Scharia und Grundgesetz

Kesici: Kein Widerspruch zwischen den Rechtssystemen

Burhan Kesici ist Generalsekretär des Islamrates in Deutschland. Er hat im "Forum am Freitag" über die Scharia gesprochen. Sie haben Ihre Fragen an Burhan Kesici in den thematischen Foren gestellt. Die Antworten auf Ihre Fragen können Sie jetzt nachlesen.

Burhan Kesici Quelle: ZDF


Frage: Wozu brauchen Muslime in demokratischen Staaten zusätzlich die Scharia?



Burhan Kesici: In dem Beitrag habe ich versucht zu verdeutlichen, dass die Scharia vielumfassend ist. Die Scharia regelt unsere Gebete, das Fasten, die Zakat und alle Bereiche des religiösen Lebens.
Die Frage suggeriert, dass demokratische Staatlichkeit nicht mit der Scharia (religiöses Leben) vereinbar sei, was ich kategorisch ablehne.



Frage: Wie stehen Sie dazu, dass Muslime, die als Angeklagte vor einem deutschen Gericht stehen, sich immer häufiger versuchen auf die Scharia zu berufen - und deutsche Richter dies teilweise als strafmindernd ansehen?



Kesici: Hier in Deutschland gelten die deutschen Gesetze und jeder hat sich daran zu halten. Vor dem deutschen Gesetz sollten alle gleich behandelt werden. Soweit ich informiert bin, greifen manche Gerichte bei Personen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben auf die Gesetze des Herkunftslandes zurück. Nationale Gesetze können sich auf religiöse Vorschriften berufen. Ich hatte in meinem Beitrag darauf aufmerksam gemacht, dass die Praxis und die Auslegung sehr unterschiedlich sein können. Daher wäre es angebracht hier von den nationalen Gesetzen der Herkunftsländer zu sprechen. Einige Politiker in den islamisch geprägten Ländern versuchen weltliche Belange mit religiösen Deckmänteln zu rechtfertigen, da sie genau wissen, dass sie dadurch die Legitimität beim Volk bekommen.



Frage: Auch wenn ich weiß, dass die Steinigung zur Zeit des Propheten (saws) angewandt wurde, wende ich mich selbst dezidiert gegen ihre Anwendung in der heutigen Zeit. Welche Möglichkeiten sehen Sie gemäß der Scharia, die anachronistische Steinigungsstrafe dauerhaft auszusetzen?



Kesici: Da schließe ich mich Ihnen an. Viele Theologen vertreten die Meinung, dass die Steinigung nichts islamisches ist, sondern aus der jüdischen und der damaligen arabischen Tradition entstammen.



Frage: Was sagt die Sharia über Homosexualität? Und zum Status von Polytheisten und Atheisten? Was zur Gleichberchtigung der Frau?



Kesici: Sie werden mir wahrscheinlich Recht geben, wenn ich sage, dass dieser Fragenkomplex nicht so ohne weiteres in einer kurzen Abhandlung beantwortet werden kann.



Frage: Warum hat die Scharia zunehmend im Euro-Islam an Bedeutung gewonnen, wo sie mit dem Grundgesetz nicht kompatibel ist? Hat dies soziale Gründe?



Kesici: Ich teile nicht die Meinung, dass die Scharia und das Grundgesetz sich widersprechen würden. Ich halte beide miteinander für kompatibel. Die Religion ist für die Muslime sehr wichtig und es ist normal, dass sie ihr Handeln versuchen islamisch zu legitimieren.

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