Samir Nasr im Chat

Kein faires Islambild im Film

Die Traumfabrik in Hollywood zeichnet ein verzerrtes Bild vom Islam: Damals waren es gierige Scheichs und lüsterne Haremsdamen aus 1001 Nacht, dann kamen die Terroristen. Samir Nasr, der Regisseur, spricht im "Forum am Freitag" über den Islam im Film. Im Chat stand er Rede und Antwort.

Samir Nasr - Der Regisseur im Porträt


Frage: Herr Nasr, Sie sagen: Der Islam wird im Film nicht fair dargestellt. Muss Hollywood fair sein - die Filme dort sind doch Unterhaltung?



Samir Nasr: Im Prinzip muss "Kunst" gar nichts. Aber im Falle vom Islam ging es Hollywood natürlich immer auch um die Verbreitung der Meinung der amerikanischen Politik. Insofern geht es hier nicht um reine Unterhaltung.



Frage: Welcher populäre Film in letzter Zeit war denn aus Ihrer Sicht problematisch?



Samir Nasr: In letzter Zeit ist sicher eine etwas größere Sensibilität zu beobachten. So kommt beispielsweise "Stirb langsam 4.0" komplett ohne arabische beziehungsweise islamische Terroristen aus, was bei dem Sujet durchaus zu erwarten wäre. Aber die Liste der problematischen Filme ist sehr lang, das geht von "True Lies" bis "Ausnahmezustand" oder "Indinab".

Dialog der Religionen - im Film


Frage: Wie ist es denn in den arabischen Filmen? Werden die Christen da ähnlich radikal dargestellt wie bei uns die Islamisten?



Samir Nasr: Das ist sehr unterschiedlich. Aber generell kann man schon sagen, dass gerade im ägyptischen Kino ein derartiges Feindbild so nicht existiert. Sicher auch, weil christliche Kopten schon immer Teil der ägyptischen Bevölkerung waren. Es ist interessant, wie Youssef Chahine in seinem Film "Sultan Saladin" die Kreuzfahrer dargestellt hat. Es ist ein vielschichtiges Bild, wo sich neben fiesen Figuren eben auch Sympathieträger wie Richard Löwenherz finden.


Frage: Werden Christen in arabischen Filmen überhaupt so häufig thematisiert wie Muslime bei uns: als Terroristen?



Samir Nasr: Es ist sicher so, dass das Thema sehr selten explizit auftaucht. Das hat viele Gründe: Zunächst gibt es diese ganzen Filme nicht, die aus der 1001-Nacht-Ecke kommen. Und auch die Bedrohung wurde seitens des Westens ja bis vor kurzem nicht empfunden. Aber seit den beiden Golfkriegen hat sich viel verändert, was leider auch bei einigen zu einem Feindbild geführt hat.



Frage: Kann das Kino einen Beitrag zur Verständigung der Religionen leisten?



Samir Nasr: Zunächst einmal zur Verständigung von Menschen. Auf jeden Fall. Die große Stärke des Films ist, dass er Dinge emotional nachvollziehbar macht, die wir sonst höchstens im Kopf begreifen würden, wenn überhaupt. Indem wir Menschen zuschauen, die in ganz anderen Lebensumständen leben, können wir viel nachvollziehen. Und dann wird deutlich, dass wir doch eigentlich alle dasselbe wollen: in Würde, Respekt und Frieden leben. Das mag banal klingen, ist aber angesichts der heutigen Weltlage wichtiger denn je.

Der Prophet: kein Leinwandheld


Frage: Für den Film ist es ein Problem, wenn es ein Bilderverbot gibt. Die meisten Jesusfilme sind Schrott. Sind Sie froh, dass der Prophet Mohammed nicht dargestellt werden darf? Weil das vor üblen muslimischen Movies schützt?



Samir Nasr: Das ist ein sehr sensibles Thema. Generell bin ich absolut gegen Verbote in der Kunst oder Zensur. Aber was das Verbot der Darstellung des Propheten und anderen Heiligen betrifft, so ist das ein unumstößliches Prinzip im Islam. Ich finde übrigens auch nicht alle Jesus-Filme Schrott, Ben Hur finde ich ein absolutes Meisterwerk, gerade in dem, was von Jesus nicht gezeigt wird.



