Frauen eine Genitalverstümmelung ist, ist sie bei manchen Männern medizinisch geboten, bei vielen wird sie aus religiösen Gründen durchgeführt. Seit ein Gericht auch die Beschneidung bei Jungen als Körperverletzung gewertet hat, ist sie in der Kritik. Muslimische und jüdische Verbände sehen in ihr aber einen Teil ihrer Religionsausübung. "Forum am Freitag"-Moderator Kamran Safiarian spricht am 20. Juli mit dem Opfer von Genitalverstümmelung Fadumo Korn und Ayse Demir, der stellvertretenden Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Deutschlands.

Das Urteil des Kölner Landesgerichts, die männliche Beschneidung (Zirkumzision) zur Straftat zu erklären, hat einen Sturm der Entrüstung unter Juden und Muslimen ausgelöst. Die Befürworter des Jahrtausende alten Rituals sehen dabei einen weiteren Einschnitt in die Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite lehnen laut einer Umfrage viele Deutsche die männliche Beschneidung ab. Für Navid Kermani, Schriftsteller und habilitierter Orientalist, ist diese Ablehnung ein Beleg für die mangelnde Akzeptanz von religiösen Weltanschauungen.

Bundestag will Rechtssicherheit für Eltern und Ärzte

Aufgrund der seit dem Richterspruch vom 7. Mai 2012 aufgetretenen unsicheren Rechtslage sind Mediziner angehalten, bis zur Klärung keine Beschneidungen mehr durchzuführen. Die Bundesregierung hat aufgrund der Proteste versprochen, in kürzester Zeit eine Rechtssicherheit in dieser Frage wiederherzustellen. In der Sitzung vom 19. Juli 2012 haben die Union, SPD und FDP eine gemeinsame Resolution zur Regelung der Beschneidung verabschiedet, die spätestens bis zum Herbst in ein verbindliches Gesetz münden soll.

Damit soll nicht nur die freie Religionsausübung von Juden und Muslimen in Deutschland garantiert, sondern auch eine medizinisch fachgerechte Durchführung ermöglicht sowie einem „Beschneidungstourismus“ vorgebeugt werden. Die Linke-Fraktion warb indes dafür, mit der Beschneidung bis zur Religionsmündigkeit des Kindes (14 Jahre) zu warten.

Lassen sich gegensätzliche Positionen versöhnen?

Soweit die Fakten. Eine eindeutige Position zur männlichen Beschneidung zu beziehen, ist nicht einfach. Hier kollidiert das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit mit dem Recht auf Religionsfreiheit. Auch medizinische Erkenntnisse, die lange Zeit die Zirkumzision aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen befürworteten, müssen sich mit neueren Forschungsergebnissen messen, in der die bisherigen Empfehlungen relativiert und regional neu überdacht werden. Können dennoch die Positionen der Befürworter als auch die der Gegner des Beschneidungsverbots miteinander versöhnt werden?

Mit der männlichen Beschneidung wird ein Eingriff vorgenommen, in dem die Vorhaut des männlichen Glieds zum Teil oder ganz entfernt wird. Bei einem professionellen und unter lokaler Anästhesie durchgeführten Eingriff dauert der Vorgang etwa fünfzehn Minuten. Im Vergleich zur weiblichen Genitalverstümmelung, über dessen Verbot weitreichender Konsens besteht, stellt die Beschneidung keinen lebensbedrohenden Eingriff dar und die Wunde heilt innerhalb von zwei Wochen. Dennoch sprechen einige Mediziner von einem unzumutbaren Eingriff, bei dem sensible Nervenbahnen entnommen werden und so die Person im Erwachsenenalter nicht die Empfindungsfähigkeit erlangt, wie wenn sie nicht beschnitten wäre. Zu den größten Kritikpunkten zählt jedoch die Tatsache, dass einem Baby beziehunsweise dem Heranwachsenden nicht selbst die Entscheidung überlassen wird, ob er eine Beschneidung wünscht oder nicht.

Eine uralte Tradition

Die Debatte in Deutschland betrifft überwiegend Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens. Während die älteste bekannte Darstellung einer Beschneidung aus Ägypten bis ins Jahr 2420 v. Chr. zurückreicht, also mehr als 4400 Jahre alt ist, liegt im Judentum die Beschneidung als Besiegelung der Bündnis Gottes mit den Gläubigen und als unabdingbarer Bestandteil des Glaubens in der Tora, der heiligen Schrift des Judentums, im Buch Genesis 17,10 begründet. Laut Genesis 17,12 soll das Ritual zudem am achten Tag nach der Geburt vollzogen werden.
In der muslimischen Tradition ist die Beschneidung nicht durch den Koran vorgegeben. Hier wird die Tradition des Propheten Muhammad herangezogen, die für die Mehrheit der Muslime die zweitwichtigste religiöse Orientierung und Rechtsprechung nach dem Koran darstellt und seine Handlungen als Vorbild für die Muslime dient.

Weltweit viele beschnittene Männer

Weltweit ist  die Zirkumzision nicht nur aus religiösen Gründen verbreitet. So sind in den Vereinigten Staaten laut Statistik 56 Prozent und in Südkorea gar knapp 80 Prozent der männlichen Bevölkerung beschnitten.Die Zahl in den arabischen und englischsprachigen Ländern Afrikas liegt ebenfalls bei 80 Prozent. Nach Schätzungen der WHO aus dem Jahre 2007 sind demnach rund ein Drittel der Männer weltweit beschnitten.

Das Urteil des Kölner Landgerichts macht den Widerspruch deutlich, der sich in einer säkular geprägten Welt zeigt. Auf der einen Seite steht das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Auf der anderen Seite steht der für Judentum und Islam wichtige, weil identfikationsstiftende Akt der Beschneidung. Das Urteil fordert auf alle Fälle ein neues Nachdenken über einen Eingriff, der jetzt nicht mehr einfach nur selbstverständlich ist.

Weitere Informationen zur Beschneidung bei Jungen finden Sie auf heute.de im Artikel PLACEHOLDER

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