Frage: In Syrien soll demnächst ein Zeichentrickfilm ausgestrahlt werden, in dem der Prophet Muhammad dargestellt werden soll. Religiöse Gelehrte sind damit nicht einverstanden.



Samir Nasr: Ich habe von dieser Serie noch nichts gehört. Aber dass der Prophet explizit bildlich dargestellt wird, kann ich mir kaum vorstellen. Es hört sich auf jeden Fall interessant an.

"Folgeschäden"


Frage: Zu Ihrem Film "Folgeschäden" will ich Sie beglückwünschen, ich habe ihn im März in Augsburg beim Filmfestival gesehen. Warum gibt es Ihrer Meinung nicht mehr Filme dieser Art in Deutschland?



Samir Nasr: Es hat einige deutsche Filme zu dem Thema gegeben, die alle einen etwas anderen Ansatz haben und sich dadurch ganz gut ergänzen:, "Fremder Freund", oder "Schläfer", der zur selben Zeit entstand wie "Folgeschäden". Auch international gibt es einige Filme: der englische Film "Yasmin" befasst sich mit dem Thema.



Frage: Hat "Folgeschäden" autobiografische Elemente? Oder ist die Story frei erfunden?



Samir Nasr: Das Drehbuch von Florian Hanig war inspiriert durch einen wahren Fall. Aber der fertige Film ist dann natürlich ein Stück Fiktion. Jedoch eine, die sehr leicht passieren kann. Ich habe bei der Inszenierung versucht, das Lebensgefühl, das jeder Mensch mit einem orientalischen Aussehen seit dem 11. September hat, nachvollziehbar zu machen.



Frage: Welche Rolle spielt der Islam denn für Ihr künstlerisches Schaffen?



Samir Nasr: Ich würde sagen, dass der Islam keinen direkten Einfluss auf meine Arbeit. Aber sicher bin ich geprägt von einem Islamverständnis, das ich durch meine Familie in Kairo mitbekommen habe. Darin steht im Zentrum, ein guter Mensch zu sein, den Menschen mit Liebe und Respekt zu begegnen. Das ist für mich das Herz des Islam und das versuche in meiner Arbeit wie in meinem Leben generell zu verwirklichen.

Gerne einen Krimi!


Frage: Könnten Sie sich vorstellen, einen Film zu drehen, der gar nichts mit dem Islam oder Ägypten zu tun hat: Eine Klamotte? Oder ist das nicht ihr Stil?



Samir Nasr: Natürlich. Oder einen Krimi. Oder einen Thriller ohne islamische Terroristen! Ich wehre mich immer ein bisschen, darauf reduziert zu werden. Und meine Dokumentarfilme "Nachttanke" und der Film über die Polizei "Auf Streife durchs Leben" sind ja Porträts der deutschen Gesellschaft.



Frage: Haben Sie schon ein neue Filmidee - ist etwas in Aussicht?



Samir Nasr: Ja sicher. Es sind einige Projekte im Entstehen. Mein nächster Film wird die Verfilmung des Romans "Sharaf" des ägyptischen Schriftstellers Sonallah Ibrahim sein. Es wird eine deutsch-ägyptische Koproduktion und weitgehend in Ägypten gedreht werden.

Frage: Als Regisseur denkt man ja vor allem in Bildern. Welches Bild fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Muslime in Deutschland denken?



Samir Nasr: Eine schwere Frage. Ich habe ja selber all die Klischees im Kopf und ich muss mich wehren, nicht an Berlin-Kreuzberg oder so was zu denken. Aber ich denke, ohne pathetisch werden zu wollen, es ist ein Bild von einem orientalisch aussehenden Mann, der das Zugabteil verlässt, um aufs Klo zu gehen. Und im Abteil entsteht eine helle Aufregung, weil sein schwarzer Koffer noch da ist ...

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